Mit einer Nachbarschaftsorganisation (Düren II)

Seite 2: Erkenntnisse, Kritische Punkte, Kontaktadressen

Wenn nicht so viele Menschen besucht werden, ist es wichtig andere Orte oder Anlässe zu schaffen, wo ähnliche Erfahrungen gemacht werden können. Dabei haben sich verschiedene Alternativen bewährt:

  • Wenn sich über 20 bis 30 Personen potenziell interessieren, macht es Sinn zu einer Bewohnerversammlung einzuladen. Das Wort Bewohnerversammlung weckt allerdings oft die Erwartung, dass sehr viele Personen anwesend sein werden. Wenn dann (immerhin!) 10 Personen kommen, sind manche allein schon deshalb enttäuscht, weil sie mehr erwartet haben. Andere Begriffe wie »Informationsabend« können helfen. Vor allem aber kommt es auf die Moderation des Treffens an. Hier sollte spürbar sein, dass die Zusammenkunft dieser Personen ein wichtiger Anfang für neue wirkungsvolle Aktivitäten sein kann.
  • Wenn die Anzahl der potenziell Interessierten nicht so groß ist, hat sich die Einladung zum Gespräch mit Mitgliedern des Vorstandes bewährt. In den Organisationen, die wir beraten haben, besteht der Vorstand aus engagierten Bewohner/innen. Das organisierte Zusammentreffen von bereits Engagierten mit Neugierigen oder Interessierten setzt meist viele neue Ideen und Kräfte in Gang.
  • Wenn einzelne Besuchte an einem bestimmten Thema Interesse zeigten, können sie, wenn es zu diesem Themenkomplex bereits eine Arbeitsgruppe gibt, zu dem Treffen der bestehenden Gruppe eingeladen werden. Allerdings sollte dann vorher geklärt werden, wer sich für die eingeladene(n) Person(en) verantwortlich fühlt und sie willkommen heißt. Ratsam ist es auch, dieses Treffen dafür zu nutzen, dass sich die Gruppe über ihre gemeinsamen Ziele neu vergewissert. Wenn neue Personen dazu kommen, verändert sich die ganze Gruppe. Das müssen auch die »Alten« begreifen und akzeptieren. Sonst wird keine neue Person dazu kommen können!

Erkenntnisse

Eine schriftliche Vorankündigung der Befragungsaktion, möglichst mit Fotos der Befrager/innen ist sinnvoll (Beispiel siehe Anhang). Zusätzlich zum Einwurf in die Briefkästen sind mehrere Aushänge an gut sichtbaren Stellen im Viertel zu empfehlen. Eine brauchbare Alternative zu schriftlich angekündigten Besuchsterminen ist die Verabredung zu späteren Gesprächen direkt und unangemeldet an der Wohnungstür. Die Bewohner/innen bekommen dadurch vorab einen persönlichen Eindruck von der befragenden Person. Sie werden nicht überrumpelt und haben die Wahl, ob sie sich zu einem späteren, für sie günstigeren Zeitpunkt mit einem verabreden wollen. Dies verdeutlicht Respekt und schafft damit eine gute Ausgangsposition für das evtl. nachfolgende Gespräch.

Ein Gespräch ist dann erfolgreich geführt worden, wenn es der befragenden Person gelungen ist, Eigeninteressen der besuchten Person, d.h. was sie beschäftigt, interessiert oder ärgert herauszufinden. Bewohner/innen, die an dem Training »Wir bringen unseren Stadtteil auf Trab – Eine Anleitung zum Mächtig sein« , das vom Forum Community Organizing angeboten wird, teilgenommen hatten, waren meist sehr motiviert und gut vorbereitet für aktivierende Gespräche in der eigenen Nachbarschaft.

Wenn Besuche gemeinsam mit einer bereits aktiven Person gemacht werden, öffnet sich sowohl für diese als auch für den/die Besuchte eine andere Perspektive:

  • im Gespräch, wenn ebenfalls immigrierte Befrager/innen dabei sind und entwickeln dadurch mehr Zutrauen zur Organisation.
  • Nachbarn, die sich zwar vom Ansehen kennen, kommen erstmalig miteinander ins Gespräch.

Besonders hilfreich fanden wir die gemeinsame Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung »kleinerer Aktivierender Befragungen« mit einer Kollegin aus einem anderen Arbeitsbereich. Die eigene Verbindlichkeit, in der geplanten Zeit die verabredete Anzahl von Besuchen zu machen, steigt durch die gegenseitige Verabredung und der Blick einer außenstehenden Person schafft neue Sichtweisen und Erkenntnisse.

Kritische Punkte

Es ist wichtig, mit den Personen, die Besuche machen wollen zu klären, dass alles, was in den Gesprächen erfahren wird, vertraulich gehandhabt werden muss. Die Informationsweitergabe zwischen Übersetzer/in, Migrant/in und Gemeinwesenarbeiter/in sollte vor den Gesprächen geregelt werden.

Wenn Besuche gemeinsam mit bereits Aktiven gemacht werden, sollte genau beobachtet werden, wie die Anwesenheit dieser auf die Offenheit der Besuchten wirkt. Manche Personen öffnen sich viel besser, wenn eine aus der Nachbarschaft bekannte Person dabei ist. Das Gegenteil kann der Fall sein, wenn diese Person keinen hohen Status im Viertel hat oder bereits mit bestimmten Inhalten in Verbindung gebracht wird, die eine offene Gesprächsführung behindern, z.B. wird nur noch über das Thema billiger Supermarkt geredet, weil der besuchten Person bekannt ist, dass dies die Frau ist, die einen günstigen Supermarkt im Viertel will.

Wenn nur die Profis Gespräche führen besteht die Gefahr, dass nachher alle Kontakte über sie laufen. Dies ist unbedingt zu vermeiden. Schon während der Gespräche müssen sie ihren Auftrag und den Bezug zur Bewohnerorganisation deutlich formulieren. Anschließend werden die gewonnenen Ergebnisse an die Aktiven des Vereins rückgekoppelt. Dies geschieht durch gemeinsame Besuche von Interessierten oder durch die Einladung zu einer Arbeitsgruppe oder zu einer Bewohner/innen-Versammlung.

Eine kleine Befragung hat zur Folge, dass die Zielgruppe eingegrenzt wird. Bisherige Strukturen (eines Vereins, oder vorhandener Arbeitsgruppen) können ergänzt, erneuert oder erweitert werden. Die Schaffung von völlig Neuem ist bei diesem Umfang eher unrealistisch. Dies sollte bei der Planung bedacht werden.

Symbol: »Adresse« (ein Stift zeigt auf das Adressfeld eines Briefes)

Büro für Gemeinwesenarbeit der Ev. Gemeinde zu Düren
Phillippstraße 4
52349 Düren
Telefon (0 24 21) 18 81 69
Telefax (0 24 21) 18 81 88

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Silke Janssen und Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.