Originaltext: Aktionsforschung

Seite 4: Meinungen, Emotionales Klima, Örtliche Führer, Örtliche Gruppen

Meinungen

Gefühlsbedingte Ansichten, die durch äußere Tatsachen verursacht sind, z. B. welche Meinung obdachlose Familien über bestimmte Maßnahmen haben, die die Stadtverwaltung getroffen hat, und welche Meinung die in der Stadtverwaltung Tätigen vertreten.

Das emotionale Klima

a) Kommunikation
Man muss z. B. herausfinden, wie und ob die Leute untereinander sprechen, ob sie nebeneinanderherleben oder ob sie ihre gemeinsamen Sorgen kennen, ob Ausländer gemieden oder mit in die Kommunikation einbezogen werden, ob man sich gegenseitig hilft oder ob einem der Nachbar egal ist.

b) Punkte der Entrüstung
Wo fühlen sich die Leute betroffen? Hier muss im Gegensatz zu objektiv Feststellbarem das Thema gesucht werden, über das sich die Menschen am meisten aufregen. Es kann durchaus möglich sein, dass in einem Gemeinwesen »objektiv« (d.h. von dem Gemeinwesenarbeiter aus betrachtet) viel zu wenig Spielplätze existieren, dass das Klima davon jedoch gar nicht beeinflusst wird, sondern dass sich die Leute viel mehr über die fehlenden Kneipen aufregen.

Hier gilt es, dort anzusetzen, wo die Leute stehen: also bei dem Kneipenmangel, über den sich die Leute stark entrüsten. Denn hier fühlen sie sich betroffen, und Betroffenheit und Entrüstung sind wichtige Aktivierungsfaktoren. In dem genannten Beispiel hätte es wenig Sinn, den Leuten klar zu machen, dass doch Spielplätze wesentlich notwendiger sind als Kneipen. Damit würde bereits der erste Schritt zur Entmündigung der Bürger getan: ihre eigenen Bedürfnisse würden gering geachtet zu Gunsten von Fakten, die der Gemeinwesenarbeiter für wichtiger hält. Aktivierung wird dann immer fehlschlagen.

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Der Punkt der Entrüstung ist der beste Ansatz zu einer Aktivierung, da wir in den Punkten, über die wir uns aufregen, am ehesten bereit sind, etwas zu tun. Es kann aber durchaus vorkommen, dass in einem Gemeinwesen ein so starkes Klima der Apathie herrscht, dass Entrüstung gar nicht oder nur sporadisch vorkommt. Das ist in der Bundesrepublik Deutschland bei vielen Bürgern der Fall, da sie von den Organisationen so gut versorgt sind, dass sie gar nicht daran denken, sich zu entrüsten. Für diese Fälle gibt es einen weiteren möglichen Aktivierungsfaktor.

c) Punkte der Neugierde und des Zweifels
Es gibt Gruppierungen, in denen eine Stimmung herrscht, die sagt: »Man kann doch sowieso nichts machen« oder: »Hier ist doch alles in Ordnung« . Dann ist es hilfreich, Menschen neugierig zu machen auf mögliche Alternativen zum Status quo. Sie beginnen, die Unumstößlichkeit der augenblicklichen Lage zu bezweifeln. Ein Ziel der Aktionsuntersuchung ist es, Punkte zu finden, bei denen Menschen neugierig werden und den Status quo in Frage stellen. Das Gefühl der Neugierde umfasst den Wunsch nach etwas »Besserem« , vielleicht nach etwas intensiverem Erleben oder sinnvollerem Leben. Zweifel und Neugierde können Motor werden zu einem Engagement für das Gemeinwesen.

d) Demoralisation
In manchen Gemeinwesen trifft man auf Menschen, die nicht nur apathisch, sondern sogar demoralisiert sind. Solche Leute halten überhaupt nichts voneinander. Demoralisierte Obdachlose etwa sagen: »Hier können Sie gar nichts machen, hier wohnen doch nur Verbrecher.« Oder bei einer Befragung unter Türken: »Hier geht gar nichts, die anderen hier leben doch alle noch wie in Anatolien.« Wenn in Wohnquartieren zu viele Menschen demoralisiert sind, kann es besser sein, die Befragung abzubrechen.

Örtliche Führer

In jedem Gemeinwesen gibt es einmal die offiziell gewählten Vertreter von Parteien oder Vereinigungen und dann die inoffiziellen oder informellen Führer. Personen, die irgendeine Art von Kristallisationspunkt für die Bevölkerung darstellen, Leute, deren Stimme großes Gewicht bei einigen Bürgern hat. Die Identifikation der lokalen informellen Führer ist notwendig zur Kontaktaufnahme zu größeren Kreisen der Bevölkerung. Oft wird der Fehler begangen, dass Gemeinwesenarbeiter denjenigen zum Führer stempeln, der ihnen am angenehmsten ist und ihren Ansichten am nächsten sieht. Dann allerdings erhält man eine Gemeinwesenvertretung, die alles Mögliche vertritt, nur nicht die Interessen der Bewohner. Die Folge ist, dass die Aktionsgruppe nie eine größere Zahl von Bewohnern hinter sich bekommt.

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Es müssen also diejenigen als Führer anerkannt werden, die von der Bevölkerung selbst als Repräsentanten ihrer Normen und ihrer Werte angesehen werden. Bei der Befragung werden gewöhnlich – direkt oder indirekt – Personen genannt, die irgendeine Art von Führungsrolle innehaben: mit diesen natürlichen Führern muss möglichst bald Kontakt aufgenommen werden.

Örtliche Gruppen oder potenzielle Interessenten

Es gilt herauszufinden, welche formellen und informellen Gruppen im Gemeinwesen bestehen, wie ihre Mitglieder über die Probleme denken und wie die Gruppen zueinander stehen. Möglicherweise können durch die Befragung Verbündete und Kollegen gewonnen werden, es kann sich aber auch schon zeigen, auf welche Gegner eine Aktion stoßen könnte. Auf jeden Fall ist darauf zu achten, dass möglichst alle Gruppen angesprochen werden, also nicht nur die, die einem aus persönlichen oder ideologischen Gründen passen.