Originaltext: Aktionsforschung

Seite 2: Aufhebung der Distanz, Begleitung durch den Forscher

Zwei Prinzipien sind hierbei bedeutend:

Die Aufhebung der Distanz

Eine Sozialwissenschaft, die Interesse an der Veränderung gesellschaftlicher Praxis zeigt, kann nicht, wie die traditionelle empirische Sozialforschung, ein Subjekt-Objekt-Verhältnis zwischen Forscher und Erforschten beibehalten.

Der Aktionsforscher dagegen ist nicht der weise Mensch, der über alles Bescheid weiß und dem man blind vertraut. Er ist vielmehr gleichberechtigter Partner im Prozess des Suchens nach Lösungen zur Verbesserung der Lage. Denn der Forscher hat ja in Wirklichkeit keinen Erfahrungsvorsprung vor den Untersuchten, was deren aktuelle Situation angeht. Deshalb müssen Sozialwissenschaftler »diese anderen Menschen als Subjekte mit eigener anderer Erfahrung akzeptieren, weil diese Menschen als Träger praktischer Erfahrung gesellschaftlich selbstbestimmend politisch wirken« (Haag, 1972, 43). Aus passiven Objekten, die eine Untersuchung apathisch über sich ergehen lassen, werden im Konzept der Aktionsforschung handelnde Subjekte; sie erhalten Rollen, die gewöhnlich nur der Forscher innehatte.

Die Begleitung des Prozesses durch den Forscher

Dieses Prinzip besagt, dass der Forscher sich nach der gemeinsamen Auswertung der Untersuchungsergebnisse nicht hinter seinen Schreibtisch zurückzieht, sondern den angestoßenen Prozess begleitet und vorwärts treibt.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Dabei soll er vermeiden, den natürlichen Führer der Gruppe zu spielen und Dinge zu tun, die die betroffene Gruppe selbst erledigen kann; stattdessen soll er mit Hilfe seines wissenschaftlichen Instrumentariums bei der »Entwicklung bestimmter Denkschritte« (Haag, 1972, 68) helfen, »ohne das möglicherweise in der Frage angelegte Denkergebnis vorwegzunehmen [. . .]« (ebenda). Diese Rolle muss von dem Forscher zu Beginn der Arbeit mit der Gruppe geklärt werden, damit diese nicht während des Prozesses die Verantwortung auf den Forscher schiebt oder ihn Dinge machen lässt, die sie selbst erledigen kann.

In den 70er-Jahren stand Aktionsforschung im Brennpunkt wissenschaftlicher Theoriediskussion. Leider wurden wissenschaftlich dokumentierte Aktionsforschungsprojekte fast ausschließlich in herkömmlichen Erziehungsinstitutionen (besonders in Schulen) durchgeführt (z. B. Heinze/ü. a., 1975); zudem geschah der Forschungsprozess leider meist nur zwischen den Wissenschaftlern einerseits und den im Feld arbeitenden Pädagogen andererseits. Kooperation zwischen Wissenschaftlern und den in der Hierarchie am niedrigsten Stehenden (z. B. den Schülern) wurde nur in wenigen Projekten versucht.

Die Theoriediskussion um Aktionsforschung befasste sich hauptsächlich mit Fragen der Abgrenzung zum naturwissenschaftlichen Modell. Die Frage der Gültigkeit von in Aktionsforschungs-Projekten gewonnenen Ergebnissen sowie mögliche Formen empirischer Überprüfung initiierter Veränderungsprozesse wurden ausführlich besprochen. Wesentlicher als diese mehr von einem theoretischen Interesse geleiteten Fragestellungen erscheint uns allerdings die Diskussion um die Herstellung eines Subjekt-Subjekt-Verhältnisses zwischen Wissenschaftler und »Erforschten«. H. Moser beschreibt die Situation, in der die Teilnehmer am Aktionsforschungs-Prozess stehen – unter Rückgriff auf die Habermas›sche Terminologie – als »Diskurs«: eine idealtypische Situation, die durch bestimmte Kriterien umschrieben ist und zu deren Charakteristika – im Gegensatz zur »normalen« Sprechsituation – die rationale Argumentation und der Fortfall irrationaler Herrschaftsstrukturen zählen (s. Moser, 1975, 101 ff.).

Dass eine derartige diskursive Verständigung zwischen den Beteiligten tatsächlich praktiziert wird, d.h., dass die Wissenschaftler die im Feld lebenden Menschen wirklich als »Subjekte« anerkennen, scheint nicht ohne weiteres gewährleistet. Allein die Forderung, den anderen als Partner zu akzeptieren, garantiert noch nicht die Verwirklichung der Forderung. Zu häufig gehen Wissenschaftler noch mit manipulativem Interesse an Betroffene heran oder reflektieren zu wenig ihren »Vorschusskredit«, den sie bei den Betroffenen genießen und mit dessen Hilfe sie den Leuten alles Mögliche einreden können. Aber auch die ehrliche Absicht zur partnerschaftlichen Diskussion kann durch vorgegebene Kommunikationsbarrieren boykottiert werden. Ihre nur begrenzte Aufhebbarkeit verhindert eine gleichberechtigte Verständigung über die Probleme des Projektes (zu diesen Fragen s. besonders: Moser, 1975; sowie die Beiträge in: Zeitschrift für Pädagogik, 5/1975 und 3/1976.).

Abschließend sei noch auf einen Punkt hingewiesen, der für Wissenschaftler oft eine entscheidende Barriere für Praxiskontakte und damit zur Durchführung von Aktionsforschungsprojekten darstellt: die Unsicherheit in Bezug auf eventuell anlaufende Prozesse und deren Ausgang.

»Daher ist es auch nicht möglich, mit Sicherheit vorauszusagen, ob die Prozesse, die durch die praktische Initiative ausgelöst werden sollten, überhaupt in Gang kommen, völlig anders verlaufen als erwartet oder diesen Erwartungen in etwa entsprechen.« (Krüger/u. a., 1975, 26)

Diese Offenheit des Ausgangs von Projekten wird als Chance für die Betroffenen gesehen, selbst über die anlaufenden Prozesse zu bestimmen. Für manche Wissenschaftler bedeutet dieses Element jedoch eine ungewohnte Bedrohung, denn es lässt sich ja nur schwer voraussehen, was alles passieren kann. Die Betroffenen entziehen sich jeglicher autoritativen Kontrolle. Eine solche Selbstbestimmung der Betroffenen wird immer von denjenigen Gruppierungen als Gefahr empfunden, die ein Interesse an Bevormundung und damit an Entmündigung von Bürgern haben. Der im Folgenden beschriebene Ansatz von Aktionsforschung, den wir in GWA-Projekten praktizieren, lässt sich in seinem wissenschaftlichen Interesse etwa so charakterisieren: Über die konkrete Situation hinaus wollen wir aus dem gesamten Prozess lernen und herausfinden, was für diese Situation typisch ist, was in anderen Situationen ähnlich sein kann und was immer wiederkehrende Fakten sind, um dadurch Theorien und Handlungskonzepte für andere Projekte zu entwickeln.