Wolfgang Hinte und Fritz Karas

Seite 1: Zur Entstehung des »Studienbuchs Gruppen- und Gemeinwesenarbeit«

Um den nachfolgenden Text von Fritz Karas und Wolfgang Hinte aus dem »Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit« historisch besser einordnen zu können, wurde das folgende Interview mit Wolfgang Hinte geführt. Die Aussagen wurden von Fritz Karas bestätigt. Fritz Karas ist ehemaliger Fachhochschullehrer, pensioniert, aber noch immer aktiv in Sachen Gruppen- und Gemeinwesenarbeit. Wolfgang Hinte ist Hochschullehrer an der Universität Duisburg-Essen und Leiter des dortigen Instituts für stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB).

Wann und wie entstand das Buch und dann auch dieses Kapitel?
Wolfgang Hinte: Fritz Karas und ich kennen uns seit ungefähr 1970 und zwar über einen damaligen Oberhausener Priester, den Heinrich Werner, der wiederum Fritz Karas und Richard Hauser kannte und der mich damals als jungen Studenten mit dieser Gemeinwesenarbeitsszene bekannt gemacht hat, die sich damals in Deutschland hauptsächlich um Fritz Karas gruppierte. Richard Hauser war jemand, der so ein paar Mal im Jahr einflog, und dann gab es große Treffen, bei denen der »Meister« seine Weisheiten sagte, die in der Tat anregend und hilfreich waren. Fritz Karas arbeitete in Köln, zum Teil in Gemeinwesenprojekten, wurde dann Fachlehrer an der Fachhochschule in Mönchengladbach und hatte zahlreiche Erfahrungen in der Gemeinwesenarbeit. Ich las damals viel über Gemeinwesenarbeit und machte parallel dazu meine ersten praktischen Erfahrungen in der Arbeit in Wohnquartieren. Die andere Grundlage war meine Diplomarbeit, die ich 1973 geschrieben habe, sowie zahlreiche Materialien über die Aktivierende Befragung, die wir aus Trainings mit Multiplikatoren hatten. Das haben wir zusammengefügt und so entstand das »Grundprogramm Gemeinwesenarbeit«, das 1978 erschienen ist.

Woher stammen die praktischen Erfahrungen?
Wir haben damals in Oberhausen-Tackenberg die Projekte aufgebaut, die Alf Seippel in seinem Buch beschrieben hat. Wir haben dort in 3 Wohngebieten für die damalige Zeit relativ systematisch angelegte GWA-Projekte gemacht, und weil das damals irgendwie relativ schnell bekannt wurde, wurden wir dann auch immer wieder angefragt, um speziell solche Befragungen auch in anderen Wohngebieten durchzuführen beziehungsweise Befragungsteams zu trainieren und zwar hauptsächlich im Ruhrgebiet.

Wart ihr dann so ein mobiles Einsatzteam zur Befragung?
Ja, ich war damals Student und hab das alles in fast idealer Weise mit dem Studium verbinden können. Meine Kollegen und Kolleginnen waren Leute, die entweder Sozialarbeit studierten oder zum Teil schon selbst im Job waren, und es war eine quantitativ starke Gruppe von Kaplänen und evangelischen Pfarrern dabei, die sich über das Erlernen der Methode auch eine andere Form der Gemeindearbeit erhofften und die in damals für mich außerordentlich lehrreicher und unterstützender Art und Weise mitmachten. Ich habe von diesen Leuten viel gelernt sowohl was respektvolle Zugangsformen zu Menschen als auch was kluge Strategien zu und mit Institutionen betrifft.

Auf welche Theorien habt ihr denn noch zurückgegriffen?
Das war das Buch von Hans E. Bahr »Politisierung des Alltags« und das Buch von Bahr und Gronemeyer »Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit«. Alf Seippel war Assistent bei Hans E. Bahr in Bochum. Das waren wichtige Quellen, aber man muss klar sagen, dass es hauptsächlich Richard Hauser war, der uns beeinflusst hat. Nicht unwichtig waren auch C.W. Müller und Saul David Alinsky – aber beide Autoren waren für uns doch weiter weg und eher bedeutsam für die Theoriediskussionen.

Nun leben die beiden Hausers ja nicht mehr, sonst hätten wir die auch gern befragt. Was kannst du denn sagen, was hat die denn inspiriert, weil ihr beide ja, Seippel und ihr zwei ja vorrangig auf diese Ansätze zurückgreift?
Also ich halte Richard Hauser für einen wirklich wichtigen, ich meine sogar für den wichtigsten Mann bezogen auf den Transport dieser Form der Aktivierungsarbeit nach Deutschland. Er hat es damals einfach hingekriegt, über die evangelische und katholische Kirche diese Ideen hier zu verbreiten. Es waren fast immer Leute aus dem kirchlichen Bereich, die das vorwärts brachten. Richard Hauser war ein sehr konfrontativer Mensch, der sehr charismatisch war, aber auch viel mit – gelegentlich ziemlich überzogenen – Provokationen arbeitete. Fritz Karas war wohl sein Lieblingsschüler.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.