Wolfgang Hinte und Fritz Karas

Seite 2: Veränderte Praxis

Das ist mittlerweile ein Vierteljahrhundert her, dass ihr euer Kapitel zur Aktivierenden Befragung geschrieben habt. Was sind die wesentlichen Veränderungen, wenn du an die Praxis von heute denkst?
Was derzeit weniger gemacht wird und was wir damals dagegen sehr ernst nahmen, das war die Fachleutebefragung, die in der Reihenfolge vor der Betroffenenbefragung kommt. Die war damals auch wichtiger, weil wir uns überhaupt nicht in Ämtern und anderen Institutionen auskannten. Wir haben durch die Fachleutebefragung enorm viel gelernt über das Funktionieren der Bürokratie und zudem wurden wir dadurch erst bekannt bei denen.
Das ist bei den heutigen Projekten oft nicht so bedeutsam, weil sie zum Teil von der Bürokratie initiiert oder von der Bürokratie bezahlt sind, und die Akteure wissen voneinander viel mehr als damals. Wir kannten etwa die zuständigen Jugendamtsmitarbeiter nicht, die wiederum zum Teil gar nicht wissen, dass sie zuständig waren. Viele zentral operierende Institutionen arbeiteten damals in keiner Weise sozialraumorientiert und dadurch, dass wir bei denen nachfragten, waren die erstmals genötigt, sich Gedanken über das Gebiet zu machen.
Den zweiten Unterschied zu heutigen Befragungen sehe ich darin, dass nicht mehr so eng problembezogen befragt wird. Ich würde die Vorgehensweise in der Befragung heute etwas modifizieren und viel mehr mit den Leuten darüber reden, wo sie die Stärken des Wohngebietes sehen, damit die Dinge, die sie wichtig finden, auch ihren Raum erhalten. Der Blick auf vorhandene Ressourcen kann eine starke Kraft sein, um Engagement zu entwickeln. Diese Fragen hatten wir damals nicht drauf, wir waren sehr fixiert auf die Dinge, die nach Meinung der Leute schief liefen, die fehlten oder die verbesserungsfähig waren.

Ist hier sonst noch was wichtig, was du anmerken würdest?
Ansonsten bin ich immer wieder überrascht, wie relativ unverändert das Instrument geblieben ist und wie es gleichsam zeitlos verwandt werden kann. Ich finde auch immer wieder toll, in wie vielfältigen Kontexten die Aktivierende Befragung anzuwenden ist. Sie ist nicht nur ein Instrument, das man in einer Siedlung nutzen kann, sondern auch in einer Klinik, in einer Schule. Richard Hauser hat uns damals oft erzählt, wie er Aktivierende Befragungen in Institutionen gemacht hat und dadurch unglaublich viel Staub aufgewirbelt hat.
Was mir heute bedenklich erscheint ist, dass ziemlich oft, wenn irgendwo jemand jemanden befragt, was zu ändern ist, sofort das Etikett »Aktivierende Befragung« draufgeklebt wird. Ich halte das für falsch, da bin ich Methodenpurist. Wenn man von einer Aktivierenden Befragung spricht, dann sollte das auch entsprechend fachlich angelegt sein, mit entsprechendem Training vorher, mit systematischem Aufbau und vor allen Dingen mit einer soliden Begleitung der Aktivitäten, die sich anschließend entwickeln. Mich ärgert es, dass viele Leute das Werkzeug toll finden, dann mal so eben eine Befragung machen und sich dabei oft nicht darum kümmern, was danach passiert. Aktivierende Befragungen werden zudem meines Erachtens zu oft verbunden mit dem Interesse, harte empirische Daten zu sammeln, und oft siegt dann das Interesse der Sozialforscher über das Interesse derer, die anschließend praktisch was tun wollen. Das wird dem Ursprung der Aktivierenden Befragung nicht gerecht. Des Weiteren irritiert mich auch immer noch dieses Konzept der Aktivierenden Befragung als Einzelaktion, nach dem Motto: Man macht eine Aktivierende Befragung, und anschließend sind alle aktiv und alles ist anders. Das ist dummes Zeug. Eine Aktivierende Befragung ist ein gutes Instrument für eine Grundmobilisierung in einem Quartier. Sie ist nicht ein Projekt neben 15 anderen, sondern ein grundlegender Zugang, durch den dann Projekte entstehen können. Eine Aktivierende Befragung muss eingebettet sein in ein langfristiges Konzept, sie ist keine Seifenblase, die man hochgehen lässt und bewundert, weil sie so schön bunt ist – und ein Jahr später wundert man sich, dass nichts daraus geworden ist. Kurzfristiger Aktionismus ist bedenklich in einer Phase, in der die Aktivierende Befragung sehr aktuell ist und immer mehr genutzt wird. Gerade in dieser Zeit ist mir wichtig, dass man das Instrument solide, seriös, mit Bedacht und vor allen Dingen mit hoher konzeptioneller Klarheit benutzt. Selbst das beste Instrument dient in der Hand von Dilettanten nicht dem ursprünglichem Zweck.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.