Originaltext: Aktionsforschung

Seite 5: Mehrheiten und Minderheiten, Ideen zur Veränderung der Situation, Anliegenstadium und Voruntersuchung

Mehrheiten und Minderheiten

In jedem Gemeinwesen gibt es bestimmte Kräftekonstellationen der dort ansässigen Gruppierungen, von denen der Gemeinwesenarbeiter vor Beginn der tatsächlichen Aktion Kenntnis haben sollte, da er sonst unnötige Schwierigkeiten bekommen könnte. Man muss deshalb herausfinden, wie die politischen Mehrheiten aussehen, welche einflussreichen weltanschaulichen, religiösen oder andere Organisationen (z. B. Unternehmen) es gibt, wie die Hauptkultur aussieht, welche Subkulturen es gibt und ob Minoritäten vorhanden sind.

Ideen zur Veränderung der Situation

Es gibt Gemeinwesenarbeiter, die genau zu wissen meinen, was für die betroffenen Bürger gut ist. Eigene Ideen der Leute nehmen sie entweder überhaupt nicht zur Kenntnis, oder sie stellen sie zurück. Später wundern sie sich, dass die Betroffenen entweder nur halbherzig oder gar nicht mitarbeiten.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Es muss daher noch einmal betont werden, dass es bei der Aktionsuntersuchung darauf ankommt, welche Ideen die Bürger selbst zur Verbesserung der Situation haben, denn diese Ideen müssen Ausgangs­punkt jeglicher Aktionen sein. Meistens wissen die Betroffenen viel besser als die Gemeinwesenarbeiter, welche Schritte zur Änderung getan werden können. Deshalb muss man offen sein auch für noch so abwegig klingende Vorschläge der Betroffenen. Selbst Kinder haben oft fantastische Ideen, die leider beim ersten Hinsehen als »kindlich-naiv« abgetan werden (s. dazu Praschma, 1987). Bei der Befragung muss ein Katalog von Ideen zur Veränderung erstellt und anschließend mit den Bürgern auf Möglichkeiten zur Verwirklichung geprüft werden.

Ablauf

Die drei Phasen einer Aktionsuntersuchung sind:

  • Anliegenstadium und Voruntersuchung
  • Hauptuntersuchung
  • Versammlung und Gruppenbildung.


Im Stadium des Anliegens und der Voruntersuchung kann eine Gruppe noch jederzeit einen Rückzieher machen und die Untersuchung abbrechen, ohne dass daraus größerer Schaden entsteht. Im Stadium der Hauptuntersuchung jedoch bedeutet ein Abbruch eine erhebliche Missachtung der Betroffenen, weil die Hauptuntersuchung Hoffnungen in den Menschen weckt, die dann nicht erfüllt werden.

1. Anliegenstadium und Voruntersuchung
Zu Beginn eines GWA-Projekts tun sich viele Gruppen aus unterschiedlichen Gründen schwer:

Da gibt es Leute, die sich ohne gründliche Informationen blind in den Stadtteil stürzen und nach kurzer Zeit enttäuscht aufgeben; andere reden viel über die Notwendigkeit von Aktivitäten, kommen aber nicht über das Stadium der Informationssammlung hinaus, weil sie meinen, erst alle Daten über den Stadtteil analysieren zu müssen; und wieder andere meinen, sie müssten erst eine »ideale« Gruppe sein und alle möglichen Konfliktfelder »ausdiskutiert« haben, bevor sie eine Aktion starten können. In der Tat bedarf es einer zeitlich klar begrenzten Periode der Klärung: diese nennen wir Anliegenstadium. Darin muss geklärt werden:

  • Wollen wir wirklich etwas tun, oder wollen wir nur darüber reden?
  • Was sind die Motive der einzelnen Gruppenmitglieder?
  • Wie viel Zeit kann jeder für das Projekt aufbringen?
  • Welches Problem will die Gruppe angehen? (Probleme im Gemeinwesen mit verschiedenen Gruppen oder das Problem einer bestimmten Gruppe im Gemeinwesen?)
  • Welche Ziele sehen die einzelnen Gruppenmitglieder bei der Bearbeitung des Problems? (Ein zu großes Auseinanderklaffen in den Zielen könnte später der Gruppe schwer zu schaffen machen.)
  • Welche finanziellen, personellen und/oder räumlichen Ressourcen werden zu Beginn benötigt?

Nach Klärung dieser Fragen bildet sich jedes Gruppenmitglied ein Vorurteil (besser: Voraus-Urteil) über das zu untersuchende Gemeinwesen. Die einzelnen vorläufigen Urteile werden dann in der Gruppe diskutiert, und daraus wird ein gemeinsames vorläufiges Urteil erarbeitet und protokollarisch festgehalten.

Der Sinn dieser zunächst recht umständlich erscheinenden Maßnahme: Wenn wir später in der Untersuchung unser vorläufiges Urteil mit dem vergleichen, was wir von den interviewten Personen erfahren, müssen wir manchmal feststellen, dass wir ein Vorurteil hatten. Es ist jedoch wichtig, dass eine Gruppe sich ihrer Vorurteile bewusst wird, damit sie nicht – unbewusst – die Leute in Richtung ihrer Vorurteile beeinflusst.

Jeder von uns hat bestimmte Vorurteile, die aber, wenn man sich ihrer bewusst ist, ihren Negativcharakter verlieren und zu überprüfbaren Vorausurteilen, zu Hypothesen werden, die durch die Erfahrung veränderbar sind. Außerdem können wir im Verlauf des Projektes verfolgen, wie sich unser Denken verändert hat.

Am Ende des Anliegenstadiums befasst sich die Gruppe auch mit entsprechender Literatur, sie versucht herauszufinden, was in der Presse, im Fernsehen und im Rundfunk über das Problem geschrieben und veröffentlicht wurde. Außerdem sollten die Gruppenmitglieder mit möglichst vielen Leuten aus ihrem Bekanntenkreis über das Anliegen diskutieren, um deren Kritik zu hören oder Anregungen zu bekommen. Sie werden dadurch das Problem deutlicher erfassen und manchmal auch neue Mitarbeiter gewinnen. Wenn eine Gruppe so weit gekommen ist, kann sie mit der Voruntersuchung beginnen.

Die Voruntersuchung dient einer ersten Überprüfung des vorläufigen Urteils, das man sich im Anliegenstadium erarbeitet hat. Außerdem sol­len hier Fragemethoden und Interviewtechniken erprobt und überprüft werden. Zu diesem Zweck fragt man einige Fachleute und einige Betroffene.

Dabei kann sich zeigen, wie schwierig das Projekt ist oder wie stark die Menschen demoralisiert sind und ob die Gruppe sich zutraut, die Aktion durchzustehen. Noch ist es möglich, die Arbeit abzubrechen, ohne Schaden anzurichten. Wenn danach jedoch die Betroffenenbefragung stattfindet, schadet man den Befragten, wenn man aufhört, weil man Hoffnungen geweckt hat und die Leute frustriert, wenn nichts geschieht. Während der Voruntersuchung ist es ratsam, sich um Mitarbeiter für die Betroffenenbefragung zu bemühen, weil man dazu eine größere Anzahl von Personen benötigt.