Leitprinzipien nachhaltiger Vereinsführung und Vereinsarbeit

Seite 3: Teilhabe, demokratische Willensbildung

Teilhabe und demokratische Willensbildung

Der freiwillige Zusammenschluss freier und gleicher Bürgerinnen und Bürger zu gemeinschaftlichem Engagement basiert auf sehr unterschiedlichen individuellen Motiven. Diese Vielfalt an individuellen Motiven gilt es einzubinden und auf ein zunächst recht abstraktes gemeinsames Ziel oder einen gemeinsamen Vereinszweck auszurichten. Dies kann nur gelingen, wenn die Vereinsmitglieder konsequent und auf allen Ebenen an den Entscheidungen beteiligt werden. Teilhabe und Partizipation im unfassenden Sinne heißt auch, die Vereinsmitglieder zur Teilhabe zu motivieren und basisdemokratische Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse zu organisieren. Diese Beteiligungsprozesse beruhen darauf, dass die beteiligten Vereinsmitglieder jederzeit als gleichberechtigt anerkannt werden. Zu einer partizipativen Organisation der Vereinsarbeit gehören eine offene Diskurskultur und transparente Abstimmungs- und Entscheidungsprozesse, welche die Vielfalt der Motive und Interessen zu einem konkreten Gemeinsamen bündeln.

Den sprichwörtlichen »Vereinsmeier« des vergangenen Jahrhunderts gab es in unterschiedlichen Ausprägungen. Da gab es beispielsweise das nach Anerkennung heischende einfache Mitglied als »Bundesbruder« und »draußen (…) nur ein armes Luder« (Kurt Tucholsky). Oder es gab den machtvollen Vereinspräsidenten, der mit dem Zuckerbrot der eher herablassenden Anerkennung und der Peitsche autoritärer Entscheidungen den Vereins-»Laden« und die Vereinsbrüder zusammenhielt. Dem altväterlichen Präsidialmodell, das auf klaren Hierarchien und Autorität nach sozialem Status baute, folgte die Herrschaft der Technokraten und Manager. Ihre Handlungslogik richtet sich nach betriebswirtschaftlichen Kriterien und Sachzwängen und prägt oft immer noch den Vorrang (vermeintlicher) Expertise vor wahrer Demokratie im Verein.

Beide Vereinswelten haben eine lange Tradition. Im Ergebnis haben sie eine enorme Vielfalt an Dienstleistungen hervorgebracht, sind aber – an jeweils verschiedenen Punkten – durch eine Art »Gleichschaltung« in die Krise geraten. In verschiedenen historischen Phasen unterschieden sie sich als bürgerrechtliche oder bürgergesellschaftliche Triebkraft kaum noch von anderen militärischen, politischen oder wirtschaftlichen Institutionen und Organisationen.

Vereinsregime, Macht und Herrschaftsformen gerade in größeren Vereinen haben in neuerer Zeit – zumindest teilweise – subtile Ausprägungen entwickelt. Sie folgen in vielen Fällen einer privatwirtschaftlichen Unternehmens- und Managementlogik.

Soll nachhaltige Vereinsarbeit den Anspruch souveränen Bürgerengagements verkörpern und gemeinschaftlich gesellschaftlichen Nutzen mehren sowie innovative gesellschaftliche Problemlösungen entwickeln, ist eine konsequent basisdemokratische Ausgestaltung der Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse auf allen Ebenen notwendig. Sie ist die tragfähigste Säule des Vereinshauses. Für das Leitprinzip der demokratischen Teilhabe gibt es gewichtige Gründe.

1. Durch demokratische Teilhabe können die individuellen Motive und Interessen am besten auf die gemeinschaftliche Zweck- und Zielsetzung ausgerichtet werden – auch bei einem mittel- bis langfristigen Wandel. Die Motive des Engagements sind vielfältig, Aspekte wie Macht, Anerkennung und Eigennutz spielen eine nicht zu unterschätzende Rolle. Mit dem wachsenden Einfluss jüngerer Generationen und Menschen anderer kultureller Herkunft ändern sich die Ausrucksformen und Motivlagen. Wenn sich Vereine mit ökologischen und kulturellen Zielen gründen, geht es verstärkt darum, nach alternativen Beschäftigungsmodellen zu suchen und Formen des Konsums zu entwickeln, die auf Subsistenz basieren.

2. Wenn es um die Nutzung und Verteilung begrenzter oder auch wachsender Ressourcen geht, ist ein strikt demokratisches Entscheidungsprinzip am nachhaltigsten. Die Mitglieder sind eingebunden und tragen potenziell auch schwierige und unbequeme Entscheidungen mit.

3. Mit gleichwertiger Teilhabe und Mitentscheidung wächst das Vertrauen. Es entwickelt sich eine Bindekraft in Form gemeinsamer und gemeinschaftlicher Verantwortung im Verein.

4. Gemeinsame Entscheidung und Verantwortung befördern die Integration neuer Mitglieder. Dies gilt insbesondere für Menschen, die mit der Gestaltung und Organisation von Vereinsarbeit wenig Erfahrung besitzen. Zu denken ist insbesondere an junge Menschen oder Migrantinnen und Migranten.

5. Durch demokratische Teilhabe und gemeinsam getragene Verantwortung können die Vereinsmitglieder Kompetenzen und Fähigkeiten entwickeln. Sie lernen, temporär oder auch funktional Vertretungs- und Führungsaufgaben zu übernehmen.

6. Demokratische Teilhabe stärkt die Anpassungsfähigkeit des Vereins an Veränderungen im Inneren wie auch an veränderte äußere, politische und gesellschaftliche Bedingungen.

7. Die Arbeit im Verein war und ist eine der stärksten demokratischen Sozialisationsinstanzen in unserer Gesellschaft: sei es für junge Menschen oder sei es für Menschen, die aus anderen, weniger von Teilhabe und Demokratie geprägten Kulturkreisen kommen.

8. Eine basisdemokratische Entscheidungs- und Organisationskultur dient nicht zuletzt auch der Legitimation nach außen. Dies gilt für die Zusammenarbeit mit anderen gemeinnützigen Organisationen oder öffentlichen Institutionen wie auch für den Einfluss auf politische Entscheidungen auf kommunaler Ebene.

9. Eine demokratische Organisationskultur erleichtert die Gewinnung neuer Mitglieder.

Teilhabe innerhalb des Gesamtvereins

Die Mitgliederversammlung trifft auf der Ebene des Gesamtvereins alle wesentlichen Entscheidungen. Sie trägt die Kernverantwortung für alle institutionellen, strategischen, personellen und Ressourcen betreffenden Grundsatzentscheidungen. Findet die Mitgliederversammlung im jährlichen Rhythmus statt, kann sie dieser Verantwortung schwerlich Rechnung tragen. Angemessen häufige und regelmäßige formelle Versammlungen – so hilfreich sie auch in atmosphärischer Hinsicht sein mögen – überfordern in der Regel das Zeitbudget der Beteiligten auch in kleineren Vereinen.

Eine praktikable Lösung kann sein, das Vereinsleben und die Mitglieder­versamm­lungen um (regelmäßige oder sporadische) virtuelle Willensbildungs- und Entschei­dungsprozesse zu ergänzen. Sie bedürfen allerdings formaler, allgemeiner Satzungsgrundlagen.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Virtuelle Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse als Ergänzung zu realen Mitgliederversammlungen

Um Willensbildungs- und Entscheidungsprozesse virtuell gestalten zu können, bedarf es formal lediglich einer entsprechenden allgemeinen Satzungsgrundlage: »Entscheidungen und Beschlüsse der Mitgliederversammlung können auch fernschriftlich oder fernmündlich gefasst werden«. Es empfiehlt sich, für das entsprechende Instrumentarium (E-Mail, Intranet-Systeme, Blogs, Chatrooms) ein unaufwendiges, persönliches Identifizierungsverfahren zu vereinbaren. Für die virtuellen Verfahren können grundsätzlich die gleichen Anforderungen und Satzungsbestimmungen (Fristen, Beschlussvorlagen, Anforderungen an Mehrheitsverhältnisse) gelten wie für die realen Mitgliederversammlungen.