Saul David Alinksy

Seite 3: Die Sokratische Methode

Die Praxis, die Alinsky seit der Zeit seines Back-of-the-Yards-Projektes auf diesen Prämissen aufbaute, war die Praxis der Organisation von (bereits bestehenden) Organisationen. Eine hervorragende Rolle spielten dabei die »organisierte Arbeit« (Gewerkschaften) und die »organisierte Religion« (Kirchengemeinden). Den Bewohner/innen des Bezirks hinter den Schlachthöfen war gemeinsam, dass sie alle abhängig bei den großen Fleischverpackungsindustrien arbeiteten, die bislang erfolgreich die gewerkschaftliche Organisation ihrer Arbeiter verhindert hatten. Den Arbeiter/innen war darüber hinaus gemeinsam, dass sie, obwohl aus unterschiedlichen Ländern stammend, überwiegend katholisch waren. Die Kirchengemeinden waren allerdings »national« d.h. als Einwanderergemeinden organisiert und zu gemeinsamem Handeln zunächst nicht in der Lage. Als es gelang, die Repräsentant/innen der Gewerkschaft und der Kirche zu einem gemeinsamen Vorgehen zur Verbesserung der Situation im Stadtteil zusammenzubringen, waren die großen gesellschaftlichen Kräfte (14) gefunden, auf denen die Macht und der Erfolg der von ihm ins Leben gerufenen Organisation, das Back-of-the-Yards-Council, beruhte. Nur Stunden nach dem Bekanntwerden dieses Bündnisses, gaben die Vertreter/innen der Fleischverpackungsindustrie den Forderungen der Gewerkschaft nach.

Aber nicht allein diese Geschichte ist für unseren Zusammenhang interessant, sondern die Tatsache, dass die organisierten Organisationen aus ihren jeweils unterschiedlichen Traditionen auch jeweils eigene Strategien der Aktivierung mit in das politische Handeln einbrachten. Der Einfachheit halber möchte ich diese Strategien der Aktivierung als »Agitation« und »Mission« bezeichnen. (15)

Die Frage entsteht, welche Position Alinsky entwickelt hat, um diese Strategien zu verbinden bzw. in seine Strategie zu integrieren. Alinsky hat im Sokratischen Dialog eine Methode der Aktivierung gefunden, die den/die befragte(n) Partner/in in den Mittelpunkt stellt. Der Sokratische Dialog hilft Gesprächspartner/innen, ihre eigenen Positionen zu entwickeln und zu erproben. Der Sokratische Dialog ist aber auch gleichzeitig eine Meta-Methode, die eine Kritik der traditionellen Aktivierungsmethoden ermöglicht. Diese Kritik ist immer dann notwendig, wenn die Gesprächspartner/innen nicht mehr als selbstständige Subjekte begriffen werden. (16) Was ist nun ein »Sokratischer Dialog« und welche Rolle spielt er im Denken Alinskys?

Sokrates hat selbst keine Bücher geschrieben, sondern hat seine gesamte Philosophie im Dialog entwickelt. Was wir über Sokrates wissen, stammt von anderen klassischen Autoren, insbesondere von Plato, der viele seiner Dialoge überliefert hat. In den überlieferten sokratischen Dialogen steht nicht Sokrates der Fragende im Mittelpunkt, sondern die Befragten, Sokrates’ Schüler. Der/die Fragende fragt aus einer vorsichtigen Position des neugierigen, noch nicht festgelegten, gelehrten Nichtwissens (Sokrates: »Ich weiß, dass ich nichts weiß«). So hilft man den Befragten, ihre eigene Meinung, ihre eigene Position zu artikulieren.

Gelegentlich verstricken sich Sokrates’ Schüler durch seine Fragen in Widersprüche oder werden mit gegenteiligen Meinungen konfrontiert. Hierdurch können sie in Verwirrung (Aporie) geraten, haben aber die Gelegenheit, ihre Positionen weiterzuentwickeln und zu festigen. Dies gehört zur Methode oder ist sogar ihr Kern. Sie gelangen von einem unzureichenden, naiven Verständnis der Situation zu einer systematischeren, effektiveren Vorgehensweise. Scheinwissen wird durch Wissen ersetzt, Apathie, Resignation oder wie Alinsky sagen würde, »politischer Analphabetismus« wird verringert. Sokrates selbst vergleicht seine Arbeit mit der Hebammenkunst (Mäeutik), die er bei seiner Mutter beobachtet hat. Seine Aufgabe sei zwar nicht, Kinder auf die Welt zu bringen, aber den Schülern zu helfen, ihre Gedanken zur Sprache und damit zur Welt zu bringen. Alinsky bezog sich gern auf antike Konzepte, wenn er der Meinung war, sie könnten zur Lösung gegenwärtiger Probleme beitragen. Zum Beispiel nutzte er den »Melierdialog« , eine Episode aus dem Feldzug des Alcibiades gegen Sizilien (17) als Grundlage für Rollenspiele, in denen zukünftigen Organizer/innen die Kunst der erfolgreichen Verhandlungsführung vermittelt wurde. (18)

Als Alinsky in seinem Spätwerk »Rules for Radicals« seine jahrzehntelangen Erfahrungen im Bereich des Community Organizing reflektiert, nennt er den Teil seiner Methode, der sich auf die Aktivierung neuer Mitglieder für Bürgerorganisationen bezieht, die »sokratische Methode.« (19)

Im Mittelpunkt der sokratischen Methode steht die Kunst des Fragens. Für Alinsky hat das anteilnehmende und interessierte Fragen bei der Aktivierung von Menschen eine grundsätzliche, fast religiöse Bedeutung, wie im folgendem Zitat deutlich wird: »Wenn ich ein religiöses Symbol auswählen sollte, dann würde ich nicht das Kreuz oder den Davidstern wählen, sondern das Fragezeichen. Das Fragezeichen erinnert an eine umgedrehte Pflugschar. Richtig gestellte Fragen brechen die Gedanken um wie ein Pflug und ermöglichen das Wachsen neuer Gedanken und Ideen.« (20)

Zusammenfassend kann gesagt werden, das Alinsky seine Befragungs- und Aktivierungsmethoden im Rahmen der Forschungsmethoden der Chicago School of Sociology entwickelt hat. Im Rahmen seiner Organisationstätigkeiten hat er weiterhin auch traditionelle Formen der Mitgliederwerbung und Mitgliederbindung integriert. Hier sind insbesondere die gewerkschaftlichen Rekrutierungs- und Agitationsbemühungen der CIO (21) zu nennen. Zu nennen sind aber auch die Versuche der zahlreichen, unterschiedlichen Einwandererkirchen, die ihre Mitglieder vor den Gefahren des sich schnell wandelnden, urbanen Lebens zu bewahren suchten, aber auch darauf aus waren, Unentschlossene zu missionieren. Erst langsam kommen die unterschiedlichen Einwandererkirchen dazu, ökumenische Zusammenschlüsse zu bilden. Alinsky ergreift weder Partei für eine religiöse Richtung noch sieht er in den Organisationen der Arbeiterbewegung eine ausreichende Lösung. Seine Botschaft ist die Botschaft der amerikanischen Demokratie und der Freiheit des Individuums. Alinsky versucht, seine dialogische Praxis durch den Rückgriff auf das Modell des Sokratischen Dialogs zu reflektieren und zu begründen. (22)

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Peter Szynka ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.