Ziele, kritische Punkte und Mindeststandards

Seite 4: Transparente Ergebnisse, Respektvolle Grundhaltung

Die Ergebnisse der Befragung müssen transparent gemacht werden

Die Befragten müssen wissen, wozu ihre Äußerungen benötigt werden und wer darüber informiert wird. Es sollte klar sein, dass die Ergebnisse der Befragung zuallererst den Befragten und Aktivierten gehören! Sie werden ihnen zur Verfügung gestellt und z.B. bei einer Versammlung am Ende der Befragungszeit vorgestellt. Am konsequentesten ist es, wenn ihnen auch danach die Entscheidungen darüber überlassen bleiben, wie sie damit weiterarbeiten (ob sie z.B. damit an die Presse gehen wollen oder wie sie ihr Wissen bei weiteren Schritten strategisch nutzen können). Professionelle, die die Aktivierten begleiten, sollten sie dabei beraten und unterstützen. Dies kann bereits ein guter Aufhänger sein, um das neue, eigenständige Vorgehen der Aktivierten in die Öffentlichkeit zu bringen – nach dem Motto: jetzt wird nicht mehr über uns geredet, sondern wir reden und handeln selber!

Zur Frage, wem die Ergebnisse gehören und wer damit weiterarbeiten kann, gibt es in der Praxis offensichtlich ein recht unterschiedliches Verständnis. Wichtig ist dabei vor allem die Transparenz! Verschiedentlich nutzen Professionelle selber die Ergebnisse, um eine Presseerklärung nach einer Befragung herausgeben. Sie sollten dabei allerdings bedenken, dass sie dann ihre Arbeit darstellen und was bei ihrer Arbeit herausgekommen ist (manche meinen, das seien sie ihren Geldgeber/innen schuldig). Allerdings ist es dann aber auch nicht verwunderlich, wenn ihnen als Professionellen daraufhin die Verantwortung übergeben wird, etwas aus den Ergebnissen zu machen: »...Die haben doch von so vielen gehört, dass hier so schlechte Spielmöglichkeiten sind, warum machen die denn nichts...«.

Aktivierung erfordert eine glaubwürdige, offene und respektvolle Grundhaltung der Aktivierer/in

Wann gelingt Aktivierung? Wann setzt sich jemand in Bewegung? Dafür gibt es keine Patentrezepte, denn es ist ein höchst persönlicher Entwicklungsprozess. Der Philosoph Ernst Bloch sieht den entscheidenden Impuls in der betreffenden Person selber: »Es gilt auch für gute Ohren, für den Mann, der sich etwas sagen lässt: Damit er zuhört, muss er von seiner eigenen Lage her gepackt sein, wie sie sich ihm spiegelt. Erst dann hat das Weitere Aussicht, gehört und verstanden zu werden, erweckt Vertrauen. Das aber gelingt nie von außen und von oben her« (Bloch 1937/1973:403). Aktivierung ist also eigentlich der Prozess, der, meist ausgelöst durch einen Konflikt oder eine Krise (Katharsis), in der aktivierten Person selber stattfindet. Das können andere (z.B. aktivierende Befrager/innen) durch ihr Tun nur anregen und unterstützen – aber auch stören und behindern! Die qualifizierte innere Haltung einer/s Aktivierer/in reflektiert folgende Grundeinstellungen in den Gesprächen:

  • Ich spreche jetzt mit einer/m Expert/in des Lebens hier im Quartier.
  • Ich weiß erst mal nichts oder nur sehr wenig.
  • Ich bin neugierig auf die Antworten.
  • Ich höre wirklich zu, um zu erfassen, wie diese Person die Dinge sieht und was ihr auf Grund ihrer Erfahrungen und ihrer Lebensgeschichte wichtig ist.
  • Ich respektiere diese Person, ihre Meinung und nehme Besonderheiten ihrer Sicht wahr (Einzelheiten ernst nehmen).
  • Ich möchte begreifen, was ihr Eigeninteresse ist und was sie wirklich bewegt.
  • Ich diskutiere nicht über richtig und falsch.
  • Ich überlasse ihr die Entscheidung ob sie sich weiter engagieren will oder nicht.
  • Respekt vor der Entscheidungsfreiheit heißt auch, ich respektiere es, wenn jemand nichts tun will!
  • Ich weiß nicht, was für diese Person gut ist oder was diese Person am Besten machen sollte.
  • Ich mache deutlich, dass das Problem nicht bei mir abzuladen ist – ich bin keine Helferin, aber ich kann eine Weggefährtin sein.
  • Ich zeige Verständnis für die Situation und ihre Sichtweise, aber bleibe nicht unbedingt dabei stehen: auf konstruktive Weise »mute ich zu« oder provoziere.


Dies knüpft an die besondere Kunst der sokratischen Gesprächsführung an, von der sich sowohl Alinsky als auch die Hausers haben anregen lassen: Die Kunst nachzufragen, ohne den anderen unter Rechtfertigungsdruck zu setzten, nicht zu schnell zu verstehen, eine konstruktive Spannung zu erzeugen, sodass neue Antworten und Einsichten gewonnen werden können. Im systemischen Kontext wird dies »Verstörung« genannt: »Der Effekt sind neue Anregungen und Ideen, die die bisherigen überhaupt nicht direkt kritisieren, aber in deren Licht jene irrelevant werden.« (Schlippe 1998:123) Bei all dem ist zu berücksichtigen, dass die ersten Antworten nicht immer das zeigen, was die Menschen wirklich denken. Aktivierung braucht meist mehrere Gespräche! Das heißt, dass die Aktivierende Befragung ein erster wichtiger Kontakt ist, aber es sollte möglich sein, dass weitere Gespräche folgen. Nur in den seltensten Fällen breiten Menschen bereits im ersten Gespräch aus, was sie wirklich bewegt. Dazu ist meist mehr Vertrauen zum Gesprächsgegenüber notwendig.

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Dieser Beitrag von Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.