Richard und Hephzibah Hauser

Seite 2: Aktivierende Befragung bei Richard und Hephzibah Hauser

Die Hausers wohnten in einem großen Haus, das im Erdgeschoss eine Menge Räume hatte, in denen sich die verschiedenen Gruppen aus dem Viertel trafen. Ich besuchte sie und war von ihrer Arbeit sehr beeindruckt. Dann besuchte ich das Wandsworth-Prison, ein großes Gefängnis, in dem Hauser mit Gruppenarbeit begonnen hatte, und schließlich auch eine Psychiatrische Klinik, in der er mit den Patienten und dem Personal arbeitete. Dieses und zahlreiche andere Aktivitäten hatten mich so beeindruckt, dass ich Richard Hauser bat, bei ihm eine Ausbildung zum Gruppentrainer und Gemeinwesenarbeiter zu machen. Er meinte, wenn ich das wollte, dann müsste ich in Köln ein Projekt aufbauen. Ich fuhr also nach Köln zurück und machte eine Befragung bei der Stadt und erfuhr dort, dass es in Köln viele Obdachlosen-Siedlungen gab, in denen die Menschen unter ziemlich erbärmlichen Bedingungen lebten. Ich berichtete Hauser darüber, und er riet mir, in einer Siedlung eine Aktivierende Befragung durchzuführen. Schon in der ersten Siedlung lernte ich eine engagierte Hauswartin kennen, die von der Stadt bezahlt wurde. Mit ihr befragte ich die Leute in der Siedlung. Dann folgte eine Versammlung, in denen ich den Teilnehmern die Ergebnisse vorstellte. Die Teilnehmer/innen wussten gar nicht, dass sie fast alle einer Meinung über die miesen Verhältnisse waren. Sie beschlossen, Gruppen zu bilden, um an der Verbesserung zu arbeiten. Dabei wurden sie von mir unterstützt. Wir hatten großen Erfolg, und ich begann die Arbeit auch in anderen Siedlungen. Meinem damaligen Arbeitgeber, das war die katholische Kirche, gefiel gar nicht, dass ich mich für diese Arbeit so sehr engagierte. So kündigte ich und begann, freiberuflich zu arbeiten, u.a. auch in den Projekten in denen ich jungen Leuten und auch Sozialarbeitern sowie Pfarrern die Methoden der Gruppen und Gemeinwesenarbeit beibrachte.«

Richard Hauser besuchte damals sporadisch, insbesondere auf Einladung kirchlicher Organisationen, die Bundesrepublik und nutzte seine Aufenthalte für Vorträge, Schulungen und Projektberatungen für einen immer größer werdenden Kreis von Leuten, die im Zuge der damaligen gesellschaftlichen Aufbruchstimmung über abstrakte Theoriediskussionen hinaus konkrete Veränderungen in Wohnquartieren (damals insbesondere in Obdachlosensiedlungen) bewirken wollten. Dabei stießen sie auf erbitterten Widerstand der etablierten staatlichen Institutionen: auf der Gegenseite waren durchweg kommunale Behörden, insbesondere die Jugendämter und Ordnungsbehörden, aber auch Wohnungsbauunternehmen und gelegentlich Kirchengemeinden und Parteien, die sich in ihrem Alleinvertretungsanspruch bezogen auf religiöse oder politische Themen durch die aufkeimende Bürgeraktivität substanziell bedroht fühlten. Die Selbstverständlichkeit, mit der Hauser von Aktivierung, Betroffenenbeteiligung und Eigen­initiative der Benachteiligten sprach, verunsicherte das institutionelle (und bürgerliche) Establishment auf eine Art und Weise, die heute nur kopfschüttelnd zur Kenntnis genommen werden kann. Engagierte Pfarrer wurden vor den Bischof zitiert, angehenden Religionslehrern wurde die kirchliche Lehrerlaubnis (Missio Canonica) verweigert, aktive Lehrer in Bürgergruppen kriegten Ärger mit ihrem Rektor, und allzu aufmüpfige Gruppierungen konnten sich vor Hausverboten in öffentlichen und kirchlichen Einrichtungen nicht retten.

Weitere Notizen zur Aktionsuntersuchung
Abbildung aus R. und H. Hauser, München 1971, S. 457.

Was heute ausdrücklich gewünscht und finanziell gefördert wird, galt damals als aufrührerisch, kommunistisch unterwandert und subversiv. Gegen diese geballte Skepsis und Widerständigkeit des Establishments hantierte Hauser völlig unorthodox mit einem Theoriemix aus Lewinscher Gruppendynamik, fortschrittlicher Tiefenpsychologie und interaktionischer Soziologie. Er ironisierte die bestehenden Strukturen, ermutigte zu Aktionen jedweder Art gegen die Bürokratie (»Was kann Ihnen schon passieren? Ist etwa in Deutschland schon mal ein Sozialarbeiter im Namen der Stadtverwaltung erschossen worden?«) und entwickelte pfiffige Formen für Gruppenaktionen im Gemeinwesen.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.