Originaltext: Aktionsuntersuchung

Seite 4: Phase 4

Phase 4: Arbeit der Aktionsgruppen

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Es ist wichtig, dass Betroffene das zu tun beginnen, was sie selbst für richtig halten – auch wenn die aktivierende Gruppe es lieber sähe, wenn sie mit etwas anderem beginnen würden. In den Gruppen, die sich zur Lösung besonderer Probleme gebildet haben, und in den Versammlungen, die sich der Ersten anschließen, vollzieht sich »konfliktorientierte« Gemeinwesenarbeit, die sich durch Planungen und Ausführungen der Betroffenen auszeichnet.

Diese GWA bleibt weiterhin aktivierende GWA, solange sie durch beharrliche Arbeit nach innen und Aktionen nach außen Interessen der Betroffenen aufdeckt und vertritt und neue Leute, neue Ideen, neue Aktivitäten einbezieht. Geschieht das nicht, verkümmern die Initiativen zu abgekapselten Zirkeln ohne Rückhalt in der Bevölkerung und ohne Recht, sich auf sie berufen zu können.

Versuche der Konfliktlösung müssen kalkuliert sein, um einer Entmutigung durch vermeidbare Fehlschläge vorzubeugen. Es ist bei Problemen unter Berücksichtigung ihrer Ursachen zu fragen, was diese Gruppen selbst kurzfristig zur Lösung tun können, was mittelfristig in Angriff genommen werden muss und was langfristig nur durch überlokalen solidarischen Kampf an gesellschaftlichen Zuständen geändert werden kann.

Methodik aktivierender Befragung

a) Vorbereitung
Um sich selbst darüber klar zu werden, was in den Interviews mit Experten und Betroffenen erfragt und in welcher Weise gefragt werden soll, erarbeitet die Gruppe Fragebögen (die im Verlauf der Befragungen nach Bedarf und Erfahrungen geändert werden). Diese Vorbereitung ermöglicht auch die Einübung von Interviewverhalten durch simulierte Befragungssituationen und später eine Auswertung (Aufbereitung und Analyse) der Befragungen (eine gewisse Zuverlässigkeit der Ergebnisse).

Da es nicht allein darum geht, sich mit der erforderlichen Materialgrundlage für eigene Arbeit zu versehen, sondern Bewertungen von »Fakten«, Einstellungen, Verhaltensweisen, Entrüstungspunkte, Bereitschaft zur Aktion zu erheben, möglichst zu beeinflussen, demnach auch Beobachtungen (etwa: was die Leute nicht sagen) zu notieren, ist die schriftliche Befragung untauglich (5), der persönliche Zugang zu den Leuten in ihrer Umwelt notwendig.

Allenfalls können im Gespräch vom Befrager Antworten in Stichworten auf vorgefassten Fragebögen eingetragen werden. Am besten aber prägt man sich die Fragen ein, um Anhaltspunkte für das Gespräch zu haben. Für eine vergleichende Auswertung sollten alle Punkte im Gespräch angeschnitten werden und sofort oder direkt nach dem Interview notiert werden.

Als peinlich empfundene Fragen (Dinge »über die man nicht spricht«; Ereignisse, die für die Erhebung von geringer Bedeutung sind: Klatsch, Streitigkeiten, Intimbereich; auch soziale Daten [wie Einkommen], die man vor Neugier schützt) werden unbedingt vermieden, weil die Befragten in ihrer Antwort gehemmt sind bzw. zur Unwahrhaftigkeit neigen.

Die Erwartungen beider, des Fragenden und des Befragten, beeinflussen die Wahrnehmung und die Aussagen während des Gesprächs. (Der Frager findet das, was er finden wollte. Oder: Die Leute sagen, was sie meinen, der Frager möchte es hören.)
Es gibt »Störfaktoren« (unterschiedliche Sprache, verschiedene Schichtzugehörigkeit, Äußerlichkeiten), die bedacht werden müssen, um sie möglichst klein zu halten. Wichtig ist die sprachliche Form der Fragen:

Fragen müssen verständlich sein. Sie dürfen die Antwort nicht in den Mund legen (Suggestivfragen), Reizworte sind zu vermeiden. Der Befragte braucht Zeit, um Fragen zu erfassen, um darüber nachzudenken und um Antworten zu formulieren. (6) Das Gespräch wird möglichst wenig gegängelt (die Leitfragen des erarbeiteten Fragebogens dienen dazu, den Problembereich weitgehend zur Sprache zu bringen). Entscheidungsfragen, Fragen, in denen die Antwortmöglichkeiten eingebaut sind, sollte man kaum stellen.

Die Befragung ist keine Diskussion mit den Befragten über ihre Meinungen. »Wenn wir Meinungen hören, die wir nicht teilen, oder wenn Zustände, Fakten und Personen von den Befragten objektiv falsch dargestellt werden, greifen wir nicht ein. Solche Vorurteile sind für uns Fakten insofern, als sie das Handeln der Befragten bestimmen. Für den Prozess der Aktivierung ist es falsch, diese Vorurteile durch Diskussion beseitigen zu wollen.« (7)

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Günstig sind Gruppeninterviews mit Gruppendiskussionen. Eine Gruppe fühlt sich durch den Frager nicht in der Weise bedrängt wie eine Einzelperson. Eine Gruppe korrigiert sich gegenseitig, es kann ein Klärungsprozess beginnen, der für die Mitglieder stärkere Impulse darstellt, als die aktivierende Befragung von einzelnen: »Man hat die richtige Einstellung, wenn man in eine Gruppe geht, um von ihr zu lernen. Das kann man den Leuten ruhig sagen, Sie sind dann im Allgemeinen sehr hilfsbereit, denn es kommt sicher nicht häufig vor, dass jemand von außen in eine Gruppe kommt und von den Mitgliedern etwas lernen will.« (8)