Originaltext: Aktionsforschung

Seite 6: Hauptuntersuchung – Expertenbefragung

2. Die Hauptuntersuchung
Die Hauptuntersuchung besteht aus zwei Stadien:

  • der Experternbefragung und
  • der Betroffenenbefragung

In ihrem Verlauf setzen sich die Befragten mit den angesprochenen Problemen auseinander und entscheiden über gemeinsame Aktionen zu deren Lösung. Die Hauptuntersuchung muss in einem möglichst kurzen Zeitraum durchgeführt werden (höchstens 4-5 Wochen). Unmittelbar im Anschluss daran muss die Versammlung stattfinden, da sonst die Erinnerung der Bürger an die Gespräche nur noch sehr vage ist und der aktivierende Effekt verloren geht.

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Wenn eine Gruppe genügend Zeit hat, können Experten- und Betroffenenbefragung gleichzeitig durchgeführt werden: die Experten sind oft auch morgens zu erreichen, während man die Stadtteilbewohner eher am Nachmittag antrifft. Falls die Befrager nicht den ganzen Tag investieren können, sollten zuerst die Experten befragt werden und anschließend die Betroffenen, wobei der Zeitraum der Expertenbefragung ruhig länger sein kann (manche Gruppen benötigen bis zu einem halben Jahr!).

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Jede Befragung muss gründlich vorbereitet werden. Noch einmal: eine Befragung soll nur dann durchgeführt werden, wenn danach eine weitere Arbeit folgt. Befragungen in Stadtteilen, die nur dazu dienen, die eigene Neugier zu befriedigen oder Forschungsberichte zu schreiben oder Studenten eine praktische Einführung in »Empirische Sozialforschung« zu bieten, führen dazu, dass künftig die Befragten die Türen nicht mehr aufmachen. Eine aktivierende Befragung dagegen führt häufig dazu, dass sich die Befragten mit den angesprochenen Problemen auseinander setzen und gemeinsame Aktionen zu deren Lösung starten.

Nach Möglichkeit agieren zwei Interviewer jeweils gemeinsam, damit sie sich gegenseitig kontrollieren können und der eine vielleicht Notizen macht (nachdem er um Erlaubnis gefragt hat); während der andere fragt.

Die Experten-/ Fachleutebefragung
Fachleute sind Personen, die in beruflicher oder amtlicher Funktion mit den Problemen des Gemeinwesens zu tun haben. Zunächst ist es notwendig, eine Liste der relevanten Fachleute zusammenzustellen. Soll z.B. eine Befragung über Jugendliche gemacht werden, wären Fachleute etwa Sozialarbeiter im Jugendamt, bei den Wohlfahrtsverbänden und kirchlichen Einrichtungen, Lehrer verschiedener Schulen, Jugendpsychologen, Jugendrichter, Bewährungshelfer usw. Die Befragung der Fachleute geschieht auf zwei Ebenen:

  • bei Fachleuten der oberen Ebene: aus der kommunalen Verwaltung und aus überörtlichen Einrichtungen (z.B. Jugendamtsleiter, Sozialamtsleiter, Wohnungsbaugesellschaften usw.);
  • bei Fachleuten der mittleren Ebene: lokale Autoritäten, Ämter am Ort (z.B. Rektoren, Ärzte, Pfarrer, Vereinsvorsitzende usw.).
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Eine Fachleutebefragung sollte immer von oben nach unten durchgeführt werden, sodass zuerst die Spitzen der Hierarchie angesprochen werden. Denn wenn man deren Kompetenz beachtet, kann man die offizielle Erlaubnis bekommen, in der Behörde die Befragung durchzuführen. So waren beispielsweise Schuldirektoren sehr kommunikationsfreudig, als ihnen das Schulamt die Interviewer empfohlen hatte. Gerade Beamte vergewissern sich bei einem außergewöhnlichen Vorfall (und solch ein Interview ist für Ämter außergewöhnlich) bei der nächsthöheren Stelle, um sich abzusichern.

Die Fachleute werden aus mehreren Gründen befragt:

  • Zunächst können sie Fakten über das Gebiet nennen, die nur sie wissen, da sie ja auf einem bestimmten Sektor »Experte« sind.
  • Weiterhin muss man für die spätere Arbeit wissen, wie sich die zuständigen Leute in den Institutionen zu der Problemlage stellen. Sind sie gleichgültig, engagiert oder negativ emotionsgeladen? Wie ist ihr Kontakt zu den Betroffenen? Es kommt also darauf an, das Klima bei den Experten herauszufinden.
  • Ferner sollten die Experten wissen, dass es eine Gruppe gibt, die über das betreffende Problem eine Untersuchung macht.

Falls die Institutionen nur aus Zufall davon erfahren, werden sie skeptisch, weil sie nicht informiert wurden, und gehen schnell auf Kollisionskurs, obwohl sie bei besserer Information potenzielle Bun­desgenossen sind. Fachleute sollten niemals übergangen werden.

Es könnten sich unter den Experten auch möglicherweise Bundesgenossen finden: Leute, die schon lange bedauern, den Kontakt zur Basis verloren zu haben, und die nun diese Gelegenheit ergreifen, neue Erfahrungen zu sammeln. Am Schluss der Fachleutebefragung ist die Gruppe häufig besser informiert über das Gemeinwesen als jeder einzelne Experte, da die Kommunikation unter den Experten meist ziemlich ungenügend ist.

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Bei der Expertenbefragung kann man sich mehr Zeit lassen als bei der Betroffenenbefragung. Nach der Befragung von einigen Fachleuten kann die Gruppe sich entscheiden, ob sie das Projekt weiterführen will oder ob die Mitglieder glauben, dass sie sich übernehmen würden; dann ist es besser, aufzuhören. Es könnte auch möglich sein, dass die Fachleute nachweisen, dass das Problem gar nicht so groß ist, wie die Projektgruppe angenommen hat. Allerdings kann es sich hier auch um eine taktische Finte handeln, um eventuelle »Konkurrenz« loszuwerden.