Originaltext: Aktionsforschung

Seite 9: Versammlung und Gruppenbildung, Ablauf der Versammlung

Versammlung und Gruppenbildung

Als Entwicklung aus der Hauptuntersuchung erwächst als nächster Schritt eine (oder mehrere) Bürgerversammlung(en), zu denen bei den Befragungen und später nochmals durch Handzettel und Zeitungsnotizen eingeladen wird. Die Bürgerversammlung ist ein wichtiges Forum für Solidarisierungs- und Organisationsprozesse unter den betroffenen Bürgern. Viele Leute würden als Einzelne ablehnen, bei einer Aktion mitzuarbeiten, weil sie nicht wissen, wer noch mitarbeitet und wer vielleicht noch dahinter steckt. Auf der Versammlung sind sie oft erstaunt, welche und wie viele Leute sich für das Problem interessieren und wer noch ihre eigene Meinung teilt.

Der Ablauf der Versammlung wird weitgehend den anwesenden Bürgern überlassen, da hier die Betroffenen, entsprechend dem Prinzip von Aktionsforschung, die Ergebnisse der Untersuchung mit auswerten und beurteilen. Bei der Vorbereitung sollte auf Folgendes geachtet werden:

  • Die Versammlung muss spätestens 14 Tage nach der Befragung statt finden, sonst haben es viele Leute schon wieder vergessen.
  • Sie sollte an einem zentralen Punkt stattfinden, nicht zu weit vom Wohnort entfernt (15–20 Minuten Fußweg).
  • Der Versammlungsort sollte ein Haus sein, wo »man hingehen kann« . »Gute Bürger« würden z.B. nicht in ein Jugendzentrum gehen, von dem bekannt ist, dass dort Haschisch geraucht wird.
  • Eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen einer Versammlung ist, dass die Zahl der Besucher bedeutend größer ist als die der Außenstehenden von der Initiativgruppe. Bei 20 Versammlungsbesuchern dürfen höchstens vier bis fünf Projektgruppenmitglieder anwesend sein.
  • Die Versammlung muss gut vorbereitet werden. Einladungen und Flugblätter werden verschickt, der Raum muss günstig gestaltet werden. Es ist besser, die Stühle in einem Oval oder Kreis aufzustellen (eventuell in mehreren Reihen) als frontal, damit sich möglichst viele Leute sehen können. Die Ergebnisliste der Befragung bzw. die Problemliste kann gut sichtbar an eine Wand geheftet werden.

 

Ablauf der Versammlung

Ein Sprecher der Projektgruppe oder, wenn man schon guten Kontakt zum Gemeinwesen hat, besser jemand aus dem Gemeinwesen, begrüßt die Anwesenden, stellt die Gruppe vor und erklärt noch einmal den Zweck der Befragung. Zugleich muss er klarstellen, dass die Gruppe nicht vorhat, irgendetwas für die Leute zu tun. Die Erwartungshaltung der Anwesenden wird dadurch zunächst erschüttert, denn im Grunde erwarten viele Besucher von Bürgerversammlungen, dass da endlich Leute auftreten, die »die Dinge in die Hand nehmen« und alles in Ordnung bringen.

In jeder Phase der Aktionsuntersuchung, bei der Befragung und bei der Versammlung, muss die Initiativgruppe solche Erwartungen weit von sich weisen und betonen, dass man nur gemeinsam mit den Bürgern handeln werde. Danach kündigt der Versammlungsleiter an, dass ein Kollege die Ergebnisse bekannt geben möchte, und bittet die Teilnehmer, ihre Meinung kundzutun und insbesondere zu sagen, ob die Projektgruppe alles richtig aufgefasst hat.

Nun werden die Ergebnisse vorgetragen, und häufig schalten sich die Betroffenen hier schon ein. Wenn sie das nicht tun, kann der Versammlungsleiter nach einigen Punkten eine Pause machen und sich vergewissern, ob das alles so stimmt.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Die Katharsis

Hier ist eine Warnung für in Versammlungsleitung üblicher Art geschulte Personen angebracht. Diese haben gelernt, eine schöne, ordentliche, disziplinierte Versammlung sei ideal. Deshalb greifen sie, wenn Unruhe entsteht, zu schnell ein und verhindern dadurch ein wichtiges Element in einer Betroffenenversammlung – die Katharsis. Katharsis, griechisch »Reinigung« , bedeutet, dass die Betroffenen alles loswerden, was sie ärgert, belastet oder quält – erst dann ist der Kopf frei für neue Überlegungen. Auf Versammlungen haben wir unter anderem Katharsisäußerungen erlebt wie Schimpfen, Schreien, Weinen, jammern, Selbstmitleidsäußerungen, aber auch Gelächter und beißende Ironie. Der Versammlungsleiter greift in einer solchen Versammlung nur ein, um jemandem Gehör zu verschaffen, der nicht zum Zuge kommt, oder wenn persönliche Angriffe gestartet werden. Er weist darauf hin, dass auf dieser Versammlung nicht persönliche, sondern allgemeine Probleme zur Sprache kommen sollen. Wenn die Katharsis nachlässt, kann der Versammlungsleiter darauf hinweisen, dass es sicher keinen Zweck hat, nur zu schimpfen: er schlägt vor, zu überlegen, ob nicht in einigen Bereichen etwas getan werden könnte. (Wir haben aber manchmal schon eine zweite Versammlung einberufen müssen, weil die Betroffenen so unter Druck waren, dass sie nicht aus dem Schimpfen herauskamen.)

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Manchmal haben wir erlebt, dass die informellen Führer unter den Versammlungsteilnehmern selbst begannen, die Leute zu aktivieren und zu organisieren. Wenn die Besucher sich entschlossen haben, sich zu organisieren, entsteht leicht ein enthusiastisches Klima. Man will alles haben, und zwar möglichst »subito« . Wenn die Leute dann ein Problem in Angriff nehmen und damit nicht weiterkommen, verlieren sie den Mut und werfen resigniert die Flinte ins Korn. Daher empfiehlt es sich, Arbeitsgruppen zu bilden, die sich mit mehreren Problemen befassen. Dies kann geschehen, indem man Listen herumgehen lässt, in die sich die an einem bestimmten Problem Interessierten eintragen können, sodass man, wenn keine weiteren Versammlungen zu Stande kommen, in Untergruppen weiterarbeiten kann. (Ein Beispiel für den Ablauf einer Versammlung findet sich in Hinte, 1989).