Originaltext: Aktionsuntersuchung

Seite 1: Vorbemerkung, Phase 1
Autor

Der folgende Textauszug ist dem Handbuch Aktivierende Gemeinwesenarbeit, Band I: Konzepte – Bedingungen –Strategien - Methoden, Gelnhausen/Berlin 1976, S.157–169 von Alf Seippel entnommen. Auszug mit freundlicher Genehmigung des Burckhardthaus-Verlags. (1)

Vorbemerkung

Die Aktionsuntersuchung als Befragungs- und Beobachtungsverfahren ermöglicht den direkten Einstieg in konkrete Feldarbeit. Ihr Interesse ist mehrschichtig:

Einmal will sie, wie empirische Soziologie, möglichst zuverlässige Informationen (Daten) gewinnen (auch für die Teildimension Theorie). Zu diesen Daten gehören statistische Zahlen, Aktivitäten, Missstände als Erscheinungsformen und Auswirkungen von (Neben-) Widersprüchen gesellschaftlicher Verhältnisse, Einstellungen, Meinungen, Verhaltensweisen (z.B. Apathie, Aggression) hinsichtlich bestimmter Probleme. Zugleich geht es um mögliche Ansätze zum Handeln der Betroffenen.

Zum andern will sie Lernen ermöglichen: bei dem Untersuchenden ebenso wie bei den »Betroffenen«. Sie setzt deshalb beim Situationsbewusstsein und bei den alltäglichen Lebensproblemen derer an, mit denen man arbeiten will, statt eigene Vorstellungen aufzudrängen: »Der Ausgangspunkt für unsere Arbeit ist dort, wo die Leute stehen, nicht dort, wo wir sie haben wollen. Durch die Aktionsuntersuchung wollen wir erfahren, was die Betroffenen denken und fühlen. Wir wollen erreichen, dass die Menschen, mit denen wir arbeiten, sich selbst und ihre Umwelt erkennen. Wir helfen ihnen, indem wir sie befragen. Denn um zu antworten, beginnen sie vielleicht zum ersten Mal über gewisse Probleme nachzudenken.« (2)

Insgesamt steht die Aktionsuntersuchung im Interesse der Beseitigung von Missständen, sozialer Ungerechtigkeit und der Überwindung politischer Ohnmacht durch Betroffene, sucht Ansätze zur (Freilegung von) Veränderungsbereitschaft/-fähigkeit, versteht sich selbst als Beginn einer Aktion: »Action-research ist der Name, den wir dem mühseligen Prozess geben, in dem Ideen in die Wirklichkeit übersetzt werden.« (3). Es lassen sich vier Phasen unterscheiden.

Phase 1: Klärung des eigenen Anliegens

Ein sozialer Zustand wird als Problem empfunden. Er kann sich auf Bewohner eines bestimmten Gebiets (Neubauviertel, Obdachlosensiedlung, verslumter Stadtteil), auf »kategoriale Gruppen« (Behinderte, Lehrlinge, Rentner) oder auf »funktionelle Einheiten« (Heime, Gefängnis, Krankenhaus) beziehen. Das Problem muss – mit anderen und möglichst mit von ihm Betroffenen – diskutiert und formuliert werden. Dazu sollten insbesondere Personen gefunden werden, die bereit sind, sich zu engagieren. Eine Gruppenbildung (Stimulatoren und Teilnehmer eines Veränderungsprozesses) kann auf verschiedene Weise gefördert werden:

  • Einbringen des Problems in bestehende Gruppen, die sich mit Analyse, Theoriebildung, Strategiediskussion beschäftigen, zur sozialen Aktion motiviert und bereit sind, sich methodisch schulen zu lassen (z.B. sozialpolitische Arbeitskreise, linksorientierte Jugendgruppen);
  • Schulungskurse für Handlungsmotivierte (der Mittelschicht) aus sozialen Berufen (Lehrer, Theologen, Sozialarbeiter, Zivildienstleistende);
  • Gemeindeseminare mit Gruppen mit in der Regel noch wenig entwickeltem Problembewusstsein (Erwachsenenbildung);
  • Problemorientierter Unterricht: konkrete Ansätze in Schule und Berufsschule als soziale/politische Bildung (innerhalb der Institution und unter Einbeziehen ihres Umfeldes: der direkten Wohnumwelt, der Elternhäuser, der selbsterlebten Berufssituation)
    (4)

Schriftliches Material zum Problem wird zu einer groben Übersicht ausgewertet. Das Vor-Urteil der Gruppe (Einschätzung des Problems und seiner Lösungswege durch die Gruppe selbst, durch die Betroffenen und durch zuständige »Experten«) wird als 1. Hypothese festgehalten. Das klar formulierte Vor­urteil und die eigene Motivation der Gruppe (Entrüstung und Neugier/Zweifel) sind wichtige Voraussetzungen für die zweite Phase.

Seite 2: Phase 2

Phase 2: Voruntersuchung

Ihr erstes Ziel ist die Kontrolle der bisherigen Vorarbeit, die sich in einer 1. Hypothese niedergeschlagen hat.

Wichtig

Ihre Leitfrage ist: Ist »unser« Problem auch das der Betroffenen? Als eine Suchmethode bemüht sie sich herauszufinden, wie sich Probleme in der Wirklichkeit darstellen und wie sie subjektiv empfunden werden. Sie fragt danach, was man anfangen kann und wie das geschehen könnte.

Ihr – wie der folgenden Hauptuntersuchung – geht es ferner darum, Leute zu entdecken, die sich in eine Gruppe verwandeln und als vom Problem Betroffene fragen: Was können wir selbst tun?

Methodisch bedient sie sich der Beobachtung und der mündlichen Befragung auf zugleich zwei Ebenen: bei den Experten des Problemfeldes und bei den Betroffenen. Die Interviews werden gemeinsam vorbereitet und im Rahmen der Voruntersuchung getestet (Fragen wir verständlich? Fragen wir an den Leuten vorbei?).

Auswertung der Voruntersuchung

Die schriftlich festgehaltenen Einzelergebnisse werden aufbereitet, analysiert und zusammengefasst, um aus dem Vor-Urteil ein besser begründetes Urteil herauszubilden.
Die Auswertung schafft eine Übersicht (Umrisse einer Sozialtopografie). Die Schwerpunktprobleme können gewichtet werden. Es wird eine Entscheidung vorbereitet, die der Verantwortbarkeit von Mobilisierung der Betroffenen gerecht wird: Entweder

a) Abbruch der Aktionsuntersuchung:

  • es wurden keine Ansatzpunkte zum Einstieg in konkrete Aktionen entdeckt;
  • es gibt zwar gravierende Probleme, aber die Apathie ist zu groß (fehlende Widerstandsfähigkeit);
  • die Entscheidungsebene wird durch Aktionen an der lokalen Basis nicht erreicht. Gegenmacht wäre illusorisch, und durch Scheitern der Aktion bestünde die Gefahr verstärkter Apathie.

Oder:

b) Weiterarbeit durch Übergang zur Hauptuntersuchung

  • es gibt Entrüstungspunkte;
  • es sind solidarische Initiativen, zu erwarten;
  • es gibt Aussichten auf (Teil-) Erfolge (zugleich ein Ansatz für erhöhte Lernmotivation).

 

Seite 3: Phase 3

Phase 3: Hauptuntersuchung

Das Hauptaugenmerk wird durch aktivierende Befragung auf die Betroffenen gerichtet. Nebenher werden weiterhin Experten befragt. (Die Übersicht der Voruntersuchung erleichtert diese Arbeit). Ferner wird theoretisches Material aufgearbeitet, wenn es für die Praxis relevant wird. Ziel ist nun, durch Fragen nach Problemen, Ideen und Möglichkeiten von Veränderungen die Bereitschaft zur Beteiligung zu fördern und Initiative einzuleiten.

Versammlung der Betroffenen:
Die Hauptuntersuchung mündet in eine (zwei, drei...) Versammlung der Betroffenen ein. Auf ihr muss man mit starken emotionalen Ausbrüchen, lautstarken Reden und Beschimpfungen rechnen. Diese Entrüstungen soll man nicht unterbinden. Allerdings darf eine Versammlung nicht chaotisch enden, sondern muss vom Versammlungsleiter zu einer Phase der Ideen und möglicher praktischer Schritte gelenkt werden, wenn der Protest nicht wirkungslos verpuffen soll (bloße Ventilfunktion). Sie hat die Aufgabe:

  • die von Einzelnen geäußerten Probleme noch einmal kollektiv vorzubringen und als gemeinsame bewusst werden zu lassen, sie in der Gruppe zu gewichten;
  • durch die gemeinsame Diskussion einen ersten wichtigen Schritt zur Solidarisierung zu erreichen;
  • Einzelinitiative zu Gruppenaktivitäten zu bündeln;
  • ein Delegations- und Kontrollorgan für Arbeitsgruppen der handlungsbereiten Betroffenen zu schaffen. Weitere Versammlungen sind Voraussetzung für basisnahe Aktionsgruppen-Arbeit.

 

Seite 4: Phase 4

Phase 4: Arbeit der Aktionsgruppen

Wichtig

Es ist wichtig, dass Betroffene das zu tun beginnen, was sie selbst für richtig halten – auch wenn die aktivierende Gruppe es lieber sähe, wenn sie mit etwas anderem beginnen würden. In den Gruppen, die sich zur Lösung besonderer Probleme gebildet haben, und in den Versammlungen, die sich der Ersten anschließen, vollzieht sich »konfliktorientierte« Gemeinwesenarbeit, die sich durch Planungen und Ausführungen der Betroffenen auszeichnet.

Diese GWA bleibt weiterhin aktivierende GWA, solange sie durch beharrliche Arbeit nach innen und Aktionen nach außen Interessen der Betroffenen aufdeckt und vertritt und neue Leute, neue Ideen, neue Aktivitäten einbezieht. Geschieht das nicht, verkümmern die Initiativen zu abgekapselten Zirkeln ohne Rückhalt in der Bevölkerung und ohne Recht, sich auf sie berufen zu können.

Versuche der Konfliktlösung müssen kalkuliert sein, um einer Entmutigung durch vermeidbare Fehlschläge vorzubeugen. Es ist bei Problemen unter Berücksichtigung ihrer Ursachen zu fragen, was diese Gruppen selbst kurzfristig zur Lösung tun können, was mittelfristig in Angriff genommen werden muss und was langfristig nur durch überlokalen solidarischen Kampf an gesellschaftlichen Zuständen geändert werden kann.

Methodik aktivierender Befragung

a) Vorbereitung
Um sich selbst darüber klar zu werden, was in den Interviews mit Experten und Betroffenen erfragt und in welcher Weise gefragt werden soll, erarbeitet die Gruppe Fragebögen (die im Verlauf der Befragungen nach Bedarf und Erfahrungen geändert werden). Diese Vorbereitung ermöglicht auch die Einübung von Interviewverhalten durch simulierte Befragungssituationen und später eine Auswertung (Aufbereitung und Analyse) der Befragungen (eine gewisse Zuverlässigkeit der Ergebnisse).

Da es nicht allein darum geht, sich mit der erforderlichen Materialgrundlage für eigene Arbeit zu versehen, sondern Bewertungen von »Fakten«, Einstellungen, Verhaltensweisen, Entrüstungspunkte, Bereitschaft zur Aktion zu erheben, möglichst zu beeinflussen, demnach auch Beobachtungen (etwa: was die Leute nicht sagen) zu notieren, ist die schriftliche Befragung untauglich (5), der persönliche Zugang zu den Leuten in ihrer Umwelt notwendig.

Allenfalls können im Gespräch vom Befrager Antworten in Stichworten auf vorgefassten Fragebögen eingetragen werden. Am besten aber prägt man sich die Fragen ein, um Anhaltspunkte für das Gespräch zu haben. Für eine vergleichende Auswertung sollten alle Punkte im Gespräch angeschnitten werden und sofort oder direkt nach dem Interview notiert werden.

Als peinlich empfundene Fragen (Dinge »über die man nicht spricht«; Ereignisse, die für die Erhebung von geringer Bedeutung sind: Klatsch, Streitigkeiten, Intimbereich; auch soziale Daten [wie Einkommen], die man vor Neugier schützt) werden unbedingt vermieden, weil die Befragten in ihrer Antwort gehemmt sind bzw. zur Unwahrhaftigkeit neigen.

Die Erwartungen beider, des Fragenden und des Befragten, beeinflussen die Wahrnehmung und die Aussagen während des Gesprächs. (Der Frager findet das, was er finden wollte. Oder: Die Leute sagen, was sie meinen, der Frager möchte es hören.)
Es gibt »Störfaktoren« (unterschiedliche Sprache, verschiedene Schichtzugehörigkeit, Äußerlichkeiten), die bedacht werden müssen, um sie möglichst klein zu halten. Wichtig ist die sprachliche Form der Fragen:

Fragen müssen verständlich sein. Sie dürfen die Antwort nicht in den Mund legen (Suggestivfragen), Reizworte sind zu vermeiden. Der Befragte braucht Zeit, um Fragen zu erfassen, um darüber nachzudenken und um Antworten zu formulieren. (6) Das Gespräch wird möglichst wenig gegängelt (die Leitfragen des erarbeiteten Fragebogens dienen dazu, den Problembereich weitgehend zur Sprache zu bringen). Entscheidungsfragen, Fragen, in denen die Antwortmöglichkeiten eingebaut sind, sollte man kaum stellen.

Die Befragung ist keine Diskussion mit den Befragten über ihre Meinungen. »Wenn wir Meinungen hören, die wir nicht teilen, oder wenn Zustände, Fakten und Personen von den Befragten objektiv falsch dargestellt werden, greifen wir nicht ein. Solche Vorurteile sind für uns Fakten insofern, als sie das Handeln der Befragten bestimmen. Für den Prozess der Aktivierung ist es falsch, diese Vorurteile durch Diskussion beseitigen zu wollen.« (7)

Tipp

Günstig sind Gruppeninterviews mit Gruppendiskussionen. Eine Gruppe fühlt sich durch den Frager nicht in der Weise bedrängt wie eine Einzelperson. Eine Gruppe korrigiert sich gegenseitig, es kann ein Klärungsprozess beginnen, der für die Mitglieder stärkere Impulse darstellt, als die aktivierende Befragung von einzelnen: »Man hat die richtige Einstellung, wenn man in eine Gruppe geht, um von ihr zu lernen. Das kann man den Leuten ruhig sagen, Sie sind dann im Allgemeinen sehr hilfsbereit, denn es kommt sicher nicht häufig vor, dass jemand von außen in eine Gruppe kommt und von den Mitgliedern etwas lernen will.« (8)

Seite 5: Phase 4

b) Schema des Fragebogens
1. Türöffner
Die Befragungen folgen einem einfachen Schema:
Man muss zunächst den Leuten sagen, wer man ist und was man will, um Verwechslungen mit Vertretern von Firmen, Institutionen oder Instituten zur Meinungserhebung zu vermeiden. Dazu wählt man für den untersuchenden Arbeitskreis einen möglichst unverfänglich-neutralen Namen, um sich den Zugang nicht zu versperren. Es hat sich als vorteilhaft erwiesen, die Befragungen durch kurze Anmeldebriefe anzukündigen.

2. Mundöffner (Eisbrecher)
Um die Leute zum Sprechen zu bringen, werden als Einstieg einführende Fragen gestellt, die leicht zu beantworten sind. Die Fragen sollten offen sein, um die Befragten nicht auf knappe Antworten festzulegen. Wichtig ist, dass die Befragten die Möglichkeit erhalten, von sich aus Probleme anzusprechen.
Gefragt wird ferner immer nach Begründungen: »Warum ist das so? Wie kommt das?«, um sich nicht mit Phänomenen zufrieden zu geben und zum Nachdenken Anstöße zu geben (mögliche Wirkung: bessere Einsicht in die eigene Situation und Veränderung des Bewusstseins).

3. Problemfragen
Im Zentrum des Gesprächs geht es um Probleme, wie sie sich aus der Sicht der Betroffenen bzw. der Experten darstellen.

4. Ideenfragen
Erstes aktivierendes Element der Befragung ist die Frage nach Ideen zur Lösung von Problemen. Es geht dabei nicht um rhetorische Fragen, weil die Befragten als Experten ihres eigenen Lebens ernst zu nehmen sind, außerdem vom Nachdenken über die eigene Situation und von der Entwicklung eigener Fantasie die weitere Entwicklung des Gemeinwesen-Projektes voll abhängig ist.

5. Aktionsfragen
Die Zuspitzung der Befragung auf die »Aktion« geschieht in der Hauptuntersuchung, wenn die Befragergruppe auf Grund der Voruntersuchung Anzeichen für aussichtsreiche solidarische Aktivitäten gefunden hat. Es geht jetzt darum, den Anstoß zur gemeinsamen Suche nach weiteren Personen und Lösungen zu geben, vorgegebene Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit anderen Interessierten zu verstärken und in die Wege zu leiten. Personen, die Bereitschaft zur Aktivität zeigen, sollten so früh wie möglich in die Arbeit einbezogen werden (Festhalten der Namen, Termine, Ort).

c) Expertenbefragung
Als »Experten« werden alle Personen bezeichnet, die offiziell und tatsächlich mit der Gruppe der Betroffenen zu tun haben und von ihrer Tätigkeit her den Problembereich oder einen Aspekt kennen und beurteilen können: Fachleute, Zuständige der Behörden und Institutionen (amtlich bestellte Problembearbeiter), Kontaktpersonen (Soziologe, Bürgermeister, Sachbearbeiter, Gemeindeschwester, Postbote). Die Expertenbefragung hat verschiedene Aufgaben:

  • Sie soll Fakten sammeln (Fachwissen, statistisches Material)
  • Sie soll die Einstellungen und Meinungen dieser Leute erfassen (deren Vorurteile).
  • Sie soll deren Interessen am Problem, Enttäuschungen und Ideen zur Veränderung ermitteln.
  • Sie soll fachliche Hilfe durch Bündnispartner gewinnen (Berater möglichst mit Ideen und der Bereitschaft zur Bündnisschaft mit den Betroffenen). (9)
  • Sie soll Gegner der Arbeit herausfinden, die bei späteren Vorhaben blockieren oder zerstören können.
  • Sie soll Machthierarchien der Institutionen/ Behörden aufspüren. Wer trifft Entscheidungen? Wer ist von wem abhängig? Wer kann beeinflussen? Wer ist wann zuständig (Frage der Kompetenz)? Spätere Aktionen stoßen auf Personen und Strukturen!
  • Sie soll über das Vorhaben informieren, um vermeidbare Blockierungen (das verletzte Gefühl, übergangen zu werden) zu verhindern.
  • Sie soll aktivieren: anregen, sich (erneut) mit dem Problem auseinander zu setzen, mit anderen nach Lösungen zu suchen; einen gangbaren Weg zeigen, die (oft nicht selbst gewählte und belastende) Isolation aufzugeben.


d) Aufzeichnungen
Berichte, Aussagen und Überlegungen werden von Anfang an schriftlich festgehalten: Solche Unterlagen sind wichtig für Auswertung und Selbstkontrolle der Gruppe. Material ist brauchbar für andere, die etwas Ähnliches machen wollen. Es erleichtert Neuhinzugekommenen den Einstieg in die Arbeit.

Der lästige Zwang zum Protokoll schafft die Verbindungsbrücke von einem Treffen zum anderen, informiert die Abwesenden, hält Beschlüsse, Termine und Einzelaufträge verbindlich fest. Materialien, Protokolle ermöglichen eine Übersicht über die Entwicklung des Projekts.

Seite 6: Fußnoten

(1) Der Text wurde weitgehend in der Originalversion belassen, ledigliche Verweise auf Materialien, die sich nur im Originalband befinden, wurden gekürzt.

(2) Ritter, Aktionsuntersuchung. In: W. Schneider (Hrsg.): Aktion heute, Wuppertal 1970, S. 57 – Ernst Bloch bringt das Problem des Zugangs zum Menschen und das seines »In-Bewegung-Setzens« zur Sprache: »(Es gilt) auch für gute Ohren, für den Mann, der sich etwas sagen lässt: Damit er zuhört, muss er von seiner eigenen Lage her gepackt sein, und zwar zunächst von seiner Lage, wie sie sich ihm spiegelt. Erst dann hat das Weitere Aussicht, gehört und verstanden zu werden, erweckt Vertrauen. Das aber gelingt nie von außen und von oben her« (Ernst Bloch, Prager Weltbühne [1937], 1973, 403).

Will die untersuchende Gruppe, die eine Veränderungsstrategie verfolgt, Einsicht und fremde Erfahrung in den Lernprozess einbringen, d.h. vermitteln, muss sie die »eigene Lage« des anderen, wie sie sich diesem spiegelt, in Erfahrung bringen; d.h. sie lässt sich selbst auf einen Prozess des Lernens ein: »Das Prinzip ‚mit der Arbeiterklasse lernen› bedeutet für uns, dass wir zwar die objektive Klassenlage zu kennen glauben, jedoch nicht wissen, was den Leuten auf den Nägeln brennt. In diesem Sinne behandeln wir die Befragten als ›Fachleute‹ für ihr eigenes Leben!« (Peters/Schürmann, Stadtteilarbeit. In: Bahr, Hans-Eckehard/Gronemeyer, Reiner (Hrsg.): Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit, 1974, S. 181).

Das methodische Prinzip, bei unmittelbarer Betroffenheit und beim subjektiven Bewusstsein des Handelnden anzusetzen, unterstellt also nicht, dass das subjektive Bewusstsein den objektiven Sinn ihres historischen Lebenszusammenhangs tatsächlich auch erfasse. Aber sofern kollektive Lernprozesse initiiert werden, die nicht durch Informationen von oben gesteuert werden, sondern sich an elementaren Bedürfnissen des Nahbereichs orientieren, also selbsterlebte Konflikte, Leidensdruck und Befreiungserfahrungen von Ohnmacht und Fremdbestimmung einschließen, besteht die Chance, dass dabei der »subjektiv vermeinte Sinn« (vgl. Habermas, Wissenschaftstheorie, 184) aufgebrochen und überholt wird

(3) Hauser, 452.

(4) Vgl. die methodische Arbeit Essener Berufsschullehrer mit Lehrlingen, in: Weiler/Freitag, Ausbildung statt Ausbeutung (1971).

(5) Von Karl Marx liegt ein »Fragebogen für Arbeiter« (1880), abgedruckt in Kursbuch 21/1970, 9–14, vor: »Wir hoffen (für diese Untersuchung) auf die Unterstützung aller Arbeiter in Stadt und Land, die begreifen, dass nur sie allein in voller Sachkenntnis die Leiden schildern können, die sie erdulden; dass nur sie allein und keine von der Vorsehung bestimmten Erlöser energisch Abhilfe schaffen können gegen das soziale Elend, unter dem sie leiden; wir rechnen auch auf die Sozialisten aller Schulen, die, da sie eine soziale Reform anstreben, auch die genaue zuverlässige Kenntnis der Bedingungen wünschen müssen, unter welchen die Arbeiterklasse, die Klasse, der die Zukunft gehört, arbeitet und sich bewegt.« (9). Karsunke/Wallraff weisen (15 f.) im Rückgriff auf einen Aufsatz von Hilde Weiss (Die ›Enquete Ouvrière› von Karl Marx, 1936) auf die Doppelfunktion des Marx›schen Fragebogens hin: Gewinnung von Daten (Faktenermittlung) durch Befragung der betroffenen Arbeiter und Bewusstseinserhellung, weil beim ernsthaften Versuch, die Fragen zu beantworten, die gesellschaftliche Bedingtheit der eigenen Lebensumstände zum Bewusstsein gebracht wird. »Er gewinnt Einsicht in . . . und lernt Mittel und Wege zur Aufhebung des Lohnarbeiterverhältnisses, zu seiner Befreiung kennen« (Weiss; Hervorhebung von mir).

Diese Frageaktion, wie die aktualisierte Variante von Karsunke/Wallraff (2–8), musste am Sachverhalt scheitern, dass ein umfangreiches Schriftstück (90 Fragen) zur schriftlichen Beantwortung vorgelegt wurde. Die Erwartung der Verfasser (insbesondere von Weiss) einer Veränderung des Bewusstseins zu einem kritischen Bewusstsein und einer Veränderung der Lage durch die Arbeiter selbst, die durch qualifizierte situationsnahe schriftliche Fragen zum Nachdenken und Nachfragen angeregt werden sollen, überschätzt diesen ferngesteuerten papiernen Stimulus. Es wird dabei unterstellt, dass der Weg kritischer Bewusstseinsbildung zugleich eine Mobilisierung (zunächst fehlgeleiteter) menschlicher Kräfte gegen das herrschende Unwesen darstelle (Verhaltensänderung). Diese Gleichsetzung übersieht den Grad und die Unterschiede der Beschädigungen der durch die »Daten« lange Verformten. Die Herstellung von Öffentlichkeit als realer Beteiligung an politischen Entscheidungsprozessen – um die es hier im Produktionsbereich geht (Selbstbestimmung der Produzenten am Arbeitsplatz) – läuft nicht über zunächst kognitiv erfasste Mittel und Wege zur eigenen Befreiung, sondern über den Weg der Gegenerfahrungen gegen reale Ohnmacht. Dabei leisten allerdings kluge Fragen und praxisrelevante Informationen entscheidende Dienste.

(6) Zur Methodik der Befragung vgl. Hauser 38. Umfragen 431–452; Mayntz, Renate et al.: Einführung in die Methoden der empirischen Sozio­logie, Opladen 1971, S. 5. Befragung 103–121; Schrader, Achim: Einführung in empirische Sozialforschung, Stuttgart 1971, §§ 20–25 Befragung, 94–122.

(7) Peters/Schürmann, Stadtteilarbeit. In: Bahr, Hans-Eckehard/Gronemeyer, Reimer (Hrsg.): Konfliktorientierte Gemeinwesenarbeit, Darmstadt 1974, S. 181.

(8) Ritter, Martin, Aktionsuntersuchung. In: Schneider, Wolfgang (Hrsg.), Aktion Gemeinde heute, Wuppertal 1970, S. 64.

(9) »Es müssen (...) Wege gefunden werden, um im Betrieb, in den Gewerkschaften, in den Gemeinden, Schulen, Hochschulen etc. die Kompetenz der fachlich für die Aufgabenlösung besonders Vorgebildeten mit den Bedürfnissen, Überlegungen und Erfahrungen der breitesten, unmittelbar betroffenen Massen in organisatorische Verbindung zu bringen, sodass nicht der fachlich Geschulte mit seinen zweckrationalen Überlegungen (...) den anderen zu beherrschen in der Lage ist.« (Jouhy, Ernest: Zur Theorie der Bürgerinitiativen. In: Rundbrief 3–73, S. 17).

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