Ziele, kritische Punkte und Mindeststandards

Seite 5: Bedingende Faktoren

Grenzen des sinnvollen Einsatzes von Aktivierenden Befragungen

Grundsätzlich ist Aktivierung mit Hilfe einer Aktivierenden Befragung nur dort sinnvoll und möglich, wo diese drei Faktoren zusammen kommen:

  • Materielle Rahmenbedingungen, die Ärger oder Leidensdruck bewirken und Anlass geben, etwas verändern zu wollen. Es muss also schon wirklich etwas zu tun, etwas zu verbessern geben!
  • Persönliche Ressourcen der Aktivierten. Entscheidend dabei ist das Eigeninteresse und die Erkenntnis: »Ich habe persönlich etwas davon wenn ich aktiv werde!«
  • Haltung der Aktivierer/in, die geprägt sein sollte von einer Mischung aus Offenheit und Zumutung: »Was Sie tun, ist Ihre Entscheidung. Wenn Sie wollen, können Sie hier etwas bewirken« sowie Ergebnisoffenheit des/der Auftraggeber/in.

Zu 1.

Nicht in allen (Wohn-) Gebieten und Aufgabenspektren sind Aktivierende Befragungen angebracht. Am Besten geeignet sind solche, in denen der Handlungsdruck, Missstände zu beheben, offensichtlich ist, und es wirklich etwas zu verbessern gibt. Außerdem sollte absehbar sein, dass Menschen durch gemeinsames Handeln auch wirklich etwas erreichen können. Gerade für die ersten Schritte nach einer Aktivierenden Befragung ist es wichtig, dass Aktivitäten unternommen werden können, die wirkungsvoll und erfolgreich sind.

Bereiche können zu klein sein für eine längerfristige Aktivierung. Es sollte eine ausreichende Anzahl von Menschen zur Verfügung stehen, damit auch noch Wahlfreiheit besteht sich zu engagieren oder auch nicht. Wenn 1–10% der Menschen sich engagieren, ist dies ein guter Anteil. Ganze Stadtteile sind allerdings in der Regel zu groß, weil persönliche Bezüge und Kontakte wichtig sind. Insbesondere für sozial Benachteiligte gilt, dass ihr Aktionsradius sich aus verschiedenen Gründen eher im Nahbereich befindet. Das Herausfinden der geeigneten Quartiersgrenzen kann z.B. auch ein Ergebnis der Voruntersuchung sein (siehe Kap.: »Auf den Anfang kommt es an«).

Dies knüpft an die besondere Kunst der sokratischen Gesprächsführung an, von der sich sowohl Alinsky als auch die Hausers haben anregen lassen: Die Kunst nachzufragen, ohne den anderen unter Rechtfertigungsdruck zu setzten, nicht zu schnell zu verstehen, eine konstruktive Spannung zu erzeugen, sodass neue Antworten und Einsichten gewonnen werden können. Im systemischen Kontext wird dies »Verstörung« genannt: »Der Effekt sind neue Anregungen und Ideen, die die bisherigen überhaupt nicht direkt kritisieren, aber in deren Licht jene irrelevant werden.« (Schlippe 1998:123) Bei all dem ist zu berücksichtigen, dass die ersten Antworten nicht immer das zeigen, was die Menschen wirklich denken. Aktivierung braucht meist mehrere Gespräche! Das heißt, dass die Aktivierende Befragung ein erster wichtiger Kontakt ist, aber es sollte möglich sein, dass weitere Gespräche folgen. Nur in den seltensten Fällen breiten Menschen bereits im ersten Gespräch aus, was sie wirklich bewegt. Dazu ist meist mehr Vertrauen zum Gesprächsgegenüber notwendig.

Zu 2.

Aktivierende Befragungen machen dann keinen Sinn, wenn deutlich wird, dass die Ressourcen der dort lebenden Menschen nicht ausreichen oder wenn nicht genügend Menschen gefunden werden können, in deren Eigeninteresse es liegt, sich für eine bestimmte Angelegenheit zu engagieren. Aber Vorsicht vor vorschnellen Einschätzungen! Ressourcen können sein: Zeit, Kontakte, Beziehungen, familiäre Netzwerke – gerade bei Migrant/innen –, (Konflikt)- Erfahrungen, Arbeitslosigkeit, Kontaktwünsche, Wünsche nach sinnstiftender Tätigkeit (bei Hausfrauen/männern genauso wie bei Leuten mit »nicht erfüllenden« Berufen) – solche Ressourcen werden nicht unbedingt im ersten Gespräch erkannt!

Zu 3.

Grenzen können sich auch dort zeigen, wo es an der Offenheit des Trägers/ Auftraggebers mangelt, wo Menschen über Befragungen eher manipulativ zu bestimmtem Verhalten oder Meinungen gedrängt werden sollen. Grenzen sind auch dort erreicht, wo nicht klar ist, wer die Ergebnisse erhält (Transparenz) bzw. wenn die Ergebnisse anders genutzt werden, als zunächst behauptet. Dann werden Menschen ausgehorcht und entmündigt und nicht aktiviert und gestärkt!

Aktivierend arbeiten kann, ausgehend von der oben beschriebenen inneren Haltung, außerdem nur eine Person, die persönlich daran glaubt, dass sich etwas bewegen lässt, die eigene Erfahrungen in der Bewältigung von Konfliktsituationen gemacht hat und neben einer guten Portion Humor und Hoffnung immer einige mögliche praktische Schritte vor Augen hat!

Um eben diese Grenzen zu erkennen ist es wichtig, Voruntersuchungen vor dem Einstieg in die Aktivierende Befragung zu machen. Dabei wird mittels Vorgesprächen und Erkundungen vorab geklärt, ob sich ein Gebiet oder ein Auftrag für eine Aktivierende Befragung und die daraus folgende Arbeit eignet. Gründe für den Abbruch des Vorhabens, eine Aktivierende Befragung durchzuführen, könnten sein:

Zu wenig Unmut oder Empörung, es sind keine Ansatzpunkte für den Einstieg in konkrete Aktionen erkennbar oder die zentralen Probleme betreffen Entscheidungsebenen, die nicht vorrangig auf lokaler Ebenen zu beeinflussen sind. Es zeigt sich verbreitete Apathie, die Leute regen sich nicht (mehr) auf und haben kein Vertrauen in mögliche Veränderungsprozesse. (2)

Zusammenfassend sehe ich folgende Mindeststandards für Aktivierende Befragungen:

  • Es ist offen, welche Ergebnisse heraus kommen: die Befragten können selber entscheiden, wie sie die Ergebnisse der Befragung bewerten und welche Konsequenzen sie daraus ziehen wollen.
  • Die Ergebnisse gehören zuallererst den Befragten und nicht dem Auftraggeber, der Stadtverwaltung oder sonstigen Institutionen!
  • Die Interessen der Beteiligten sind transparent: Es wird darüber informiert, wer hier fragt, mit welchem Ziel oder welchem Interesse und wer Zugang hat zu den Ergebnissen bzw. wer darüber informiert wird.
  • Es gibt eine Perspektive (besser noch eine Garantie) für eine nachhaltige Unterstützung und Begleitung der Aktivierten (Befragten) im Anschluss an die Befragung.
  • Die Befrager/innen werden für ihre Aufgaben qualifiziert vorbereitet und trainiert.
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Dieser Beitrag von Hille Richers ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.