Saul David Alinksy

Seite 2: Interview, Haltung, Situationsdefinition

Der zweite wichtige Punkt bei seiner Aktivierungsarbeit ist, dass er zunächst von den qualitativen Forschungsmethoden der Chicago School of Sociology ausging. Diese wurzeln in der Ethnografie, aber auch in der Weiterentwicklung und Systematisierung der journalistischen Reportage: Interview und teilnehmende Beobachtung. Das grundlegende Interesse dieser Forscher/innen galt den Lebensgeschichten der Menschen und der Art und Weise wie sie ihren Alltag bewältigen. Alinsky wies 1934 in einem Aufsatz zur Interviewtheorie anhand von Fallstudien nach, dass offene Interviews gegenüber formalisierten Interviews ergiebiger sind und wesentlich mehr zu einem ganzheitlichen Bild (im Original: »gestalt-picture«) der Situation beitragen konnten.

Die Detailkenntnisse des Interviewers/ der Interviewerin und sein/ ihr Interesse an den Problemen und Ressourcen der Neighborhood oder der Community spielten eine entscheidende Rolle dabei, das Vertrauen der interviewten Personen (in diesem Fall jugendliche Haftinsassen) zu gewinnen. (8) Das Interesse am Alltagsleben der Menschen führte in den damaligen Forschungen zu einer hohen Wertschätzung der »vor Ort-Erfah­rung« und den Informationen aus »erster Hand« . Kennzeichnend für diese Art der Lebenswelterkundung ist, dass die Bewohner erstmals als Expert/innen der eigenen Situation galten und in die Forschung einbezogen wurden. (9)

Eine dritte Sache ist für das Verständnis der Aktivierungsarbeit von Saul D. Alinsky wichtig: die persönliche Haltung. Alinsky wird nicht müde zu beschreiben, dass die persönliche Haltung des- oder derjenigen, der oder die Menschen aktivieren will, die Leidenschaft für den Nächsten sein muss. Für ihn ist das, was er »Radikalität« nennt, geradezu durch den Glauben an die Menschen, die Menschenrechte, an Chancengleichheit und die Möglichkeit eines demokratischen Zusammenlebens definiert. (10) Zu den weiteren wichtigen Eigenschaften zählt er die »Neugier« und den »Respekt vor dem Leben« und der »Würde der Menschen« . Nach Alinsky können diese Eigenschaften aber durchaus mit »Respektlosigkeit« gegenüber so genannten Wahrheiten, Dogmen und festgefahrenen Moralvorstellungen einhergehen. Gemeinwesenarbeiter/innen sollen »gut integriert« , aber »politisch schizoid« sein, außerdem sollen sie »Kreativität und Vorstellungskraft« und einen »Sinn für Humor« besitzen. Dafür dürfen sie allerdings nur eine »verschwommene Vision von einer besseren Welt« haben. Sie sollen eine »organisierte Persönlichkeit« sein, »frei und offen« , aber gleichzeitig auch eine »politische Relativität bewahren« . Die Konzepte der »politischen Relativität« oder gar des »politischen Schizoid-Seins« erschließen sich erst, wenn man abermals auf den Fundus der Chicago School zurückgreift. Alinskys geschätzter Soziologielehrer Robert E. Park entwickelte in den Zwanzigerjahren das Konzept des »marginal man« (in Deutschland sprach man in dieser Zeit vom »Randseiter«), dem er eine tragende Rolle bei der Erforschung unterschiedlicher Stadtkulturen und der Vermittlung zwischen diesen zuschrieb. Erst die doppelte Perspektive eines (gut integrierten) »Mitgliedes zweier Kulturen« ermöglicht eine objektive Beurteilung der Situation einer Nachbarschaft.

Dies geschieht da, wo sich die Innensicht des/ der Bewohner/in als Expert/in mit der Außensicht des/ der Gemeinwesenarbeiter/in verschränkt. Gemeinwesenarbeiter/innen tun deshalb gut daran zu wissen, dass sie Angehörige zweier Kulturen sein sollten und so gleichzeitig innerhalb und außerhalb des Gemeinwesens stehen können. Sie tun gut daran zu wissen, dass dies genau der Platz ist, wo sie hingehören. Sie sind »politisch relativ« , weil sie über mindestens zwei Perspektiven verfügen und sie sind »politisch schizoid« , soweit sich diese Perspektiven nicht decken. Wenn sie in beiden Kulturen »gut integriert« sind, kann diese Spannung fruchtbare Erkenntnisse erzeugen. (11)

Ein weiteres Konzept der Chicago School mit Bedeutung für Alinskys Aktivierungsarbeit ist die »Situationsdefinition« : »Wenn Menschen Situationen für real halten, dann hat das reale Folgen (Thomas-Theorem).« (12) Alinsky war wohl derjenige, der entdeckt hat, dass Situationsdefinitionen nicht nur reale Folgen haben, sondern auch kommunikativ verändert werden können. Alinsky analysiert und diskutiert innerhalb der Organisationen die »Situation« . Diese gemeinsame Analyse der Situation und die gemeinsame Erarbeitung einer Situationsdefinition kann als Grundlage für das angesehen werden, was später unter den Begriff »partizipative Forschung« oder »Aktionsforschung« weiterentwickelt worden ist. Alinsky selbst erweitert später die Situationsanalyse zur Machtanalyse. Während andere Theoretiker sich noch darum bemühten, zu bestimmen was Macht ist, experimentierte er schon damit. (13) Alinsky definierte mit Hilfe eines in Amerika gebräuchlichen Lexikons Macht als »die Fähigkeit zu Handeln« . Durch die Thematisierung von Macht erzeugte er ein kritisches Bewusstsein von der Problematik der jeweiligen Situation und von der Notwendigkeit gemeinsamen, organisierten, öffentlichen und damit politischen Handelns. Damit schuf er die Bedingungen für die Möglichkeit gemeinsamen Handelns.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Peter Szynka ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.