Arbeit für demokratische Kultur

Seite 3: Aktionen, Formen & Beispiele

Aktionen, Formen und Beispiele

Empowerment für Initiativnehmende

Der öffentliche Diskurs über NPD-Wahlerfolge und rechte Gewalt in Reinhardtsdorf-Schöna war schwierig. Viele Menschen mieden eine öffentliche Positionierung. Das Schweigekartell wehrte sich durch Schuldumkehr: Wache Demokratinnen und Demokraten wurden als »Nestbeschmutzer/innen« ausgegrenzt. (10) Dennoch gründete sich eine Bürgerinitiative (BI). Diese Initiative bestand aus wenigen Personen: Studierenden, Rentner/innen, einem Gemeinderat und der ev. Pfarrerin. Das KBS wurde um Begleitung bei der Festigung der Initiative gebeten. Mit der Organisation von Diskussionsabenden, Lesungen, Theater- und Filmaufführungen trat die BI im öffentlichen Raum in Erscheinung. (11)

In Borna übernahm eine Jugendgruppe die Initiative für einen Raum, in dem eine nicht rechte Jugendkultur gelebt werden konnte. Inspiriert von den Ergebnissen des Gemeindeporträts lud die Jugendinitiative, unterstützt durch die Gemeinwesenarbeiterin des KBS, zu einem Treffen von Jugendlichen über Diskriminierung und rechte Gewalt ein. Aus diesem Treffen entwickelte sich ein dauerhafter Gesprächskreis, der die Zusammenarbeit unterschiedlicher Jugendgruppen im Ort verstetigte und die Kommunikation über rechte Gewalt ermöglichte. (12)

Gemeindeporträt und aktivierende Befragung

Informelle Führer (13) aller Altersgruppen und Milieus werden interviewt: Gemeinderäte, Sozialprofessionelle, Lehrer/innen, Unternehmer/innen, Aktive in Feuerwehr, Kanevals-, Tourismus- oder Sportvereinen und religiösen Gemeinschaft. Aktivierende Fragen eröffnen Raum für individuelle Wahrnehmungen und Ideen. Das Gespräch in privater Atmosphäre schafft Vertrauen und regt zur Mitwirkung an. Das KBS verbindet so das Hören auf die Deutung der Adressat/innen mit der Analyse von Förderungs- und Behinderungsfaktoren in der Systematik der Grounded Theory. (14) Dabei erfolgt die Theorieerzeugung durch den Austauschprozess mit dem erhobenen Datenmaterial (theoretical coding). Statt eines festen Stichprobenplans wird während der Datenerhebung entschieden, welche Personen(-gruppen) in die Untersuchung einbezogen werden. (15) Diese Methode ermöglicht lokale Diskurse und Akteure zu identifizieren und Projektideen unter größtmöglicher Beteiligung zu entwickeln. Sie beinhaltet außerdem eine vom Community Organizing übernommene strategische Auseinandersetzung mit Macht. Macht verstanden als Wirkungsmacht für die Ziele interagierender Menschen (16) und Macht verstanden als Verhinderungsmacht derer, die keine Veränderung wollen. Die durch die GWA gefertigte externe Auswertung der Interviews und die thesenhafte Verdichtung relevanter Diskurse und Themen werden in einer Bürger/innenkonferenz (17) diskutiert. Die im Rahmen dieser Konferenz vorgeschlagenen Projekte entwickeln Zukunftswerkstätten (18) und Arbeitsgruppen weiter. (19) Dabei entscheiden die Teilnehmenden selbst über ihre Themen. Die GWA unterstützt den Prozess als Impulsgeber/in und Protokollant/in.

Ortsbezogene Themenentwicklung – Lebensweltbezug und Wertschätzung

Weil Gemeindeporträts das ungeliebte Thema Umgang mit Rechtsextremismus thematisieren, kann es hilfreich sein, weniger umstrittene Themen zu platzieren und auf eine Themenbearbeitung durch die Hintertür zu setzen, um mehr Menschen zu erreichen. In Reinhardtsdorf-Schöna wurde deutlich, dass die Befragten eine große Ortsverbundenheit haben, jedoch zwischen einzelnen Ortsteilen Differenzen herrschen. Diese Erkenntnis wurde in einem »Heimatbilderrätsel« zu einem beteiligungsorientieren Gemeindezugang: Die Regionalzeitung veröffentliche im Advent 24 Detailaufnahmen prägnanter Motive aus Ortsgestaltung, -geschichte und Architektur. Die am Bilderrätsel Interessierten fanden am entsprechenden Ort einen oder mehrere Buchstaben, die sich am Ende zum Lösungssatz »Die Heimat von Weltbürgern und ich mittendrin« formten.

Zusammenarbeit mit überregionalen Kampagnen, Institutionen

Das KBS arbeitet intensiv mit (über-)regionalen Netzwerken, wissenschaftlichen Instituten und Fachgremien zusammen. So wurde das GW-Projekt in Reinhardtsdorf-Schöna durch die Arbeitsstelle für Praxisforschung, Beratung und Entwicklung (apfe) der Ev. Hochschule Dresden wissenschaftlich begleitet. Das Gemeinwesenprojekt in Borna evaluierte das Institut für Demokratische Entwicklung und Soziale Integration (DESI) in Berlin. Für den praxisbezogenen Fachaustausch zwischen Initiativen und Bündnissen gründete das KBS das sächsische Netzwerk »Tolerantes Sachsen« zusammen mit der Bundesarbeitsgemeinschaft Demokratieentwicklung (BAGD) und der Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche und Rechtsextremismus (BAG K+R).