Originaltext: Aktionsuntersuchung

Seite 1: Vorbemerkung, Phase 1
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Der folgende Textauszug ist dem Handbuch Aktivierende Gemeinwesenarbeit, Band I: Konzepte – Bedingungen –Strategien - Methoden, Gelnhausen/Berlin 1976, S.157–169 von Alf Seippel entnommen. Auszug mit freundlicher Genehmigung des Burckhardthaus-Verlags. (1)

Vorbemerkung

Die Aktionsuntersuchung als Befragungs- und Beobachtungsverfahren ermöglicht den direkten Einstieg in konkrete Feldarbeit. Ihr Interesse ist mehrschichtig:

Einmal will sie, wie empirische Soziologie, möglichst zuverlässige Informationen (Daten) gewinnen (auch für die Teildimension Theorie). Zu diesen Daten gehören statistische Zahlen, Aktivitäten, Missstände als Erscheinungsformen und Auswirkungen von (Neben-) Widersprüchen gesellschaftlicher Verhältnisse, Einstellungen, Meinungen, Verhaltensweisen (z.B. Apathie, Aggression) hinsichtlich bestimmter Probleme. Zugleich geht es um mögliche Ansätze zum Handeln der Betroffenen.

Zum andern will sie Lernen ermöglichen: bei dem Untersuchenden ebenso wie bei den »Betroffenen«. Sie setzt deshalb beim Situationsbewusstsein und bei den alltäglichen Lebensproblemen derer an, mit denen man arbeiten will, statt eigene Vorstellungen aufzudrängen: »Der Ausgangspunkt für unsere Arbeit ist dort, wo die Leute stehen, nicht dort, wo wir sie haben wollen. Durch die Aktionsuntersuchung wollen wir erfahren, was die Betroffenen denken und fühlen. Wir wollen erreichen, dass die Menschen, mit denen wir arbeiten, sich selbst und ihre Umwelt erkennen. Wir helfen ihnen, indem wir sie befragen. Denn um zu antworten, beginnen sie vielleicht zum ersten Mal über gewisse Probleme nachzudenken.« (2)

Insgesamt steht die Aktionsuntersuchung im Interesse der Beseitigung von Missständen, sozialer Ungerechtigkeit und der Überwindung politischer Ohnmacht durch Betroffene, sucht Ansätze zur (Freilegung von) Veränderungsbereitschaft/-fähigkeit, versteht sich selbst als Beginn einer Aktion: »Action-research ist der Name, den wir dem mühseligen Prozess geben, in dem Ideen in die Wirklichkeit übersetzt werden.« (3). Es lassen sich vier Phasen unterscheiden.

Phase 1: Klärung des eigenen Anliegens

Ein sozialer Zustand wird als Problem empfunden. Er kann sich auf Bewohner eines bestimmten Gebiets (Neubauviertel, Obdachlosensiedlung, verslumter Stadtteil), auf »kategoriale Gruppen« (Behinderte, Lehrlinge, Rentner) oder auf »funktionelle Einheiten« (Heime, Gefängnis, Krankenhaus) beziehen. Das Problem muss – mit anderen und möglichst mit von ihm Betroffenen – diskutiert und formuliert werden. Dazu sollten insbesondere Personen gefunden werden, die bereit sind, sich zu engagieren. Eine Gruppenbildung (Stimulatoren und Teilnehmer eines Veränderungsprozesses) kann auf verschiedene Weise gefördert werden:

  • Einbringen des Problems in bestehende Gruppen, die sich mit Analyse, Theoriebildung, Strategiediskussion beschäftigen, zur sozialen Aktion motiviert und bereit sind, sich methodisch schulen zu lassen (z.B. sozialpolitische Arbeitskreise, linksorientierte Jugendgruppen);
  • Schulungskurse für Handlungsmotivierte (der Mittelschicht) aus sozialen Berufen (Lehrer, Theologen, Sozialarbeiter, Zivildienstleistende);
  • Gemeindeseminare mit Gruppen mit in der Regel noch wenig entwickeltem Problembewusstsein (Erwachsenenbildung);
  • Problemorientierter Unterricht: konkrete Ansätze in Schule und Berufsschule als soziale/politische Bildung (innerhalb der Institution und unter Einbeziehen ihres Umfeldes: der direkten Wohnumwelt, der Elternhäuser, der selbsterlebten Berufssituation)
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Schriftliches Material zum Problem wird zu einer groben Übersicht ausgewertet. Das Vor-Urteil der Gruppe (Einschätzung des Problems und seiner Lösungswege durch die Gruppe selbst, durch die Betroffenen und durch zuständige »Experten«) wird als 1. Hypothese festgehalten. Das klar formulierte Vor­urteil und die eigene Motivation der Gruppe (Entrüstung und Neugier/Zweifel) sind wichtige Voraussetzungen für die zweite Phase.