Originaltext: Aktionsforschung

Seite 10: Ablauf der Versammlung

Es kann aber auch passieren, dass nur wenige Leute zur Versammlung kommen oder dass sich nur eine Gruppe auf der Versammlung bildet oder dass Funktionäre aus Parteien, Gewerkschaften oder Ämtern dorthin kommen und den Leuten sagen, sie würden die Dinge schon für sie klären. Es fällt schwer, für jeden Eventualfall eine Lösung anzugeben: in der Situation hängt es oft von der Spontaneität und dem Ideenreichtum der Projektgruppe ab, mit apathisierenden Faktoren konstruktiv umzugehen.

Minimalziele könnten sein:

  • Die Bürger tun ihren Protest über Missstände per Unterschrift bei zuständigen Stellen kund.
  • Es finden sich einzelne Bürger, die mit der Initiativgruppe in Kontakt bleiben wollen.
  • Es finden sich einige Bürger, die selbst zu einer erneuten Versammlung einladen.


Wenn die ersten Aktivitäten in einem Gemeinwesenprojekt angelaufen sind, muss die Projektgruppe aufpassen, dass ihr nicht die Verantwortung für den weiteren Verlauf aufgezwungen wird. Es ist vielmehr wichtig, dass die Leute aus dem Wohngebiet selbst die Führung übernehmen, damit sie sich mit ihrer Sache identifizieren.

Die Aufgabe der Projektgruppe könnte in der Begleitung und im Training der Arbeitsgruppen bestehen. Dabei ist es ein wichtiges Prinzip, dass nur ein, höchstens zwei Mitglieder der Projektgruppe an den Sitzungen der Betroffenengruppen teilnehmen. Sie sollten von Anfang an einen Teilnehmer bitten, die Leitung der Versammlung oder Arbeitsgruppensitzung zu übernehmen, während ein weiterer das Protokoll übernimmt. Im Allgemeinen bereitet das keine großen Schwierigkeiten. Nur wenn man mit Leuten arbeitet, die kaum schreiben können, besorgt man besser jemanden, der das Protokoll schreibt. Die Protokollierung der gesamten Arbeit ist aus mehreren Gründen wichtig:

  • als Information für nicht anwesende Gruppenmitglieder;
  • als Information für verschiedene Arbeitsgruppen aus dem gleichen Stadtteil;
  • als Möglichkeit, die Arbeit nach einem gewissen Zeitabschnitt zu reflektieren;
  • als Informationsmaterial für Gruppen, die ähnliche Aktivitäten planen.


Die Mitglieder der Initiativgruppe betrachten sich jetzt als Teilnehmer, helfen die Sitzungen zu strukturieren, sie melden sich zu Wort wie jedes andere Mitglied. Es geht darum, die natürlichen Führer und die Gruppe zu ermutigen und ihr technisch zu helfen, wobei den Arbeitsgruppenmitgliedern die Rolle der Gemeinwesenarbeiter als Einflussführer (s. Kap. 8.4) deutlich sein muss. Oft tritt nach einer kleinen gelungenen Aktion ein Sättigungseffekt ein, der die Leute in Apathie zurückfallen lässt. Um den Schwung der Anfangsphase zu erhalten und eine langfristige Motivation zum Handeln zu schaffen, gibt es mehrere Möglichkeiten:

Schon sehr früh müssen Situationen und Geschehnisse durchsichtig gemacht werden, sowohl Vorgänge innerhalb der Gruppe wie auch gesellschaftliche Barrieren, an die man bei der Arbeit stößt. Ferner ist es ratsam, dass außenstehende Personen, die bei den Bürgern Prestige besitzen, ihr Interesse an den Aktionen der Betroffenen zeigen. Die Betroffenen sehen, dass ihr Vorhaben nicht nur ihr persönliches Hobby ist, sondern dass es auch von anderer Seite aufmerksam beobachtet und befürwortet wird. Es empfiehlt sich daher, von Zeit zu Zeit außenstehende Personen als Einflussführer »auf Zeit« anzubieten.

Eine weitere Aktivität in Richtung einer langfristigen Stabilisierung von Bürgergruppen bietet die Begegnung mit anderen Aktionsgruppen, die in ähnlicher Weise solidarisch ein Problem bearbeiten. Außerdem kann man, was strategische Schritte angeht, von den anderen Gruppen lernen. Ein zweiter Effekt von organisierten Kontakten zwischen Aktionsgruppen besteht darin, dass durch das Beobachten anderer Projekte, in denen sich Bürger für ihre Interessen einsetzen, stückweise größere Zusammenhänge sichtbar und Ursachen sozialer Probleme bewusster werden. Man spürt zugleich, dass man im Kampf gegen diese scheinbar erdrückenden Verhältnisse nicht allein ist und schöpft dadurch neue Hoffnung.

Für mittelfristige bis langfristige Arbeit braucht man also eine rationale Motivation und Kenntnisse von Arbeits- und Entspannungstechniken, um die in dieser Arbeit unvermeidlichen Frustrationen überstehen zu können. Ein notwendiger Stabilisierungsfaktor sind kurzfristige Erfolge in der Anfangsphase des Projektes.

Eine Bürgergruppe sollte immer kurz-, mittel- und langfristige Ziele aufstellen, wobei die kurzfristigen Ziele möglichst Erfolg versprechend sein sollten.

Für die Arbeit der Bürgergruppe gibt es keine Rezepte. Man muss wissen, »dass keine Situation sich jemals wiederholt und deshalb auch die Taktik immer wechseln muss« (Alinsky, 1974, 56). Es existieren keine Fixpunkte, an die man sich halten kann, keine Handlungsanleitungen, denen man nur nachgehen muss. »Todsichere« Fahrpläne, die immer zum Ziel führen, können nicht entworfen werden. In jeder Situation muss pragmatisch entschieden werden, das jeweils Machbare im Auge. Zu niedrige Forderungen sind ebenso unsinnig wie zu hohe Ansprüche. Offenheit in jeder Situation ist notwendig, um wirklich der Situation entsprechend zu handeln.