Originaltext: Aktionsforschung

Seite 3: Einstieg in die Gemeinwesenarbeit, Ziele und erste Schritte, Objektive Fakten

Die Aktionsuntersuchung/Aktivierende Befragung als Einstieg in die Gemeinwesenarbeit

Träger und Befrager

Eine Aktivierende Befragung gestaltet sich in der Regel recht arbeitsaufwändig. Sie lässt sich nicht einfach »nebenbei« machen: Professionelle, die mit regelmäßig anfallenden Arbeiten belastet sind, finden zumeist keine ausreichende Zeit, um alleine eine Aktionsuntersuchung zu tragen. Andererseits bietet gerade dieses Instrument vielen Professionellen die Chance, Bürger, die sie bisher nur als »Klienten« , also unter dem Stigma eines Defizits, kannten, in einem anderen Kontext und in einer anderen Rolle kennen zu lernen.

So sind beispielsweise viele Sozialarbeiter aus dem Allgemeinen Sozialdienst überrascht, wenn sie im Rahmen einer Gemeinwesenaktivierung feststellen, dass ihre Klienten hohe Kompetenzen besitzen z. B. in der Gestaltung ihrer Wohnung oder ihres Wohnumfeldes, in Kontakten zu Nachbarn usw. Und häufig wissen sie auch erheblich mehr und anderes über den Stadtteil, als etwa aus den statistischen Befunden einer Kommunalverwaltung zu ersehen ist.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Es empfiehlt sich also durchaus, an einer Aktionsuntersuchung auch Kollegen aus der Sozialverwaltung zu beteiligen, wenn auch warnend darauf hingewiesen werden muss, dass diese verständlicherweise von den Betroffenen auch in ihrer Kontrollfunktion wahrgenommen werden: sie könnten die ganze Sache z. B. für einen Trick des Sozialamts halten, um Sozialhilfeberechtigungen zu überprüfen. Wir haben allerdings festgestellt, dass sich dieses Problem in der Praxis dann reduziert, wenn die entsprechenden Kollegen bereits als glaubwürdige und integere Personen bekannt sind, die im Interesse ihrer Klienten handeln.

Dennoch ist klar: eine Aktionsuntersuchung kann nicht ausschließlich auf den Schultern der Professionellen aus der Sozialverwaltung ruhen. Wir haben gute Erfahrungen gemacht in Kooperationen mit unterschiedlichen freien Trägern (in Essen beispielsweise mit der Arbeiterwohlfahrt, die in schriftlich fixierten Kooperationsabsprachen mit der Stadt und der Universität die Grundlage für mehrere Gemeinwesenprojekte schaffte).

Ehrenamtliche Mitarbeiter bei Verbänden, Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung (Projektarbeit; s. dazu Hinte, 1988) oder andere engagierte Bürger (Leute aus dem Stadtteil, Schüler von Fachoberschulen oder Gymnasiasten im Rahmen eines Praktikums) sind neben den sowieso schon am Projekt beteiligten Professionellen oft wertvolle Helfer bei einer Befragung. Dabei spielt es keine Rolle, wenn ein Teil von ihnen nur während der Befragung mitarbeitet: wenn die personelle Kontinuität durch die Hauptamtlichen gewährleistet ist, tun sich bei der weiteren Arbeit diesbezüglich keine Probleme auf.Dazu ist es aber notwendig, dass die gesamte Arbeit durch eine Trägerkonstruktion abgesichert ist, die längerfristig Bestand hat.

Dazu bieten sich Kooperationen zwischen der Kommune, Freien Trägern, Initiativen oder Hochschulen an, die nach Möglichkeit vertraglich abgesichert sind und mittelfristig die nötigen Ressourcen sicherstellen (wie das etwa in Essen geschieht; s. dazu: Institut für stadtteilbezogene Soziale Arbeit, ISSAB, 1989). Von derartigen Kooperationen profitieren die beteiligten Partner in unterschiedlicher Art und Weise, und häufig erweist sich eine solche Arbeit auch als Einstieg in weiterreichende Umorganisationsprozesse der kommunalen sozialen Dienste.

Ziele und erste Schritte

Für ein solide durchgeführtes Projekt gilt: Zuerst Information – dann Aktion. Zur ersten Information eignet sich eine Gemeinwesenbeobachtung. Sie kann sich auf die sichtbaren, ins Auge fallenden Fakten wie Häuser, Straßen, Geschäfte, Kneipen, Verkehr richten, aber auch auf die Interaktion der dort lebenden Bürger, die nicht so deutlich sichtbar ist. Aus Dichte und Art der beobachteten Interaktion und Kommunikation erhalten wir Hinweise auf das soziale Klima der Gegend. Durch die Beobachtung können auch beliebte Treffpunkte und Versammlungsmöglichkeiten herausgefunden werden. Weitere Hinweise über das Gemeinwesen finden sich im lokalen Teil der Tageszeitungen oder in Kirchen- und Vereinsblättern. Es kann auch sehr nützlich sein, in Zeitungsarchiven zu suchen, was in den vergangenen Jahren über das zu untersuchende Viertel geschrieben wurde. Dabei ist auch zu beachten, wie darüber geschrieben wurde. Die Gemeinwesenbeobachtung kann vor der Aktionsuntersuchung im Anliegenstadium stattfinden, sie kann aber auch während der Aktionsuntersuchung eventuell mit den Betroffenen stattfinden oder auch ergänzend zur Aktionsuntersuchung.
Aber nun zur eigentlichen Aktionsuntersuchung, die wir auch als »aktivierende Befragung« bezeichnen – in Absetzung zu vielen empirischen Befragungen, die oft einschläfernd, verwirrend oder bestenfalls folgenlos sind. Das Hauptziel einer Aktionsuntersuchung ist die Veränderung der Situation im Gemeinwesen im Sinne der dort lebenden und betroffenen Bürger durch deren Aktion. Durch eine Aktionsuntersuchung sollte Folgendes herausgefunden werden:

Objektive Fakten

Über das Gemeinwesen, beispielsweise Zahlen über den Anteil von Kindern, Alleinerziehenden, Sozialhilfeempfängern, alten Menschen an der Gesamtbevölkerung; oder über den Anteil von Ausländern; oder über die Beschaffenheit der äußeren Verhältnisse in dem Gebiet, wie sie wirklich sind (nicht, wie sie von der Stadt dargestellt werden): z.B. Zahl der benutzten Kinderspielplätze, der Parkplätze, der Freizeitmöglichkeiten und der Einkaufsmöglichkeiten. Fakten also, die nicht von einer subjektiven Einstellung der Befragten verfälscht werden, sondern objektiv feststellbar sind.