Ziele, kritische Punkte und Mindeststandards

Seite 1: Offene Fragen, Langfristiger Prozess, Qualifizierte Begleitung

Wir hatten bereits eingangs darauf hingewiesen, dass wir bei unserer Suche nach geeigneten Beispielen für dieses Buch abenteuerliche Angebote bekamen von Aktivitäten, die unter dem Schlagwort »Aktivierende Befragung« kursierten. In diesem Kapitel möchte ich auf unserer Ansicht nach unverzichtbare Grundverständnisse und Kriterien hinweisen. Mögliche Verschiedenheiten sollen verdeutlicht und gewürdigt werden – denn es geht nicht um eine völlig gleiche Schablone für alle »Fälle«. Vielmehr möchte ich hier Kriterien an die Hand geben, um unterschiedliche Qualitäten von Aktivierung und Aktivierenden Befragungen erkennen bzw. bei der eigenen Vorbereitung und Durchführung berücksichtigen zu können.

Aktivierung – in aller Munde?

Es scheint manchmal so, als wolle es fast jeder: der aktivierende Staat, die aktivierende medizinische Behandlung, aktivierende Kommunalpolitik oder aktivierender Unterricht in der Schule... Die Erkenntnis, dass alles Handeln an Betroffenen oder Kund/innen nur dann Sinn macht, wenn sie das Ergebnis wollen und selber aktiv an dessen Erreichen beteiligt sind, verbreitet sich. Die Begriffe »Empowerment« (siehe dazu Stark 1993:41 ff und Herriger 91:2ff) , »Aktivierung« (1) oder »Ressourcen-Orientierung« (Schlippe 1998:158) tauchen mittlerweile in fast jedem Konzept (guter) sozialer Arbeit auf. Aber bisweilen scheinen sie wohl eher als Aushängeschild für Beteiligung oder eine vermeintlich besondere Qualität gebraucht zu werden, ohne einen längeren Prozess der Aktivierung, so wie ich ihn verstehe, wirklich gehen zu wollen. Diesen Weg will ich im Folgenden thesenartig beschreiben.

Aktivierende Befragungen brauchen offene Fragen!

Alle zitierten »Klassiker« der Aktivierenden Befragung beziehen sich auf die Bedeutung des offenen, forschenden und nicht bewertenden Fragens: Was meinen Sie? Was würden Sie tun, wenn Sie etwas zu sagen hätten?

In der Erforschung der ganz persönlichen Sichtweise, der Eigeninteressen und der jeweiligen persönlichen Ressourcen (source, engl. = Quelle!) liegt der Kern der Aktivierung. Um im Bild der Quelle zu bleiben: Diese Quellen können nur sprudeln, wenn sie verbunden sind mit ureigensten Erfahrungen, Interessen und Visionen – nach denen muss gefragt werden! Wenn das Ziel bereits vorgegeben ist, wenn geschlossene Fragen gestellt werden, die nur mit Ja oder Nein beantwortet werden können (»Wollen Sie hier eine Bank haben?«), handelt es sich eher um Meinungsumfragen oder auch Manipulation. Dann werden vielleicht die passenden Personen für ein vorher bereits entwickeltes Vorhaben gesucht und gefunden (das kann auch sinnvoll sein), ist aber etwas anderes als eine Aktivierende Befragung.

Aktivierende Befragungen sind keine kurzfristigen Aktionen, sondern der Beginn eines längerfristigen Prozesses

In diesem längerfristigen Prozess sind immer wieder Schlüsselerlebnisse nötig. Von besonderer Bedeutung ist dabei das persönliche Gespräch mit einem/einer aktivierenden Befrager/in, bei der erfahrbar wird: »Meine Meinung ist wichtig«. Wolfgang Stark (Stark 1993:41) bemerkt dazu, dass am Anfang von Empowermentprozessen immer ein emotional erlebter Bruch mit den Routinen des Alltags zu stehen scheint. Später ist es vielleicht eine Bewohnerversamm­lung, bei der erlebt wird: »Es gibt viele andere, die ähnlich sauer sind wie ich«. Oder eine neue Rollenerfahrung wird durch die Übernahme von Verantwortung für die Leitung einer Arbeitsgruppe, einer Versammlung oder beim Gespräch mit Politiker/innen gemacht, sodass die eigenen Kompetenzen und Wirkungsmöglichkeiten ganz anders als bisher erlebt und bewusst werden.

Aktivierung ist, wenn über mehrere Schritte hinweg die Erfahrung gemacht werden kann, es lohnt sich aktiv zu werden, ich kann durch mein Tun gemeinsam mit anderen etwas bewirken, ich bin nicht nur Opfer einer Situation oder eines Konfliktes sondern selber (Mit-)Gestalter/in. Dies kann passieren, »wenn kollektive Lernprozesse initiiert werden, die nicht durch Informationen von oben gesteuert werden, sondern sich an elementaren Bedürfnissen des Nahbereichs orientieren, also selbst erlebte Konflikte, Leidensdruck und Befreiungserfahrungen von Ohnmacht und Fremdbestimmung einschließen.« (vgl. Habermas, Wissenschaftstheorie 164) Solche Erfahrungen können nur dort gemacht werden, wo es wirkliche Konflikte durchzustehen gibt, wo es um Gestaltungs-Kraft, um Macht und konkrete Veränderungen geht – und diese brauchen ihre ganz eigene Zeit! Deshalb:

Aktivierung braucht eine qualifizierte (weitere) Begleitung.

Es ist nicht damit getan, wenn verärgerte Bürger/innen einmal zusammenkommen und beschließen, einen bösen Brief zu schreiben. Es ist wenig wahrscheinlich, dass die erhoffte Veränderung sofort eintritt. Meistens sind mehrere Schritte notwendig, um Ziele zu erreichen.

Wenn dann keine (professionelle) Begleitung oder Unterstützung bei der Planung und Durchführung weiterer Schritte möglich ist, werden nur diejenigen aktiv bleiben, die sich sowieso schon auskannten, die die nötigen Verbindungen und Kenntnisse haben (siehe Kap.: Voraussetzungen für Aktivierung und Partizipation). Für die anderen wird es eine erneute Erfahrung von: »Siehste, man kann ja doch nix erreichen... die da oben machen ja doch was sie wollen...«

Mit solchen Erlebnissen wird Hoffnungslosigkeit und Apathie nur noch weiter verstärkt. So muss »Aktivierer/innen« klar sein, dass sie bereits mit dem Beginn einer Aktivierenden Befragung eine hohe Verantwortung dafür übernehmen, dass später daraus auch wirkliche Verbesserungen oder Veränderungen gemeinsam angegangen und durchgesetzt sowie dafür angemessene Organisationsformen entwickelt werden können. Deshalb sind Voruntersuchungen wichtig!. Sie beinhalten die Möglichkeit zur Überprüfung, ob das geplante Vorgehen für dieses Quartier wirklich das angemessene ist. Hier besteht ein wesentlicher Unterschied zu qualitativen Befragungen, die im Rahmen von Sozialraumuntersuchungen stattfinden, bei denen es vor allem um die Erfassung von Daten und Sichtweisen geht. Enttäuschte Erwartungen auf wirkungsvolle Veränderungen haben eine besonders lange Nachwirkung. Das werden all diejenigen erfahren, die später noch einmal versuchen werden, diese Menschen zu neuem Handeln zu aktivieren. Ihnen wird vermutlich entgegengehalten: »Da waren schon mal welche hier, da hab ich mitgemacht. Aber das hat doch nix gebracht. Ne, lassen Sie mich in Ruhe, das bringt ja doch alles nix!«

Symbol: »Weitere Infos« (eine Lupe über 2 Blatt Papier)

Siehe Praxisbeispiel »Auf den Anfang kommt es an«.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.