Originaltext: Aktionsforschung

Seite 8: Betroffenenbefragung

Die Betroffenenbefragung
Betroffene sind die Menschen, die direkt von den von der Initiativgruppe vermuteten Missständen betroffen sind. Oft werden sich die Bürger erst durch die Befragung der Probleme in ihrer vollen Tragweite bewusst: erst beim Reden über eine Schwierigkeit gehen ihnen die Ursachen der Lage auf und kommen ihnen Ideen, was man tun könnte.

Der Befrager verhält sich bei dem Gespräch möglichst zurückhaltend und lässt den Befragten viel reden und damit den Gesprächsverlauf bestimmen. Dadurch, dass sie zum ersten Mal intensiver über ihre Situation reden, sehen die Betroffenen oft neue Möglichkeiten, die Lage zu ändern. Durch das Gespräch geschieht eine erste Ermutigung.
Ein entscheidendes Prinzip bei der Aktionsuntersuchung ist, dass der Fragende prinzipiell der »Unwissende« ist, d.h. einen echten Informationsrückstand hat, zugleich aber stark daran interessiert ist, diesen aufzuarbeiten.

Die Befragten werden durch die Fragestellung nicht in eine vorgeschriebene Richtung gedrängt, sondern ihnen wird ein breites Spektrum von Antwortmöglichkeiten angeboten. »Tatsächlich erhält man, wenn man Fragen stellt, auf die jede Antwort möglich ist, so viele Auskünfte, nach denen man nie gefragt hat, noch jemals daran dachte, danach zu fragen.« (Hauser, o. J., 10) So findet man die Reihenfolge der Pro­bleme, wie sie die Leute sehen, und nicht, wie man sie sich vorher vielleicht gedacht hatte.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Wenn man wirklich zugibt, dass man »dumm, aber interessiert« ist, und das den Leuten glaubwürdig erklären kann, erfährt man viele Fakten, die durch einen differenzierten Fragebogen nie zu Tage kämen. Vor allen Dingen aber erfährt man von den Emotionen der Menschen.

Die Betroffenenbefragung beginnt damit, dass man sich entscheidet, wie viele Personen befragt werden sollen. Die Betroffenenbefragung muss in kurzer Zeit, etwa zwei Wochen, durchgeführt werden, weil sonst die Leute schon längst wieder vergessen haben, dass eine Befragung stattfand. Die Interviews werden nach Möglichkeit durch eine kurze schriftliche Information angekündigt. Die Interviewer klingeln dann einige Tage später bei den Betroffenen; wer nicht da ist, wird gewöhnlich nicht nochmals besucht, da das den möglichen Zeitaufwand der Interviewer übersteigt. Die Befragungen werden von je zwei Personen durchgeführt, von denen die eine mitschreibt, die andere die Fragen stellt. Der Ablauf der Interviews ist ähnlich wie bei der Fachleutebefragung. Auch diese Interviews werden protokolliert, allerdings nur sehr knapp: lediglich die genannten Probleme und Hauptentrüstungspunkte werden notiert. Wir bekommen so einen Problemkatalog von den Betroffenen. Werden die von den Betroffenen genannten Probleme mit den Auskünften der Fachleute verglichen, zeigt sich oft, dass die Meinungen der Experten ziemlich weit von den Einstellungen der Betroffenen entfernt sind. Je höher die Expertenebene, desto weniger weiß man dort in der Regel über die konkreten Bedürfnisse der Menschen.

Die Betroffenenbefragung muss intensiv eingeübt werden (z.B. in Rollenspielen), da die Befrager – wenn sie ohne Training unbekannte Leute befragen – doch sehr nervös sind und oft die Hälfte vergessen. Schwieriger ist oft noch die Entwicklung einer zuhörenden und gleichzeitig ermutigenden Haltung, ohne gleich gute Ratschläge zu geben oder den Leuten zu erklären, wie es »wirklich« ist.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Eine Aktionsuntersuchung kann von jedem durchgeführt werden; akademische Bildung ist keine Voraussetzung. Lediglich ein intensives Training ist nötig, möglichst durch Leute, die schon Erfahrung mit Aktionsuntersuchungen gesammelt haben.

Die Befragungen laufen in der Regel als Einzelinterviews ab, bei denen die Person, die gerade die Tür aufmacht, befragt wird. Instruktiv sind jedoch auch Gruppeninterviews: mehrere Personen, die gerade im Hausflur oder an einer Ecke zusammenstehen, werden in ein Gespräch verwickelt, oder man geht zu einem örtlichen Verein, um die Mitglieder bei einer Versammlung zu interviewen.

»Beim Gruppeninterview hat man den Vorteil, dass eine einzelne Person, wenn sie Unsinn redet (was man beim Einzelinterview gar nicht so schnell merken kann, wenn man die Situation nicht gut kennt), sofort von der Gruppe korrigiert wird.« (Hauser, o. J., 15 f.) Außerdem verlieren Betroffene, die als Einzelne oft sehr distanziert sind, die Scheu, wenn sie in einer Gruppe von Gleichen sind, also von Leuten, die ebenfalls befragt werden. Häufig entsteht ein Gespräch, in dessen Verlauf die Interviewer fast vergessen werden, da sehr engagiert diskutiert wird. Möglicherweise zeigen sich auch konträre Standpunkte, an denen der Interviewer Streitpunkte innerhalb des Gemeinwesens erkennen kann.

Einzelinterviews müssen dort gemacht werden, wo es keine Gruppen gibt oder die Leute nicht ohne Not aus dem Haus gehen. Die Arbeit geht jedoch bedeutend schneller voran, wenn Gruppen interviewt werden können. Man kann sich beispielsweise in eine Gruppe einladen lassen und die Fragen wie beim Einzelinterview der gesammelten Gruppe vorlegen. Auch bei Wohnviertelbefragungen haben wir Leute gefunden, die ein paar Nachbarn in ihre Wohnung einluden, wo wir dann ein Gruppeninterview machen konnten.