Mit einer Nachbarschaftsorganisation (Düren II)

Seite 1: Ausgangslage, Zielsetzung, Besonderheiten

Ausgangslage/Rahmenbedingungen

Als Mitarbeiterinnen im Büro für Gemeinwesenarbeit haben wir Bewohner/innenorganisationen in unterschiedlichen benachteiligten Wohnquartieren Dürens in ihrer Arbeit unterstützt und beraten. Bewohner/innen arbeiten hierzu in verschiedenen Arbeitsgruppen bzw. als gewählte Vertreter/innen zusammen. Die Themen werden durch die Bewohner/innen bestimmt und variieren daher je nach Dringlichkeit und Bedarf. Zu den Personen, die sich in den Vereinen engagieren, gehören verschiedenste Menschen. Unter anderem arbeiten viele Migranten/innen, Langzeitarbeitslose oder Sozialhilfeberechtigte mit, die zum Teil über geringe deutsche Sprach- oder Schreibkenntnisse verfügen. In der Regel besitzen nur wenige der engagierten Bewohner/innen Vorerfahrungen mit organisiertem, erfolgreichem gemeinsamen Handeln.

Ziele der Aktivierenden Befragung

Bewohnerorganisationen sind auf Dauer nur dann wirksam und mächtig, wenn sie lebendig und offen sind. Viele neue Aktive werden über die bereits engagierten Bewohner/innen und deren persönliche Kontakte gewonnen. Dieses System ist wirkungsvoll, kann aber den Eindruck einer in sich geschlossenen Organisation erwecken und führt innerhalb dieser oft zu Enttäuschungen von Aktiven, die bedauern, dass keine neuen Bewohner/innen aus sich selbst heraus für den Verein aktiv werden. Über »kleine Aktivierende Befragungen« sollen neue Personen den Zugang zu den Aktivitäten, Arbeitsgruppen, Gremien und Räumlichkeiten der Organisation finden. Zusammengefasst sind die Ziele der »kleinen« Aktivierung:

  • die Lebendigkeit und Offenheit der Organisation bewahren,
  • die Zufriedenheit und Motivation von Aktiven stärken und aufrechterhalten,
  • neue Menschen im Viertel, ihre Sichtweisen, ihre Interessen kennen lernen und mögliche Anknüpfungspunkte für gemeinsames Handeln herausfinden,
  • neue interessierte Menschen aus dem Viertel für die aktive Mitarbeit in der bestehenden Bewohner/innenorganisation (z.B. Interessengemeinschaft, Nachbarschaftsverein) gewinnen.

Besonderheiten der Vorgehensweise

Wir haben die Erfahrung gemacht, dass zur Erreichung der o.g. Ziele, »kleine Aktivierende Befragungen« ohne großen Personalaufwand und aufwändige öffentlichkeitswirksame Aktionen sehr wirkungsvoll sind. Es ist zu berücksichtigen, dass es bei unseren »kleinen Aktivierenden Befragungen« um Aktivierungsarbeit mit bereits im Viertel vorhandenen Strukturen, wie z.B. Bewohnervereinen, geht. Sie können gemeinsam mit einzelnen Bewohner/innen, einer/m Praktikant/in oder Kolleg/in durchgeführt werden. Dazu muss der zeitliche Umfang (ca.3 bis 5 Wochen) und die besondere Zielgruppe der Befragung (s.u.) auf ein realistisches Maß beschränkt werden. Die Aktionen bedürfen einer guten Vor- und Nachbereitung sowie ausreichend frei gehaltene Zeit bei der praktischen Umsetzung. Wird die Aktivierung in Zusammenarbeit mit einer bestehenden Bewohner/innen- Organisation gemacht wird, ist es wichtig, dass die Bewohner/innen eine aktive Rolle bei der Aktion übernehmen. Je mehr sie selber machen wollen oder können desto besser. Es hat sich bewährt, mit dem Vorstand bzw. mit verantwortlichen engagierten Bewohner/innen folgende Fragen zu klären:

Auftrags- und Zielklärung
Wer bzw. welche Zielgruppe soll besucht werden (z.B. Neuzugezogene, Eltern mit Kindern oder Bewohner/innen eines bestimmten Hauses etc.)? Wer kennt jemanden, der besucht werden sollte? Gibt es Aufgaben, Aktionen oder Vereinspositionen, für die neue Mitarbeiter/innen gesucht werden?

Aufgabenverteilung
Wen soll der/die Gemeinwesen­arbeiter/in allein besuchen, wer sollte gemeinsam mit Aktiven besucht werden? Wie wird bei Migranten/innen die Übersetzung geregelt? Folgende Vorbereitungen sind außerdem notwendig:

Gemeinsame Entwicklung eines Gesprächsleitfadens oder eines Notiz­zettels zum Festhalten der Ergebnisse
Welche Fragen sollen gestellt werden? Hilfreich bei der Gesprächsführung (offene Fragen!) sowie bei der Aufzeichnung der Eindrücke und Anknüpfungspunkte ist ein vorher zusammengestellter Leitfaden zum Protokollieren des Gesprächs. (siehe Anhang). Dieser sollte möglichst unmittelbar nach jedem Gespräch kurz ausgefüllt werden.

Vorbereitung auf Gesprächssituationen
Wer stellt sich wie vor? Wie frage ich wirklich offen? Wer übernimmt welche Rolle im Gespräch (Beobachtung, Gesprächsführung)? Welche Absprachen zu weiteren Gesprächen oder Einladungen können ggf. getroffen werden? Es ist wichtig, mit Bewohner/innen, Probegespräche vorher durchzuspielen.

Verabredung zur Auswertung und zu möglichen Handlungsalternativen
Wie sollen die Ergebnisse gesammelt und sondiert werden? Welche »Angebote« machen wir den Menschen, die Interesse zeigen und mitarbeiten wollen?

Durch die Aktivierende Befragung neugierig Gewordene sollten möglichst bald mit Ähnlich-Denkenden zusammenkommen um mit ihnen gemeinsame Interessen, Empörungspunkte und Handlungsmöglichkeiten entdecken zu können. Bei großen aktivierenden Befragungen passiert dies i.d.R. auf den Abschluss-Versammlungen, die allein schon durch die Menge der zusammenkommenden Menschen neues Kennenlernen ermöglichen und eine Aufbruchstimmung verbreiten können.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Silke Janssen und Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.