Ziele, kritische Punkte und Mindeststandards

Seite 2: Lebendige demokratische Kultur, Ziele – Projektstart

Aktivierende Befragungen sind offensive Einladungen zu einer lebendigen demokratischen Kultur!

Ohne Aktivierung benachteiligter Bevölkerungsgruppen, die sich mit ihren Interessen in der Regel nicht in den demokratischen Prozess einbringen, ist Demokratie nicht umsetzbar. Aktivierende Befragungen sind nur da sinnvoll, wo es eine Wertschätzung für offene demokratische Prozesse gibt, wo verschiedene Meinungen und Blickwinkel sowie eigenständiges Denken erwünscht sind und als eine Bereicherung auf dem Weg zu guten Lösungen gesehen werden.

Vor dem Beginn von Aktivierenden Befragungen sollten die Bezüge zu diesen demokratischen Grundwerten bei Auftraggeber/innen, Finanzierer/innen und Durchführer/innen klar dargestellt und in die Aufträge mit »eingeflochten« werden. An dieser Stelle sind professionell Tätige gefragt, nicht alle Aufträge auf »Aktivierende Befragungen« ohne inhaltliche Überprüfung anzunehmen. Hier ist es notwendig, mit Sensibilität für die Interessen des Auftraggebers Profil zu zeigen, ethische und demokratische Standards deutlich zu machen und Freiräume für spätere demokratische Prozesse auszuhandeln. Wenn dies nicht – zumindest theoretisch – vermittelt werden kann, ist eine Aktivierende Befragung nicht das geeignete Mittel!

Diese – wohl dosierte – Klarheit am Anfang kann vorbeugen vor nachträglichen mühsamen Debatten oder sogar Abmahnungen, wenn das, was ursprünglich mit der Befragung beabsichtigt worden sei, angeblich nicht erreicht wurde! Es ist schließlich praktische Wahrnehmung von demokratischen Grundrechten, wenn aktivierte Mieter/innen sich nicht nur an der Gartenarbeit beteiligen wollen, sondern sich darüber hinaus für die Überprüfung der Betriebskostenabrechnung interessieren oder sich für eine Verbesserung der Einkaufsmöglichkeiten im Viertel engagieren. Das sollte Auftraggeber/innen – zumindest theoretisch – vorher klar gemacht werden.

Es gibt verschiedene Ziele bei Aktivierenden Befragungen

Das Hauptziel aktivierender Befragungen ist die Veränderung der Situation im Gemeinwesen im Sinne der dort lebenden und betroffenen Bürger/innen durch deren Aktion (vgl. Hinte/Karas 1989:47). Wenn wir die bunte Landschaft der durchgeführten Aktivierenden Befragungen angucken, zeigt sich eine breite Palette von Zielen, weshalb und wie Aktivierende Befragungen gestartet werden. Es mag paradox klingen, aber mit solchen Aktionen kann auch erreicht werden, dass Leute erst recht passiv bleiben (vgl. Ebbe, Friese 1989:171). Dann nämlich, wenn z.B. die Bedürfnisse erfragt werden um danach allein mit schönen neuen Angeboten oder veränderten Öffentlichkeitsarbeits-Strategien die genannten Ärgernisse zu »regeln«. Damit es gelingen kann, dass neue Menschen wirklich aktiv werden, ist es für alle Praktiker/innen notwendig, folgende Fragen zu klären:

  • Wer bestimmt die Ziele?
  • Was ist das Ziel? Was sind die Ziele?
  • Wem gehören die Ergebnisse?
  • Was geschieht nach der Befragung?

Im Folgenden werde ich verschiedene Ziele kurz vorstellen und Anfragen dazu formulieren.

A.

Sehr häufig werden Aktivierende Befragungen zu Beginn von Projekten initiiert. Meist gibt es für diese Quartiere eine Voreinschätzung, dass hier »etwas passieren« sollte – möglichst gemeinsam mit den Bürger/innen. Die Professionellen formulieren hierbei das vorläufige Ziel, machen aber von Anfang an deutlich, dass die Aktivitäten nach der Befragung in die Hände der Aktivierten übergehen werden. Die Ziele lauten dann:

  • Zur Förderung von selbst bestimmten Engagement wurden Kontakte zu Bewohner/innen geknüpft.
  • Bewohner/innen wurden darin unterstützt, sich klarer über ihre eigenen Interessen zu werden.
  • Interessierte Bewohner/innen haben nach Abschluss der Befragung die Möglichkeit zu einem moderierten Zusammentreffen (Bewohnerversammlung).
  • Dabei finden potenzielle Mitstreiter/innen ihren »gemeinsamen Nenner« (vgl. Seippel, 1976:171) und können gemeinsame Ziele formulieren.
  • Erste gemeinsame Schritte sowie Absprachen zum weiteren, organisierten gemeinsamen Vorgehen wurden verabredet.
  • Die selbst bestimmten Aktivitäten der Bewohner/innen werden von Fachkräften weiter begleitet, wo dies gewünscht und erforderlich ist.
  • Ob es gelingt, dass die Bewohner/innen nach der Aktivierenden Befragung anfangen als eigenständige Akteure zu handeln, hängt nicht zuletzt vom Rollenverständnis (dazu siehe auch Kap.: »Längerfristige aktivierende Arbeit mit Jugendlichen«) und dem Vorgehen der professionellen Begleitung zu folgenden Fragen ab: Werden die Bewohner/innen darin unterstützt eigene Organisationsformen zu entwickeln? Werden örtliche Schlüsselpersonen als gewählte Vertreter/innen gestärkt oder werden sie eher als ehrenamtliche Helfer/innen der Professionellen angesehen?
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.