Professionelle Projektgruppe (Wien)

Seite 2: Kritische Punkte, Kontaktadresse

Kritische Punkte

Auftragsklärung
Die beteiligten Einrichtungen wurden in der Hauptsache über die Stadt Wien beauftragt. Aktivierte Bewohner/innen äußerten unter Umständen auch verwaltungskritische Themen. Es waren sich also alle bewusst, dass im Zuge einer Aktivierenden Befragung mit hoher Wahrscheinlichkeit kritische Aussagen über Politik und Verwaltung auftauchen würden! Daher unser Tipp: Im Vorfeld der Befragung muss der Politik und der Verwaltung sehr deutlich gemacht werden, dass auch kritische Themen zu Tage treten können. Wir haben im Zuge unseres Projekts erfahren, dass die Auftragsklärung möglichst vor der Befragung durchgeführt werden sollte. Der umgekehrte Weg ist möglicherweise riskanter: Durch eine durchgeführte Aktivierung würde eine prinzipielle Diskussion mit dem/der Auftraggeber/in über den Auftrag für Gemeinwesenarbeit ausgelöst werden. Tipp: Schafft euch vor einer Aktivierenden Befragung eine möglichst klare Ausgangsposition mit Träger/innen und der Politik!

Konflikte vor der Befragung
Verschiedene Einrichtungen arbeiten nach verschiedenen Konzepten und verfolgen unterschiedliche Ziele. Daher sollte vor Beginn einer Zusammenarbeit genau geprüft werden, wie weit sich die Ziele und Ansätze »vertragen« und wie weit eine Zusammenarbeit sinnvoll erscheint.

Ein gutes gemeinsames Arbeitsverständnis ist Bedingung für eine Zusammenarbeit, aus der keine unnötigen Energien für Konfliktbearbeitung abfließen. Bestehende Konflikte zwischen durchführenden Einrichtungen und lokalen wie regionalen Entscheidungsträger/innen beeinflussen eine Aktivierende Befragung maßgeblich. Können wichtige Entscheidungsträger/innen nicht gewonnen werden bzw. nehmen diese eine negative Haltung zum Projekt ein, behindert das die Bürger/innen später in ihrer Umsetzungsarbeit. Daher: Bestehende Konflikte im Vorfeld einer Aktivierenden Befragung bearbeiten und keinesfalls unterschätzen oder von einer Befragung absehen!

Konkurrierende Einrichtungen
Folgende Fragen sollten unbedingt vor Projektstart gestellt und nachfolgende Eckpunkte berücksichtigt werden:

  • Wie wirkt sich steigende Konkurrenz zwischen Träger/innen sozialer Arbeit (bei abnehmenden Ressourcen) auf die Kooperationsmöglichkeiten im Stadtteil aus?
  • Wie gehen die in der Projektgruppe beteiligten Einrichtungen damit um, wenn große Unterschiede beim Ressourcen-Einsatz, der Verantwortlichkeit fürs Projekt und große Wissensunterschiede bestehen?

Um die Kooperation vieler Einrichtungen möglichst reibungslos gestalten zu können, benötigt es viel Zeit, um Wissens- und Haltungsunterschiede anzugleichen bzw. größtmöglichste Transparenz in der Projektentwicklung herzustellen. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass viele Institutionen am »Projektruder« die Arbeit erschweren, weil etwa die Transparenz von Entscheidungsabläufen getrübt werden kann. Wir empfehlen daher eine möglichst schlanke Projektgruppe bestehend aus wenigen Projektentwickler/innen. Damit die Befragung breit getragen wird, sollte mit möglichst vielen Einrichtungen kooperiert werden. So können etwa eine Vielzahl von Befrager/innen eingebunden werden.

Vorgefertigte Einrichtungs-Images
Im Gemeinwesen tätige Einrichtungen transportieren im Stadtteil Bilder und wecken Erwartungen. Diese wirken sich auf die Befragung aus. Beteiligen sich viele Einrichtungen, kann dem Image einzelner Institutionen entgegengewirkt werden – ebenso beispielsweise durch die Wahl des Versammlungsortes: damit steht am ehesten eine Institution oder ein spezielles Image einer Institution im Vordergrund. Die Bassena pflegt viele Kontakte zu Politik und Verwaltung. Dies erzeugte in vielen Bewohner/innen das Bild, die Bassena werde alle erhobenen Probleme für die Bewohner/innen lösen. Tipp: Die wichtigste Aktivierungsbotschaft während der Befragung an die Bewohner/innen lautet für uns: Wir (die Befrager/innen bzw. die Projektgruppe) werden nichts für euch tun. Wir bieten lediglich Begleitung für Gruppen und Prozesse, die aus eurer Aktivität entstehen.

Versammlung der Bewohner/innen
Die Bewohner/innenversammlung fand in der Bassena statt. Dadurch wurde bei vielen Bewohner/innen der Eindruck verstärkt, die Bassena würde für die Bewohner/innen aktiv werden. Unser Tipp also: Versammlung an einem möglichst neutralen Ort. Versammlung und Moderation brauchen eine gute Vorbereitung (inklusive Training der Moderator/innen) – dafür muss vorab ausreichend Zeit eingeplant werden. Unsere Erfahrung: Eine mit Plakaten oder einem Motto überladene, »zu gut« (etwa technisch perfekte Plakate) vorbereitete Versammlung wirkt deaktivierend – wieder entsteht der Eindruck: »Die tun für uns!«

Erfolgsdruck
Wie gehen Einrichtungen damit um, wenn Auftraggeber/innen den Erfolg der Arbeit vor allem an der Entstehung von Gruppen messen? Dieser Erfolgsdruck kann beispielsweise in der Versammlung hemmend sein. Ob Gruppen entstehen hängt von vielen Faktoren ab, u.a. auch davon, ob Bewohner/innen überhaupt einzeln oder in Gruppen aktiv werden wollen. Unser Tipp: Formuliert eure Ziele so offen wie möglich. Durch eine Aktivierende Befragung können viele Prozesse ausgelöst werden, deren Erfolg niemals allein auf Gruppenbildung(en) reduziert werden können. Erfolgskriterien können eben so gut heißen: Viele Menschen kommen zur Versammlung, Themen werden in der Siedlung diskutiert, die Politik zeigt starkes Interesse fürs Projekt usw.

Befrager/innen
Durch möglichst viele Befrager/innen mit großen Zeitressourcen können naturgemäß mehr Versuche unternommen werden, viele Bewohner/innen zu erreichen. Je größer andererseits das Befrager/innen-Team ist, desto mehr Koordinationsarbeit ist zu leisten und desto eher gehen Befragungsinformationen verloren.

Modifikationen
Welche Anpassungen der Methode an Zielgebiet, Kultur und Eigenart braucht es? Zur Diskussion stehen etwa stiegenweise (hauseingangsweise), kleinräumigere Versammlungen in bestehenden Hobbyräumen innerhalb der Großwohnanlage.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Stadtteilzentrum Bassena
Am Schöpfwerk 29/14
A-1120 Wien
Telefon (0 04 31) 6 67 94 80
Telefax (0 04 31) 6 65 91 78
E-Mail: stadtteilzentrum@bassena.at
Internet: www.bassena.at

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Christoph Stoik und Gottfried Kern ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.