Ziele, kritische Punkte und Mindeststandards

Seite 3: Sozialraumanalysen, Stadtteil, Stadtteil-Organisationen

B.

Manchmal werden (Aktivierende) Befragungen im Rahmen von Sozialraumanalysen durchgeführt, um damit nicht nur quantitative, sondern auch qualitative Daten erheben zu können. Das Ziel, das nach Abschluss der Befragung erreicht sein soll, lautet dann:

Mehr und qualitativ bessere Informationen zu einem bestimmten Wohngebiet/Viertel wurden erhoben.

Hier ist die Frage zu stellen: mehr Information für wen? Wem gehören die Ergebnisse? Der Wert guter Sozialraumanalysen als Basis für Entscheidungen von Politik und Verwaltung soll hier nicht in Frage gestellt werden (vgl. Freyberg 1999:49). Es bedarf aber einer klaren Abgrenzung zwischen dem Forschungs- und Datendokumentationsprojekt von Sozialwissenschaftler/innen und dem ganz eigenen »Produkt« der Aktivierung von Menschen mit offenem Ausgang.

Deshalb ist die Aktivierende Befragung eher eine geeignete Methode wenn klar ist (z.B. nach einer Sozialraumanalyse), dass in einer bestimmten Gegend, gemeinsam mit den Bürger/innen nach besseren Wegen zur Lösung von Problemen oder Behebung von Benachteiligungen gesucht werden soll.

C.

Wenn bestehende Einrichtungen im Stadtteil (Dienstleister) Aktivierende Befragungen durchführen, dann lauten die Ziele, die damit erreicht werden sollen:

  • Die Kontakte zu und zwischen den Bewohner/innen wurden intensiviert.
  • Die Kenntnisse über die Interessen, Bedürfnisse und Ressourcen der Bewohner/innen wurden erweitert.
  • Die Angebote und Dienstleistungen wurden im Sinne von ressourcenorientierter Arbeit verbessert.

Die Orientierung an den vorhandenen Stärken und Interessen der Adressat/innen gehört mittlerweile zu den Standards effektiver (Sozial-) Arbeit, wie z.B. bei der Stadtverwaltung/ Sozialplanung, im Allgemeinen Sozialen Dienst des Jugendamtes, bei Wohlfahrtsverbänden, in der Jugendarbeit bis hin zu Wohnungsunternehmen und der Wirtschaftsförderung. In diesem Bereich bieten sich derzeit zahlreiche Finanzierungsmöglichkeiten für Aktivierende Befragungen und die darauf folgende Weiterarbeit. Hier ist es besonders wichtig zu fragen:

  • Wer soll hier wohin aktiviert werden?
  • Wie offen ist das Ergebnis?
  • Wie offen sind die Auftraggeber für die Ergebnisse?

Wenn Einrichtungen der Wohlfahrtsverbände oder die Verwaltung ihre Arbeit verbessern wollen, geht es ihnen um Rückmeldungen und Wünsche an ihr professionelles Handeln. Außerdem wollen sie den Blick dafür schärfen, wo Kund/innen oder Klient/innen die Bereitschaft haben selber etwas zu tun und ehrenamtliches/freiwilliges Engagement möglich ist. Sie benötigen die Ergebnisse, um ihre eigene Arbeit effektiver tun zu können. Es ist eine Verbesserung der Arbeit, wenn mit und nicht für die Klient/innen und/oder Kund/innen gearbeitet wird. Auf Grund ihres speziellen Arbeitsauftrages haben sie manchmal jedoch eher Interesse an der Beantwortung spezieller, auf ihren Arbeitsbereich bezogener Fragen (z.B.: »Wollen Sie einen Aufzug im sanierten Haus, ja oder nein?«) und weniger Interesse an offenen Fragen. Hier ist es wichtig für Transparenz zu sorgen, damit die Befragten wissen, in wessen Auftrag befragt wird, was mit den Ergebnissen passiert und wer damit weiter arbeiten wird. Gegenüber den Auftraggebern ist hier fachliches Selbstbewusstsein gefragt, das deutlich macht, dass Aktivierung nur mit Ergebnisoffenheit erreichbar ist.

D.

Wenn bestehende Stadtteil-Organisationen (Bürgerinitiativen/Vereine) – meist mit Unterstützung von professionell Tätigen – Aktivierende Befragungen durchführen, dann sind die Ziele, die erreicht werden sollen:

  • Themen und Sichtweisen der Bewohner/innen wurden identifiziert bzw. ins Gespräch gebracht.
  • Die Aktivitäten und das Programm der (Bürger/innen) Organisation wurden erneuert.
  • Wie offen sind die Auftraggeber für die Ergebnisse?

Der Unterschied zu C liegt darin, dass solche Befragungen vor allem von Bewohner/innen selber oder von Professionellen gemeinsam mit aktiven Bewohner/innen durchgeführt werden (siehe auch LAG soziale Brennpunkte Niedersachsen 2001) und dass es dabei um die Stärkung einer bestehenden Bewohner-Organisation geht. Entscheidend für eine neue Qualität von Befragungen ist hier, ob es gelingt, dass die Befragten merken: Hier arbeiten Bürger/innen und Nachbar/innen, die ähnlich denken wie ich, zusammen und können gemeinsam wirklich etwas erreichen! Diese Organisation ist kein Dienstleistungsunternehmen, an das man Aufgaben und Aufträge delegieren kann, sondern es ändert sich nur etwas, wenn Bürger/innen es selber in die Hand nehmen und gemeinsam »handlungsmächtig« werden.

Bei dieser Form der Befragung ist die Vorbereitung und das Training der Befrager/innen zu folgenden Aspekten besonders wichtig: Zum einen die Vertraulichkeit der Gespräche! Es muss ihnen klar sein, dass, wenn sie über Informationen, die sie bei den Besuchen in der Nachbarschaft erfahren haben, »tratschen« , das ganze Vertrauen, das sie über die Gespräche aufgebaut haben, wieder zerstören.

Zum anderen der Respekt vor verschiedenen Meinungen. Es gehört dazu, dass es respektiert wird, wenn sich ein/e Nachbar/in dieser Organisation nicht zugehörig fühlen möchte. Außerdem ist Offenheit für neue Interessierte, die aktiv werden wollen und deren Sichtweisen erforderlich.

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Dieser Beitrag von Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.