Voraussetzungen für Aktivierung und Partizipation

Seite 2: Zu den Partizipationsstufen, Fazit

a) Grundvoraussetzungen für die erste Partizipationsstufe

Determinanten politischer Partizipation
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»Informieren«
Ob Aktionsbereitschaft entstehen kann, ist von folgenden Faktoren bestimmt:

Betroffenheit als handlungauslösendes Moment kann sowohl durch die Verschlechterung (negativer Betroffenheit), aber genauso auch durch die Verbesserung einer Situation (Nutznießung) ausgelöst werden (s. Hollihn 1978, S. 110).

Die weiteren subjektiven partizipationsfördenden Faktoren wie das persönliche Interesse und Informationsverhalten und der daraus resultierende Wissensstand über das Thema sind der zentrale Auslöser für Teilnahme (vgl. Buse et al. 1977, S. 290). Dies ist aber sehr eng mit den Bildungsvoraussetzungen der Betroffenen verknüpft, da es sich gezeigt hat, dass der Bildungsgrad eine zentrale Variable für Aktionsbereitschaft ist (Franz 1989, S. 221f.).

Partizipationsbarrieren bilden mangelnde Fähigkeiten, die Komplexität von anstehenden Entscheidungen zu erfassen, fehlendes Abstraktionsvermögen sowie Artikulationsschwierigkeiten. Der letztgenannte Punkt betrifft aber nicht nur benachteiligte Bevölkerungsgruppen, sondern ebenso auch Planungseliten (vgl. Rinke 1984, S. 68ff.; Herlyn 1972, S. 236). Diese Bildungsfaktoren sind wiederum eng gekoppelt an den strukturellen Faktor der ökonomischen Lage, die die Wahrnehmung und Interpretation eines Sachverhalts beeinflusst. »Unser ›soziales Kapital‹ ist ganz offensichtlich wesentlich mitbestimmt von unserem Zugang zum ›ökonomischen Kapital‹.« (vgl. Keupp 1995, S. 55; Rinke 1984, S. 91f.)

Der Prämisse Schulzes (1996, S. 39), dass Demokratie den Menschen nur dann am Herzen liegt, wenn deren ökonomische Lage kritisch ist, widersprechen zahlreiche Befunde, dass gerade überwiegend diejenigen aktiv sind, die sowohl ökonomisch als auch in biografischen Krisen abgesichert sind (vgl. Backhaus-Maul/Brandhorst 1997, S. 10).

Unabhängig von der ökonomischen Situation und dem Bildungsgrad jedes Einzelnen bildet das Milieu eines Quartiers eine wichtige Determinante politischer Partizipation. Die damit verbundenen Leitvorstellungen prägen die Werteorientierungen und Handlungsmuster und spiegeln sich dementsprechend auch in der Bewertung von Partizipation wider.

Mit Blick auf die relevanten Milieufaktoren sieht Strohmeier (1996, S. 4 f.) zudem in der Eingebundenheit in lokale soziale Netzwerke einen wichtigen partizipationsfördernden Faktor, wobei aber lokale Netzwerke durchaus nicht nur partizipationsverstärkend wirken können, sondern z.B. bei starken negativen Einstellungen zum politischen Verhalten auch das Gegenteil bewirken können.

Bedeutsam für politische Partizipationsprozesse ist des Weiteren der gemeinsame politische Raum in sozialem und geografischem Sinn und die örtliche Integration sowie die lokale Identität (Schulze 1996, S. 35 ff.). Lokale Identität regt an, sich mit anderen Betroffenen über politische Ereignisse auszutauschen und fördert die Grundlagen für die Wahrnehmung als erste Stufe der Partizipation.

b) Grundvoraussetzungen für die zweite Partizipationsstufe

»Mitwirkung«
Förderlich für die aktive Mitwirkung ist ein kommunikations- bzw. beteiligungsfreundliches partnerschaftliches Klima durch das politisch-administrative System.

»Wenn solch ein partizipationsaffines Klima herrscht, das die aktive Beteiligung des Bürgers an den anstehenden ihn betreffenden Entscheidungen vorsieht ..., kann eine Erhöhung der Partizipation in qualitativer und quantitativer Hinsicht erreicht werden.« (Buse et al. 1977, S. 292) Ein weiteres förderliches Kriterium bei Planungsprozessen ist die Überschaubarkeit des Sachverhalts und ein möglichst frühzeitiges und fortlaufendes Beteiligungsangebot . Die Qualität der politischen Partizipationskultur wird wesentlich beeinflusst durch persönliche Partizipationserfahrungen in Vereinigungen wie beispielsweise in Vereinen, Parteien oder Gewerkschaften sowie durch Vorläufer-Erfahrungen auf noch kleineren Partizipationsfeldern , beispielsweise in der Familie oder am Arbeitsplatz, die einen »demokratischen Politisierungseffekt mit langfristigen Folgewirkungen« haben (Vilmar 1971, S. 52; Oel 1982, S. 157f.).

Ein besonderer partizipationsfördernder subjektiver Faktor ist – so Strohmeier (1996, S. 34f.) – das Sozialvertrauen als Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten oder die von anderen Personen. Rommelspacher (1996, S. 17ff.) bestätigt den Befund des mangelnden Selbst- und Systemvertrauens insbesondere bei Bewohner/innen in benachteiligten Regionen, weil das soziale Klima , das einen hochgradigen Einfluss auf das Aktivierungspotenzial hat, von Unsicherheit geprägt ist und somit das Vertrauen in anstehende Veränderungsprozesse und in die Zukunft nur gering ist (vgl. ebd., S. 18ff). »Angesichts der reduzierten Bereitschaft der misstrauischen Akteure, überhaupt Interaktionen einzugehen, sind deshalb sehr lange Zeiträume zu veranschlagen, bis es zu einer Steigerung des Vertrauens- und der Partizipationsbereitschaft kommt.« (Strohmeier 1996, S. 34)

Dementsprechend sind langfristige Förderungsstrategien zu entwickeln und die Beteiligungsbereitschaft in diesen Milieus durch die Wahl von vertrauten Formen der Zusammenkunft zu fördern. Beteiligungsverfahren sollten daher entformalisiert werden und auf der lokalen Ebene flexibel aus den jeweiligen örtlichen Gepflogenheiten entwickelt werden.

c) Grundvoraussetzungen für die dritte und vierte Partizipationsstufe

»Mitentscheidung« und »Selbstverwaltung«
Der Verlauf des Entscheidungsprozesses und das Ergebnis hängen von den objektiv gegebenen gesellschaftlich-politischen Strukturen u nd Institutionen ab. Zu den wesentlichsten Faktoren politischer Partizipation zählen dabei grundsätzliche strukturelle Bedingungen, wie die rechtliche und finanzielle Abhängigkeit der Kommunen und die finanzielle kommunale Abhängigkeit vom ortsansässigen oder anzuwerbenden Gewerbe (vgl. Oel 1982, S. 151). Von hoher Bedeutung ist des Weiteren der eher »weiche« Faktor des subjektiven Demokratie- und Herrschaftsverständnis der Entscheidungsträger/innen, das sich zwischen den Polen von hierarchischen und offen-kooperativen Politikformen bewegt (vgl. Buse et al 1977, S. 22).

Fazit

Eine Aktivierende Befragung ist immer ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sie muss eingebettet sein, in ein solides, langfristig angelegtes Konzept zur Unterstützung eines Quartiers, das weit über den sozialen Bereich hinausgehende Faktoren beinhaltet und auf Bedingungen Einfluss nimmt, die sich dem unmittelbarem Engagement selbst hochgradig aktiver Bürger/innen entziehen.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.