Originaltext: Aktionsforschung

Seite 7: Expertenbefragung

Neben Fakten, Meinungen und Planungen sowie den eigenen Ideen und der eigenen Beurteilung der offiziellen Planung durch den Interviewten versuchen wir auch eine Einschätzung des Befragten nach folgenden Kriterien:

+ (plus), 0 (Null), - (minus)

Diese Einschätzung geschieht auf Grund der Reaktionen der befragten Fachleute.

Ein Plus-Experte würde etwa so reagieren: »Das freut mich aber wirklich, dass Sie sich für dieses Problem interessieren. Wir brauchen alle Hilfe von Bürgern, da wir überlastet sind und nicht alles allein tun können. Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, finden Sie meine volle Unterstützung.«
Der Null-Experte könnte sagen: »So, Sie wollen sich also um diese Leute kümmern. Na, viel Glück! Unsere Fachleute haben zwar schon alles versucht und festgestellt, dass man mit diesen Leuten nichts anfan­gen kann. Versuchen Sie es aber ruhig, Sie werden schon selbst sehen, dass da nichts zu machen ist.«
Der Minus-Experte fragt sofort: »Woher kommen Sie, wer hat Sie geschickt, und was haben Sie studiert, Psychologie oder Soziologie?« Er wird erklären, wie schwierig das ist, was Sie vorhaben, und wenn gar nichts mehr nützt, wird er sogar mit Sanktionen drohen, um Sie von der Arbeit abzuhalten.

Symbol: »Wichtig« (ein Ausrufezeichen in einem blauen Kreis)

Ideal wäre es, wenn sich am Ende der Fachleutebefragung einige Fachleute als Beratergruppe formieren würden; das wäre das Maximal-Ziel. Aber da die Experten fast immer sehr viel zu tun haben, würden wir uns auch mit dem Minimal-Ziel begnügen: dass wir einige Fachleute finden, die uns weiterhin Informationen geben und die wir ebenso genau informieren. Allerdings kann es den Betroffenen auch schaden, wenn die Fachleute direkt am Projekt mitarbeiten, nämlich dann, wenn die Behörde für die Betroffenen ein »Erbfeind« ist, wie es oft bei den Bewohnern von Obdachlosen-Unterkünften der Fall ist, deren Großeltern häufig schon mit den Forderungen der Behörde nicht zurecht kamen.

Wir stellen uns die Befragung in Gesprächsform vor. Ein Fragebogen ist nur ein Mittel, uns selbst klar zu werden, wie wir die Gespräche aufbauen wollen und was wir wissen möchten. Das Interview soll zum Gespräch werden, und die Fragen dienen dazu, das Gespräch ein wenig zu strukturieren und zu kontrollieren, ob nichts vergessen wurde.
Wir verwenden in der Aktionsuntersuchung weitgehend offene Fra­gen, also Fragen, die nicht einfach mit »Ja« oder »Nein« zu beantworten sind. Der Grund ist einmal, dass wir nicht zu denjenigen zählen, die schon vorher genau wissen, was die Leute bewegt, sodass wir die Probleme nicht vorgeben können. Zum anderen haben wir oft erfahren, dass die Betroffenen plötzlich über etwas ganz anderes reden, als wir gefragt haben – das uns dann zu den eigentlichen Problemen der Betroffenen hinführt. Schließlich möchten wir auch die Emotionen der Leute, mit denen wir arbeiten wollen, kennen lernen, die bei Antworten auf offene Fragen deutlicher herauskommen.

Zur Auswertung der Expertenbefragung können wir als visuelle Hilfe ein großes Papier benutzen, auf das wir links am Rand die Fragen schreiben und oben waagerecht die Namen der Personen und Organisationen, die befragt wurden. So können wir übersichtlich feststellen, wer was zu welchen Fragen gesagt hat. Nach der Befragung der Experten der oberen und mittleren Ebene wenden wir uns noch an die sog. Verbindungsleute oder Quasi-Experten. Dies sind Personen, die in nicht amtlicher Form mit den Problembetroffenen zu tun haben.

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Verbindungsleute zu den Obdachlosen waren in einem Projekt z.B. der »Büdchenbesitzer«, der Gemüsehändler, der mit seinem Auto in die Siedlung fährt, um Gemüse zu verkaufen, der Wirt der Stammkneipe neben der Siedlung, die Geschäftsleute in der Nähe usw.; in einer Neubaugegend waren es der Kneipenwirt, die Briefträger, der Friseur u. a. Diese Personen haben viele Informationen über die Betroffenen und oft auch viel Sympathie für sie. Sie verstehen sich häufig sehr gut mit den Leuten und sind sehr geachtet.

Wenn sie zur Mitarbeit bewegt werden können, sind sie wertvolle Mitarbeiter. Zumindest können sie uns in der Anfangsphase Informationen geben, auch darüber, wie die Betroffenen über uns denken, was diese uns aus Höflichkeit vielleicht nicht sagen. Ferner können sie die Betroffenen über das informieren, was wir beabsichtigen. Denn das, was ein akzeptierter Verbindungsmensch sagt und empfiehlt, hat bei den Betroffenen viel Gewicht.