Originaltext: Aktionsforschung

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Der Text ist dem Studienbuch Gruppen- und Gemeinwesenarbeit, Eine Einführung für Ausbildung und Praxis, Neuwied/Frankfurt a.M., 1989, S.41–66 von Wolfgang Hinte/Fritz Karas entnommen. Mit freundlicher Genehmigung des Luchterhand-Verlags.

»Eine Forschung, die nichts anderes als Bücher hervorbringt, genügt nicht.« (Kurt Lewin)

Aktions-(Handlungs-)Forschung: Entwicklung und Theorie

Die Bezeichnung dieser Forschungsstrategie geht zurück auf Kurt Lewin, der sie »action research« nannte. Das Wort »action« bedeutet hier »Handlung« oder »Tat«, Begriffe, die den aktiv-verändernden Charakter der Strategie betonen, während das Wort »research« (Forschung) anzeigt, dass hier Praxis mit analytischem Hintergrund betrieben wird. In den 40er-Jahren traf Lewin in den USA auf viele Gruppen und Institutionen, die bestimmte Probleme sahen und auch etwas dagegen tun wollten. Es gelang ihnen jedoch nicht, ihren guten Willen in die Tat umzusetzen, da oft drei Fragen unbeantwortet waren:

»1. Wie ist die gegenwärtige Lage? 2. Wo liegen die Gefahren? 3. Und als Wichtigstes: Was sollen wir tun?« (Lewin, 1968, 278).

Um diese drei Fragen zu beantworten, genügt nicht eine genaue empirische Analyse, die lediglich den Ist-Zustand feststellt. Hierdurch wird nur die Frage 1 geklärt. Eine Forschung aber, die Rückwirkungen auf Wirklichkeit beabsichtigt und Verhältnisse ändern will, muss anders aussehen:

»Die für die soziale Praxis erforderliche Forschung lässt sich am besten als eine Forschung im Dienste sozialer Unternehmungen oder sozialer Technik kennzeichnen. Sie ist eine Art Tat-Forschung (›action research‹), eine vergleichende Forschung der Bedingungen und Wirkungen verschiedener Formen des sozialen Handelns und eine zu sozialem Handeln führende Forschung.« (Lewin, 1968, 280)

Hierbei gilt: »Wer A sagt, muss auch B sagen«, also der erste Schritt, die »vergleichende Erforschung«, muss konsequenterweise zu sozialem Handeln führen. Nach Lewins Meinung tun die Wissenschaftler oft nur den ersten Schritt, die Erforschung, und geben sich damit zufrieden. Lewin (1968, 283) dagegen sagt, »dass reine Diagnose – und Umfragen sind eine Art Diagnose – nicht genügt.« Ähnlich fällt eine Kritik von Hauser/Hauser (1971, 453) aus:

»Die Unzulänglichkeiten der ›modernen‹ Soziologie liegen genau in der Tatsache begründet, dass Soziologen sich nur selten von sozialen Aktionen beanspruchen lassen, sondern immer hinter den Tatsachen herhinken und, nachdem die Ereignisse stattgefunden haben, das letzte Glied an die Kette hängen.«

Eine Diagnose im Sinne von Aktionsforschung ist immer schon so angelegt, dass sie direktes Handeln bewirkt. Ein Forscher, der ein Aktionsforschungsprojekt beginnt, darf sich daher nach der Analyse nicht zurückziehen, sondern muss sich den Erwartungen, die er geweckt hat, stellen. Leider sind die meisten Wissenschaftler nicht in der Lage, mehr als eine Analyse zu leisten. Sie sind für praktische Arbeit nicht ausgebildet und entwickeln dementsprechende Ängste vor diesem für sie unbekannten Gebiet. Nach Lewins Meinung müssen deshalb verstärkt Sozialwissenschaftler ausgebildet werden, »die mit wissenschaftlichen Problemen umzugehen verstehen, aber auch für die schwierige Aufgabe gerüstet sind, mit Praktikern produktive durchgreifende Arbeitsgruppen zu bilden [. . .]« (Lewin, 1968, 292).

So viel zum Ansatz Lewins, der in den letzten Jahren – auch in der Bundesrepublik Deutschland – weiterentwickelt und ergänzt wurde (s. dazu unter anderem Moser, 1975; Horn, 1979; Zedler/Moser, 1983; Filsinger/ Hinte, 1988).

Eine Definition von Aktionsforschung bietet R. Pieper (1972, 100) an: »Auf eine kurze Formel gebracht, bezeichnet Aktionsforschung eine Forschungsstrategie, durch die ein Forscher oder ein Forschungsteam in einem sozialen Beziehungsgefüge in Kooperation mit den betroffenen Personen auf Grund einer ersten Analyse Veränderungsprozesse in Gang setzt, beschreibt, kontrolliert und auf ihre Effektivität zur Lösung eines bestimmten Problems hin beurteilt.«

Das Forschungsziel dieser Strategie besteht darin, empirische Fakten und Daten zu erhalten und zugleich praktische Veränderungen in einem sozialen Feld zu bewirken, die zusammen mit den im Feld lebenden Menschen herbeigeführt werden. Bevorzugte Instrumente sind alle Forschungsmethoden, deren Ergebnisse sich möglichst direkt an die Betroffenen rückkoppeln lassen: z. B. soziometrische Verfahren, teilnehmende Beobachtung, (mündliches) Interview, Aktionsuntersuchung, Einschätzskalen, Tonband- und Videoaufnahmen. Durch die Berücksichtigung der analytischen Ebene und der Handlungsebene sollen zwei unergiebige Extreme vermieden werden:

  • Das des wild draufloshandelnden Praktikers, der sich ohne theoretische Grundlagen in die Arbeit stürzt und glaubt, allein durch Flexibilität und Intuition gute Arbeit leisten zu können.
  • Das des rationalen, über den Dingen stehenden Wissenschaftlers, der nur daran interessiert ist, seine Analyse fertig zu stellen, um diese zu veröffentlichen und sein Ansehen durch Publikationen zu steigern. Dieser Typ kennt keine innere Anteilnahme an den von ihm untersuchten Objekten; praktisches Engagement hält er für »unwissenschaftlich« und für die Aufgabe anderer Leute: »ein Musterbeispiel von Rationalisierung« (Hauser/Hauser, 1971, 453).
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Wesentlich ist, dass bei der Aktionsforschung bereits im Forschungsvorgang ein Teil der Aktion geschieht. Theorie und Praxis sind also nicht getrennt, sondern geschehen in einem Vorgang: durch die Forschung wird die untersuchte Situation direkt beeinflusst. Die im untersuchten Feld lebenden Betroffenen werden durch die Konfrontation mit ihrer sozialen Wirklichkeit angeregt, zusammen mit dem Forscher mögliche Lösungen für die Verbesserung der Situation zu entwickeln und durchzuführen.

Zwei Prinzipien sind hierbei bedeutend:

Die Aufhebung der Distanz

Eine Sozialwissenschaft, die Interesse an der Veränderung gesellschaftlicher Praxis zeigt, kann nicht, wie die traditionelle empirische Sozialforschung, ein Subjekt-Objekt-Verhältnis zwischen Forscher und Erforschten beibehalten.

Der Aktionsforscher dagegen ist nicht der weise Mensch, der über alles Bescheid weiß und dem man blind vertraut. Er ist vielmehr gleichberechtigter Partner im Prozess des Suchens nach Lösungen zur Verbesserung der Lage. Denn der Forscher hat ja in Wirklichkeit keinen Erfahrungsvorsprung vor den Untersuchten, was deren aktuelle Situation angeht. Deshalb müssen Sozialwissenschaftler »diese anderen Menschen als Subjekte mit eigener anderer Erfahrung akzeptieren, weil diese Menschen als Träger praktischer Erfahrung gesellschaftlich selbstbestimmend politisch wirken« (Haag, 1972, 43). Aus passiven Objekten, die eine Untersuchung apathisch über sich ergehen lassen, werden im Konzept der Aktionsforschung handelnde Subjekte; sie erhalten Rollen, die gewöhnlich nur der Forscher innehatte.

Die Begleitung des Prozesses durch den Forscher

Dieses Prinzip besagt, dass der Forscher sich nach der gemeinsamen Auswertung der Untersuchungsergebnisse nicht hinter seinen Schreibtisch zurückzieht, sondern den angestoßenen Prozess begleitet und vorwärts treibt.

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Dabei soll er vermeiden, den natürlichen Führer der Gruppe zu spielen und Dinge zu tun, die die betroffene Gruppe selbst erledigen kann; stattdessen soll er mit Hilfe seines wissenschaftlichen Instrumentariums bei der »Entwicklung bestimmter Denkschritte« (Haag, 1972, 68) helfen, »ohne das möglicherweise in der Frage angelegte Denkergebnis vorwegzunehmen [. . .]« (ebenda). Diese Rolle muss von dem Forscher zu Beginn der Arbeit mit der Gruppe geklärt werden, damit diese nicht während des Prozesses die Verantwortung auf den Forscher schiebt oder ihn Dinge machen lässt, die sie selbst erledigen kann.

In den 70er-Jahren stand Aktionsforschung im Brennpunkt wissenschaftlicher Theoriediskussion. Leider wurden wissenschaftlich dokumentierte Aktionsforschungsprojekte fast ausschließlich in herkömmlichen Erziehungsinstitutionen (besonders in Schulen) durchgeführt (z. B. Heinze/ü. a., 1975); zudem geschah der Forschungsprozess leider meist nur zwischen den Wissenschaftlern einerseits und den im Feld arbeitenden Pädagogen andererseits. Kooperation zwischen Wissenschaftlern und den in der Hierarchie am niedrigsten Stehenden (z. B. den Schülern) wurde nur in wenigen Projekten versucht.

Die Theoriediskussion um Aktionsforschung befasste sich hauptsächlich mit Fragen der Abgrenzung zum naturwissenschaftlichen Modell. Die Frage der Gültigkeit von in Aktionsforschungs-Projekten gewonnenen Ergebnissen sowie mögliche Formen empirischer Überprüfung initiierter Veränderungsprozesse wurden ausführlich besprochen. Wesentlicher als diese mehr von einem theoretischen Interesse geleiteten Fragestellungen erscheint uns allerdings die Diskussion um die Herstellung eines Subjekt-Subjekt-Verhältnisses zwischen Wissenschaftler und »Erforschten«. H. Moser beschreibt die Situation, in der die Teilnehmer am Aktionsforschungs-Prozess stehen – unter Rückgriff auf die Habermas›sche Terminologie – als »Diskurs«: eine idealtypische Situation, die durch bestimmte Kriterien umschrieben ist und zu deren Charakteristika – im Gegensatz zur »normalen« Sprechsituation – die rationale Argumentation und der Fortfall irrationaler Herrschaftsstrukturen zählen (s. Moser, 1975, 101 ff.).

Dass eine derartige diskursive Verständigung zwischen den Beteiligten tatsächlich praktiziert wird, d.h., dass die Wissenschaftler die im Feld lebenden Menschen wirklich als »Subjekte« anerkennen, scheint nicht ohne weiteres gewährleistet. Allein die Forderung, den anderen als Partner zu akzeptieren, garantiert noch nicht die Verwirklichung der Forderung. Zu häufig gehen Wissenschaftler noch mit manipulativem Interesse an Betroffene heran oder reflektieren zu wenig ihren »Vorschusskredit«, den sie bei den Betroffenen genießen und mit dessen Hilfe sie den Leuten alles Mögliche einreden können. Aber auch die ehrliche Absicht zur partnerschaftlichen Diskussion kann durch vorgegebene Kommunikationsbarrieren boykottiert werden. Ihre nur begrenzte Aufhebbarkeit verhindert eine gleichberechtigte Verständigung über die Probleme des Projektes (zu diesen Fragen s. besonders: Moser, 1975; sowie die Beiträge in: Zeitschrift für Pädagogik, 5/1975 und 3/1976.).

Abschließend sei noch auf einen Punkt hingewiesen, der für Wissenschaftler oft eine entscheidende Barriere für Praxiskontakte und damit zur Durchführung von Aktionsforschungsprojekten darstellt: die Unsicherheit in Bezug auf eventuell anlaufende Prozesse und deren Ausgang.

»Daher ist es auch nicht möglich, mit Sicherheit vorauszusagen, ob die Prozesse, die durch die praktische Initiative ausgelöst werden sollten, überhaupt in Gang kommen, völlig anders verlaufen als erwartet oder diesen Erwartungen in etwa entsprechen.« (Krüger/u. a., 1975, 26)

Diese Offenheit des Ausgangs von Projekten wird als Chance für die Betroffenen gesehen, selbst über die anlaufenden Prozesse zu bestimmen. Für manche Wissenschaftler bedeutet dieses Element jedoch eine ungewohnte Bedrohung, denn es lässt sich ja nur schwer voraussehen, was alles passieren kann. Die Betroffenen entziehen sich jeglicher autoritativen Kontrolle. Eine solche Selbstbestimmung der Betroffenen wird immer von denjenigen Gruppierungen als Gefahr empfunden, die ein Interesse an Bevormundung und damit an Entmündigung von Bürgern haben. Der im Folgenden beschriebene Ansatz von Aktionsforschung, den wir in GWA-Projekten praktizieren, lässt sich in seinem wissenschaftlichen Interesse etwa so charakterisieren: Über die konkrete Situation hinaus wollen wir aus dem gesamten Prozess lernen und herausfinden, was für diese Situation typisch ist, was in anderen Situationen ähnlich sein kann und was immer wiederkehrende Fakten sind, um dadurch Theorien und Handlungskonzepte für andere Projekte zu entwickeln.

Die Aktionsuntersuchung/Aktivierende Befragung als Einstieg in die Gemeinwesenarbeit

Träger und Befrager

Eine Aktivierende Befragung gestaltet sich in der Regel recht arbeitsaufwändig. Sie lässt sich nicht einfach »nebenbei« machen: Professionelle, die mit regelmäßig anfallenden Arbeiten belastet sind, finden zumeist keine ausreichende Zeit, um alleine eine Aktionsuntersuchung zu tragen. Andererseits bietet gerade dieses Instrument vielen Professionellen die Chance, Bürger, die sie bisher nur als »Klienten« , also unter dem Stigma eines Defizits, kannten, in einem anderen Kontext und in einer anderen Rolle kennen zu lernen.

So sind beispielsweise viele Sozialarbeiter aus dem Allgemeinen Sozialdienst überrascht, wenn sie im Rahmen einer Gemeinwesenaktivierung feststellen, dass ihre Klienten hohe Kompetenzen besitzen z. B. in der Gestaltung ihrer Wohnung oder ihres Wohnumfeldes, in Kontakten zu Nachbarn usw. Und häufig wissen sie auch erheblich mehr und anderes über den Stadtteil, als etwa aus den statistischen Befunden einer Kommunalverwaltung zu ersehen ist.

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Es empfiehlt sich also durchaus, an einer Aktionsuntersuchung auch Kollegen aus der Sozialverwaltung zu beteiligen, wenn auch warnend darauf hingewiesen werden muss, dass diese verständlicherweise von den Betroffenen auch in ihrer Kontrollfunktion wahrgenommen werden: sie könnten die ganze Sache z. B. für einen Trick des Sozialamts halten, um Sozialhilfeberechtigungen zu überprüfen. Wir haben allerdings festgestellt, dass sich dieses Problem in der Praxis dann reduziert, wenn die entsprechenden Kollegen bereits als glaubwürdige und integere Personen bekannt sind, die im Interesse ihrer Klienten handeln.

Dennoch ist klar: eine Aktionsuntersuchung kann nicht ausschließlich auf den Schultern der Professionellen aus der Sozialverwaltung ruhen. Wir haben gute Erfahrungen gemacht in Kooperationen mit unterschiedlichen freien Trägern (in Essen beispielsweise mit der Arbeiterwohlfahrt, die in schriftlich fixierten Kooperationsabsprachen mit der Stadt und der Universität die Grundlage für mehrere Gemeinwesenprojekte schaffte).

Ehrenamtliche Mitarbeiter bei Verbänden, Studenten im Rahmen ihrer Ausbildung (Projektarbeit; s. dazu Hinte, 1988) oder andere engagierte Bürger (Leute aus dem Stadtteil, Schüler von Fachoberschulen oder Gymnasiasten im Rahmen eines Praktikums) sind neben den sowieso schon am Projekt beteiligten Professionellen oft wertvolle Helfer bei einer Befragung. Dabei spielt es keine Rolle, wenn ein Teil von ihnen nur während der Befragung mitarbeitet: wenn die personelle Kontinuität durch die Hauptamtlichen gewährleistet ist, tun sich bei der weiteren Arbeit diesbezüglich keine Probleme auf.Dazu ist es aber notwendig, dass die gesamte Arbeit durch eine Trägerkonstruktion abgesichert ist, die längerfristig Bestand hat.

Dazu bieten sich Kooperationen zwischen der Kommune, Freien Trägern, Initiativen oder Hochschulen an, die nach Möglichkeit vertraglich abgesichert sind und mittelfristig die nötigen Ressourcen sicherstellen (wie das etwa in Essen geschieht; s. dazu: Institut für stadtteilbezogene Soziale Arbeit, ISSAB, 1989). Von derartigen Kooperationen profitieren die beteiligten Partner in unterschiedlicher Art und Weise, und häufig erweist sich eine solche Arbeit auch als Einstieg in weiterreichende Umorganisationsprozesse der kommunalen sozialen Dienste.

Ziele und erste Schritte

Für ein solide durchgeführtes Projekt gilt: Zuerst Information – dann Aktion. Zur ersten Information eignet sich eine Gemeinwesenbeobachtung. Sie kann sich auf die sichtbaren, ins Auge fallenden Fakten wie Häuser, Straßen, Geschäfte, Kneipen, Verkehr richten, aber auch auf die Interaktion der dort lebenden Bürger, die nicht so deutlich sichtbar ist. Aus Dichte und Art der beobachteten Interaktion und Kommunikation erhalten wir Hinweise auf das soziale Klima der Gegend. Durch die Beobachtung können auch beliebte Treffpunkte und Versammlungsmöglichkeiten herausgefunden werden. Weitere Hinweise über das Gemeinwesen finden sich im lokalen Teil der Tageszeitungen oder in Kirchen- und Vereinsblättern. Es kann auch sehr nützlich sein, in Zeitungsarchiven zu suchen, was in den vergangenen Jahren über das zu untersuchende Viertel geschrieben wurde. Dabei ist auch zu beachten, wie darüber geschrieben wurde. Die Gemeinwesenbeobachtung kann vor der Aktionsuntersuchung im Anliegenstadium stattfinden, sie kann aber auch während der Aktionsuntersuchung eventuell mit den Betroffenen stattfinden oder auch ergänzend zur Aktionsuntersuchung.
Aber nun zur eigentlichen Aktionsuntersuchung, die wir auch als »aktivierende Befragung« bezeichnen – in Absetzung zu vielen empirischen Befragungen, die oft einschläfernd, verwirrend oder bestenfalls folgenlos sind. Das Hauptziel einer Aktionsuntersuchung ist die Veränderung der Situation im Gemeinwesen im Sinne der dort lebenden und betroffenen Bürger durch deren Aktion. Durch eine Aktionsuntersuchung sollte Folgendes herausgefunden werden:

Objektive Fakten

Über das Gemeinwesen, beispielsweise Zahlen über den Anteil von Kindern, Alleinerziehenden, Sozialhilfeempfängern, alten Menschen an der Gesamtbevölkerung; oder über den Anteil von Ausländern; oder über die Beschaffenheit der äußeren Verhältnisse in dem Gebiet, wie sie wirklich sind (nicht, wie sie von der Stadt dargestellt werden): z.B. Zahl der benutzten Kinderspielplätze, der Parkplätze, der Freizeitmöglichkeiten und der Einkaufsmöglichkeiten. Fakten also, die nicht von einer subjektiven Einstellung der Befragten verfälscht werden, sondern objektiv feststellbar sind.

Meinungen

Gefühlsbedingte Ansichten, die durch äußere Tatsachen verursacht sind, z. B. welche Meinung obdachlose Familien über bestimmte Maßnahmen haben, die die Stadtverwaltung getroffen hat, und welche Meinung die in der Stadtverwaltung Tätigen vertreten.

Das emotionale Klima

a) Kommunikation
Man muss z. B. herausfinden, wie und ob die Leute untereinander sprechen, ob sie nebeneinanderherleben oder ob sie ihre gemeinsamen Sorgen kennen, ob Ausländer gemieden oder mit in die Kommunikation einbezogen werden, ob man sich gegenseitig hilft oder ob einem der Nachbar egal ist.

b) Punkte der Entrüstung
Wo fühlen sich die Leute betroffen? Hier muss im Gegensatz zu objektiv Feststellbarem das Thema gesucht werden, über das sich die Menschen am meisten aufregen. Es kann durchaus möglich sein, dass in einem Gemeinwesen »objektiv« (d.h. von dem Gemeinwesenarbeiter aus betrachtet) viel zu wenig Spielplätze existieren, dass das Klima davon jedoch gar nicht beeinflusst wird, sondern dass sich die Leute viel mehr über die fehlenden Kneipen aufregen.

Hier gilt es, dort anzusetzen, wo die Leute stehen: also bei dem Kneipenmangel, über den sich die Leute stark entrüsten. Denn hier fühlen sie sich betroffen, und Betroffenheit und Entrüstung sind wichtige Aktivierungsfaktoren. In dem genannten Beispiel hätte es wenig Sinn, den Leuten klar zu machen, dass doch Spielplätze wesentlich notwendiger sind als Kneipen. Damit würde bereits der erste Schritt zur Entmündigung der Bürger getan: ihre eigenen Bedürfnisse würden gering geachtet zu Gunsten von Fakten, die der Gemeinwesenarbeiter für wichtiger hält. Aktivierung wird dann immer fehlschlagen.

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Der Punkt der Entrüstung ist der beste Ansatz zu einer Aktivierung, da wir in den Punkten, über die wir uns aufregen, am ehesten bereit sind, etwas zu tun. Es kann aber durchaus vorkommen, dass in einem Gemeinwesen ein so starkes Klima der Apathie herrscht, dass Entrüstung gar nicht oder nur sporadisch vorkommt. Das ist in der Bundesrepublik Deutschland bei vielen Bürgern der Fall, da sie von den Organisationen so gut versorgt sind, dass sie gar nicht daran denken, sich zu entrüsten. Für diese Fälle gibt es einen weiteren möglichen Aktivierungsfaktor.

c) Punkte der Neugierde und des Zweifels
Es gibt Gruppierungen, in denen eine Stimmung herrscht, die sagt: »Man kann doch sowieso nichts machen« oder: »Hier ist doch alles in Ordnung« . Dann ist es hilfreich, Menschen neugierig zu machen auf mögliche Alternativen zum Status quo. Sie beginnen, die Unumstößlichkeit der augenblicklichen Lage zu bezweifeln. Ein Ziel der Aktionsuntersuchung ist es, Punkte zu finden, bei denen Menschen neugierig werden und den Status quo in Frage stellen. Das Gefühl der Neugierde umfasst den Wunsch nach etwas »Besserem« , vielleicht nach etwas intensiverem Erleben oder sinnvollerem Leben. Zweifel und Neugierde können Motor werden zu einem Engagement für das Gemeinwesen.

d) Demoralisation
In manchen Gemeinwesen trifft man auf Menschen, die nicht nur apathisch, sondern sogar demoralisiert sind. Solche Leute halten überhaupt nichts voneinander. Demoralisierte Obdachlose etwa sagen: »Hier können Sie gar nichts machen, hier wohnen doch nur Verbrecher.« Oder bei einer Befragung unter Türken: »Hier geht gar nichts, die anderen hier leben doch alle noch wie in Anatolien.« Wenn in Wohnquartieren zu viele Menschen demoralisiert sind, kann es besser sein, die Befragung abzubrechen.

Örtliche Führer

In jedem Gemeinwesen gibt es einmal die offiziell gewählten Vertreter von Parteien oder Vereinigungen und dann die inoffiziellen oder informellen Führer. Personen, die irgendeine Art von Kristallisationspunkt für die Bevölkerung darstellen, Leute, deren Stimme großes Gewicht bei einigen Bürgern hat. Die Identifikation der lokalen informellen Führer ist notwendig zur Kontaktaufnahme zu größeren Kreisen der Bevölkerung. Oft wird der Fehler begangen, dass Gemeinwesenarbeiter denjenigen zum Führer stempeln, der ihnen am angenehmsten ist und ihren Ansichten am nächsten sieht. Dann allerdings erhält man eine Gemeinwesenvertretung, die alles Mögliche vertritt, nur nicht die Interessen der Bewohner. Die Folge ist, dass die Aktionsgruppe nie eine größere Zahl von Bewohnern hinter sich bekommt.

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Es müssen also diejenigen als Führer anerkannt werden, die von der Bevölkerung selbst als Repräsentanten ihrer Normen und ihrer Werte angesehen werden. Bei der Befragung werden gewöhnlich – direkt oder indirekt – Personen genannt, die irgendeine Art von Führungsrolle innehaben: mit diesen natürlichen Führern muss möglichst bald Kontakt aufgenommen werden.

Örtliche Gruppen oder potenzielle Interessenten

Es gilt herauszufinden, welche formellen und informellen Gruppen im Gemeinwesen bestehen, wie ihre Mitglieder über die Probleme denken und wie die Gruppen zueinander stehen. Möglicherweise können durch die Befragung Verbündete und Kollegen gewonnen werden, es kann sich aber auch schon zeigen, auf welche Gegner eine Aktion stoßen könnte. Auf jeden Fall ist darauf zu achten, dass möglichst alle Gruppen angesprochen werden, also nicht nur die, die einem aus persönlichen oder ideologischen Gründen passen.

Mehrheiten und Minderheiten

In jedem Gemeinwesen gibt es bestimmte Kräftekonstellationen der dort ansässigen Gruppierungen, von denen der Gemeinwesenarbeiter vor Beginn der tatsächlichen Aktion Kenntnis haben sollte, da er sonst unnötige Schwierigkeiten bekommen könnte. Man muss deshalb herausfinden, wie die politischen Mehrheiten aussehen, welche einflussreichen weltanschaulichen, religiösen oder andere Organisationen (z. B. Unternehmen) es gibt, wie die Hauptkultur aussieht, welche Subkulturen es gibt und ob Minoritäten vorhanden sind.

Ideen zur Veränderung der Situation

Es gibt Gemeinwesenarbeiter, die genau zu wissen meinen, was für die betroffenen Bürger gut ist. Eigene Ideen der Leute nehmen sie entweder überhaupt nicht zur Kenntnis, oder sie stellen sie zurück. Später wundern sie sich, dass die Betroffenen entweder nur halbherzig oder gar nicht mitarbeiten.

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Es muss daher noch einmal betont werden, dass es bei der Aktionsuntersuchung darauf ankommt, welche Ideen die Bürger selbst zur Verbesserung der Situation haben, denn diese Ideen müssen Ausgangs­punkt jeglicher Aktionen sein. Meistens wissen die Betroffenen viel besser als die Gemeinwesenarbeiter, welche Schritte zur Änderung getan werden können. Deshalb muss man offen sein auch für noch so abwegig klingende Vorschläge der Betroffenen. Selbst Kinder haben oft fantastische Ideen, die leider beim ersten Hinsehen als »kindlich-naiv« abgetan werden (s. dazu Praschma, 1987). Bei der Befragung muss ein Katalog von Ideen zur Veränderung erstellt und anschließend mit den Bürgern auf Möglichkeiten zur Verwirklichung geprüft werden.

Ablauf

Die drei Phasen einer Aktionsuntersuchung sind:

  • Anliegenstadium und Voruntersuchung
  • Hauptuntersuchung
  • Versammlung und Gruppenbildung.


Im Stadium des Anliegens und der Voruntersuchung kann eine Gruppe noch jederzeit einen Rückzieher machen und die Untersuchung abbrechen, ohne dass daraus größerer Schaden entsteht. Im Stadium der Hauptuntersuchung jedoch bedeutet ein Abbruch eine erhebliche Missachtung der Betroffenen, weil die Hauptuntersuchung Hoffnungen in den Menschen weckt, die dann nicht erfüllt werden.

1. Anliegenstadium und Voruntersuchung
Zu Beginn eines GWA-Projekts tun sich viele Gruppen aus unterschiedlichen Gründen schwer:

Da gibt es Leute, die sich ohne gründliche Informationen blind in den Stadtteil stürzen und nach kurzer Zeit enttäuscht aufgeben; andere reden viel über die Notwendigkeit von Aktivitäten, kommen aber nicht über das Stadium der Informationssammlung hinaus, weil sie meinen, erst alle Daten über den Stadtteil analysieren zu müssen; und wieder andere meinen, sie müssten erst eine »ideale« Gruppe sein und alle möglichen Konfliktfelder »ausdiskutiert« haben, bevor sie eine Aktion starten können. In der Tat bedarf es einer zeitlich klar begrenzten Periode der Klärung: diese nennen wir Anliegenstadium. Darin muss geklärt werden:

  • Wollen wir wirklich etwas tun, oder wollen wir nur darüber reden?
  • Was sind die Motive der einzelnen Gruppenmitglieder?
  • Wie viel Zeit kann jeder für das Projekt aufbringen?
  • Welches Problem will die Gruppe angehen? (Probleme im Gemeinwesen mit verschiedenen Gruppen oder das Problem einer bestimmten Gruppe im Gemeinwesen?)
  • Welche Ziele sehen die einzelnen Gruppenmitglieder bei der Bearbeitung des Problems? (Ein zu großes Auseinanderklaffen in den Zielen könnte später der Gruppe schwer zu schaffen machen.)
  • Welche finanziellen, personellen und/oder räumlichen Ressourcen werden zu Beginn benötigt?

Nach Klärung dieser Fragen bildet sich jedes Gruppenmitglied ein Vorurteil (besser: Voraus-Urteil) über das zu untersuchende Gemeinwesen. Die einzelnen vorläufigen Urteile werden dann in der Gruppe diskutiert, und daraus wird ein gemeinsames vorläufiges Urteil erarbeitet und protokollarisch festgehalten.

Der Sinn dieser zunächst recht umständlich erscheinenden Maßnahme: Wenn wir später in der Untersuchung unser vorläufiges Urteil mit dem vergleichen, was wir von den interviewten Personen erfahren, müssen wir manchmal feststellen, dass wir ein Vorurteil hatten. Es ist jedoch wichtig, dass eine Gruppe sich ihrer Vorurteile bewusst wird, damit sie nicht – unbewusst – die Leute in Richtung ihrer Vorurteile beeinflusst.

Jeder von uns hat bestimmte Vorurteile, die aber, wenn man sich ihrer bewusst ist, ihren Negativcharakter verlieren und zu überprüfbaren Vorausurteilen, zu Hypothesen werden, die durch die Erfahrung veränderbar sind. Außerdem können wir im Verlauf des Projektes verfolgen, wie sich unser Denken verändert hat.

Am Ende des Anliegenstadiums befasst sich die Gruppe auch mit entsprechender Literatur, sie versucht herauszufinden, was in der Presse, im Fernsehen und im Rundfunk über das Problem geschrieben und veröffentlicht wurde. Außerdem sollten die Gruppenmitglieder mit möglichst vielen Leuten aus ihrem Bekanntenkreis über das Anliegen diskutieren, um deren Kritik zu hören oder Anregungen zu bekommen. Sie werden dadurch das Problem deutlicher erfassen und manchmal auch neue Mitarbeiter gewinnen. Wenn eine Gruppe so weit gekommen ist, kann sie mit der Voruntersuchung beginnen.

Die Voruntersuchung dient einer ersten Überprüfung des vorläufigen Urteils, das man sich im Anliegenstadium erarbeitet hat. Außerdem sol­len hier Fragemethoden und Interviewtechniken erprobt und überprüft werden. Zu diesem Zweck fragt man einige Fachleute und einige Betroffene.

Dabei kann sich zeigen, wie schwierig das Projekt ist oder wie stark die Menschen demoralisiert sind und ob die Gruppe sich zutraut, die Aktion durchzustehen. Noch ist es möglich, die Arbeit abzubrechen, ohne Schaden anzurichten. Wenn danach jedoch die Betroffenenbefragung stattfindet, schadet man den Befragten, wenn man aufhört, weil man Hoffnungen geweckt hat und die Leute frustriert, wenn nichts geschieht. Während der Voruntersuchung ist es ratsam, sich um Mitarbeiter für die Betroffenenbefragung zu bemühen, weil man dazu eine größere Anzahl von Personen benötigt.

2. Die Hauptuntersuchung
Die Hauptuntersuchung besteht aus zwei Stadien:

  • der Experternbefragung und
  • der Betroffenenbefragung

In ihrem Verlauf setzen sich die Befragten mit den angesprochenen Problemen auseinander und entscheiden über gemeinsame Aktionen zu deren Lösung. Die Hauptuntersuchung muss in einem möglichst kurzen Zeitraum durchgeführt werden (höchstens 4-5 Wochen). Unmittelbar im Anschluss daran muss die Versammlung stattfinden, da sonst die Erinnerung der Bürger an die Gespräche nur noch sehr vage ist und der aktivierende Effekt verloren geht.

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Wenn eine Gruppe genügend Zeit hat, können Experten- und Betroffenenbefragung gleichzeitig durchgeführt werden: die Experten sind oft auch morgens zu erreichen, während man die Stadtteilbewohner eher am Nachmittag antrifft. Falls die Befrager nicht den ganzen Tag investieren können, sollten zuerst die Experten befragt werden und anschließend die Betroffenen, wobei der Zeitraum der Expertenbefragung ruhig länger sein kann (manche Gruppen benötigen bis zu einem halben Jahr!).

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Jede Befragung muss gründlich vorbereitet werden. Noch einmal: eine Befragung soll nur dann durchgeführt werden, wenn danach eine weitere Arbeit folgt. Befragungen in Stadtteilen, die nur dazu dienen, die eigene Neugier zu befriedigen oder Forschungsberichte zu schreiben oder Studenten eine praktische Einführung in »Empirische Sozialforschung« zu bieten, führen dazu, dass künftig die Befragten die Türen nicht mehr aufmachen. Eine aktivierende Befragung dagegen führt häufig dazu, dass sich die Befragten mit den angesprochenen Problemen auseinander setzen und gemeinsame Aktionen zu deren Lösung starten.

Nach Möglichkeit agieren zwei Interviewer jeweils gemeinsam, damit sie sich gegenseitig kontrollieren können und der eine vielleicht Notizen macht (nachdem er um Erlaubnis gefragt hat); während der andere fragt.

Die Experten-/ Fachleutebefragung
Fachleute sind Personen, die in beruflicher oder amtlicher Funktion mit den Problemen des Gemeinwesens zu tun haben. Zunächst ist es notwendig, eine Liste der relevanten Fachleute zusammenzustellen. Soll z.B. eine Befragung über Jugendliche gemacht werden, wären Fachleute etwa Sozialarbeiter im Jugendamt, bei den Wohlfahrtsverbänden und kirchlichen Einrichtungen, Lehrer verschiedener Schulen, Jugendpsychologen, Jugendrichter, Bewährungshelfer usw. Die Befragung der Fachleute geschieht auf zwei Ebenen:

  • bei Fachleuten der oberen Ebene: aus der kommunalen Verwaltung und aus überörtlichen Einrichtungen (z.B. Jugendamtsleiter, Sozialamtsleiter, Wohnungsbaugesellschaften usw.);
  • bei Fachleuten der mittleren Ebene: lokale Autoritäten, Ämter am Ort (z.B. Rektoren, Ärzte, Pfarrer, Vereinsvorsitzende usw.).
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Eine Fachleutebefragung sollte immer von oben nach unten durchgeführt werden, sodass zuerst die Spitzen der Hierarchie angesprochen werden. Denn wenn man deren Kompetenz beachtet, kann man die offizielle Erlaubnis bekommen, in der Behörde die Befragung durchzuführen. So waren beispielsweise Schuldirektoren sehr kommunikationsfreudig, als ihnen das Schulamt die Interviewer empfohlen hatte. Gerade Beamte vergewissern sich bei einem außergewöhnlichen Vorfall (und solch ein Interview ist für Ämter außergewöhnlich) bei der nächsthöheren Stelle, um sich abzusichern.

Die Fachleute werden aus mehreren Gründen befragt:

  • Zunächst können sie Fakten über das Gebiet nennen, die nur sie wissen, da sie ja auf einem bestimmten Sektor »Experte« sind.
  • Weiterhin muss man für die spätere Arbeit wissen, wie sich die zuständigen Leute in den Institutionen zu der Problemlage stellen. Sind sie gleichgültig, engagiert oder negativ emotionsgeladen? Wie ist ihr Kontakt zu den Betroffenen? Es kommt also darauf an, das Klima bei den Experten herauszufinden.
  • Ferner sollten die Experten wissen, dass es eine Gruppe gibt, die über das betreffende Problem eine Untersuchung macht.

Falls die Institutionen nur aus Zufall davon erfahren, werden sie skeptisch, weil sie nicht informiert wurden, und gehen schnell auf Kollisionskurs, obwohl sie bei besserer Information potenzielle Bun­desgenossen sind. Fachleute sollten niemals übergangen werden.

Es könnten sich unter den Experten auch möglicherweise Bundesgenossen finden: Leute, die schon lange bedauern, den Kontakt zur Basis verloren zu haben, und die nun diese Gelegenheit ergreifen, neue Erfahrungen zu sammeln. Am Schluss der Fachleutebefragung ist die Gruppe häufig besser informiert über das Gemeinwesen als jeder einzelne Experte, da die Kommunikation unter den Experten meist ziemlich ungenügend ist.

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Bei der Expertenbefragung kann man sich mehr Zeit lassen als bei der Betroffenenbefragung. Nach der Befragung von einigen Fachleuten kann die Gruppe sich entscheiden, ob sie das Projekt weiterführen will oder ob die Mitglieder glauben, dass sie sich übernehmen würden; dann ist es besser, aufzuhören. Es könnte auch möglich sein, dass die Fachleute nachweisen, dass das Problem gar nicht so groß ist, wie die Projektgruppe angenommen hat. Allerdings kann es sich hier auch um eine taktische Finte handeln, um eventuelle »Konkurrenz« loszuwerden.

Neben Fakten, Meinungen und Planungen sowie den eigenen Ideen und der eigenen Beurteilung der offiziellen Planung durch den Interviewten versuchen wir auch eine Einschätzung des Befragten nach folgenden Kriterien:

+ (plus), 0 (Null), - (minus)

Diese Einschätzung geschieht auf Grund der Reaktionen der befragten Fachleute.

Ein Plus-Experte würde etwa so reagieren: »Das freut mich aber wirklich, dass Sie sich für dieses Problem interessieren. Wir brauchen alle Hilfe von Bürgern, da wir überlastet sind und nicht alles allein tun können. Wenn Sie wirklich etwas tun wollen, finden Sie meine volle Unterstützung.«
Der Null-Experte könnte sagen: »So, Sie wollen sich also um diese Leute kümmern. Na, viel Glück! Unsere Fachleute haben zwar schon alles versucht und festgestellt, dass man mit diesen Leuten nichts anfan­gen kann. Versuchen Sie es aber ruhig, Sie werden schon selbst sehen, dass da nichts zu machen ist.«
Der Minus-Experte fragt sofort: »Woher kommen Sie, wer hat Sie geschickt, und was haben Sie studiert, Psychologie oder Soziologie?« Er wird erklären, wie schwierig das ist, was Sie vorhaben, und wenn gar nichts mehr nützt, wird er sogar mit Sanktionen drohen, um Sie von der Arbeit abzuhalten.

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Ideal wäre es, wenn sich am Ende der Fachleutebefragung einige Fachleute als Beratergruppe formieren würden; das wäre das Maximal-Ziel. Aber da die Experten fast immer sehr viel zu tun haben, würden wir uns auch mit dem Minimal-Ziel begnügen: dass wir einige Fachleute finden, die uns weiterhin Informationen geben und die wir ebenso genau informieren. Allerdings kann es den Betroffenen auch schaden, wenn die Fachleute direkt am Projekt mitarbeiten, nämlich dann, wenn die Behörde für die Betroffenen ein »Erbfeind« ist, wie es oft bei den Bewohnern von Obdachlosen-Unterkünften der Fall ist, deren Großeltern häufig schon mit den Forderungen der Behörde nicht zurecht kamen.

Wir stellen uns die Befragung in Gesprächsform vor. Ein Fragebogen ist nur ein Mittel, uns selbst klar zu werden, wie wir die Gespräche aufbauen wollen und was wir wissen möchten. Das Interview soll zum Gespräch werden, und die Fragen dienen dazu, das Gespräch ein wenig zu strukturieren und zu kontrollieren, ob nichts vergessen wurde.
Wir verwenden in der Aktionsuntersuchung weitgehend offene Fra­gen, also Fragen, die nicht einfach mit »Ja« oder »Nein« zu beantworten sind. Der Grund ist einmal, dass wir nicht zu denjenigen zählen, die schon vorher genau wissen, was die Leute bewegt, sodass wir die Probleme nicht vorgeben können. Zum anderen haben wir oft erfahren, dass die Betroffenen plötzlich über etwas ganz anderes reden, als wir gefragt haben – das uns dann zu den eigentlichen Problemen der Betroffenen hinführt. Schließlich möchten wir auch die Emotionen der Leute, mit denen wir arbeiten wollen, kennen lernen, die bei Antworten auf offene Fragen deutlicher herauskommen.

Zur Auswertung der Expertenbefragung können wir als visuelle Hilfe ein großes Papier benutzen, auf das wir links am Rand die Fragen schreiben und oben waagerecht die Namen der Personen und Organisationen, die befragt wurden. So können wir übersichtlich feststellen, wer was zu welchen Fragen gesagt hat. Nach der Befragung der Experten der oberen und mittleren Ebene wenden wir uns noch an die sog. Verbindungsleute oder Quasi-Experten. Dies sind Personen, die in nicht amtlicher Form mit den Problembetroffenen zu tun haben.

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Verbindungsleute zu den Obdachlosen waren in einem Projekt z.B. der »Büdchenbesitzer«, der Gemüsehändler, der mit seinem Auto in die Siedlung fährt, um Gemüse zu verkaufen, der Wirt der Stammkneipe neben der Siedlung, die Geschäftsleute in der Nähe usw.; in einer Neubaugegend waren es der Kneipenwirt, die Briefträger, der Friseur u. a. Diese Personen haben viele Informationen über die Betroffenen und oft auch viel Sympathie für sie. Sie verstehen sich häufig sehr gut mit den Leuten und sind sehr geachtet.

Wenn sie zur Mitarbeit bewegt werden können, sind sie wertvolle Mitarbeiter. Zumindest können sie uns in der Anfangsphase Informationen geben, auch darüber, wie die Betroffenen über uns denken, was diese uns aus Höflichkeit vielleicht nicht sagen. Ferner können sie die Betroffenen über das informieren, was wir beabsichtigen. Denn das, was ein akzeptierter Verbindungsmensch sagt und empfiehlt, hat bei den Betroffenen viel Gewicht.

Die Betroffenenbefragung
Betroffene sind die Menschen, die direkt von den von der Initiativgruppe vermuteten Missständen betroffen sind. Oft werden sich die Bürger erst durch die Befragung der Probleme in ihrer vollen Tragweite bewusst: erst beim Reden über eine Schwierigkeit gehen ihnen die Ursachen der Lage auf und kommen ihnen Ideen, was man tun könnte.

Der Befrager verhält sich bei dem Gespräch möglichst zurückhaltend und lässt den Befragten viel reden und damit den Gesprächsverlauf bestimmen. Dadurch, dass sie zum ersten Mal intensiver über ihre Situation reden, sehen die Betroffenen oft neue Möglichkeiten, die Lage zu ändern. Durch das Gespräch geschieht eine erste Ermutigung.
Ein entscheidendes Prinzip bei der Aktionsuntersuchung ist, dass der Fragende prinzipiell der »Unwissende« ist, d.h. einen echten Informationsrückstand hat, zugleich aber stark daran interessiert ist, diesen aufzuarbeiten.

Die Befragten werden durch die Fragestellung nicht in eine vorgeschriebene Richtung gedrängt, sondern ihnen wird ein breites Spektrum von Antwortmöglichkeiten angeboten. »Tatsächlich erhält man, wenn man Fragen stellt, auf die jede Antwort möglich ist, so viele Auskünfte, nach denen man nie gefragt hat, noch jemals daran dachte, danach zu fragen.« (Hauser, o. J., 10) So findet man die Reihenfolge der Pro­bleme, wie sie die Leute sehen, und nicht, wie man sie sich vorher vielleicht gedacht hatte.

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Wenn man wirklich zugibt, dass man »dumm, aber interessiert« ist, und das den Leuten glaubwürdig erklären kann, erfährt man viele Fakten, die durch einen differenzierten Fragebogen nie zu Tage kämen. Vor allen Dingen aber erfährt man von den Emotionen der Menschen.

Die Betroffenenbefragung beginnt damit, dass man sich entscheidet, wie viele Personen befragt werden sollen. Die Betroffenenbefragung muss in kurzer Zeit, etwa zwei Wochen, durchgeführt werden, weil sonst die Leute schon längst wieder vergessen haben, dass eine Befragung stattfand. Die Interviews werden nach Möglichkeit durch eine kurze schriftliche Information angekündigt. Die Interviewer klingeln dann einige Tage später bei den Betroffenen; wer nicht da ist, wird gewöhnlich nicht nochmals besucht, da das den möglichen Zeitaufwand der Interviewer übersteigt. Die Befragungen werden von je zwei Personen durchgeführt, von denen die eine mitschreibt, die andere die Fragen stellt. Der Ablauf der Interviews ist ähnlich wie bei der Fachleutebefragung. Auch diese Interviews werden protokolliert, allerdings nur sehr knapp: lediglich die genannten Probleme und Hauptentrüstungspunkte werden notiert. Wir bekommen so einen Problemkatalog von den Betroffenen. Werden die von den Betroffenen genannten Probleme mit den Auskünften der Fachleute verglichen, zeigt sich oft, dass die Meinungen der Experten ziemlich weit von den Einstellungen der Betroffenen entfernt sind. Je höher die Expertenebene, desto weniger weiß man dort in der Regel über die konkreten Bedürfnisse der Menschen.

Die Betroffenenbefragung muss intensiv eingeübt werden (z.B. in Rollenspielen), da die Befrager – wenn sie ohne Training unbekannte Leute befragen – doch sehr nervös sind und oft die Hälfte vergessen. Schwieriger ist oft noch die Entwicklung einer zuhörenden und gleichzeitig ermutigenden Haltung, ohne gleich gute Ratschläge zu geben oder den Leuten zu erklären, wie es »wirklich« ist.

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Eine Aktionsuntersuchung kann von jedem durchgeführt werden; akademische Bildung ist keine Voraussetzung. Lediglich ein intensives Training ist nötig, möglichst durch Leute, die schon Erfahrung mit Aktionsuntersuchungen gesammelt haben.

Die Befragungen laufen in der Regel als Einzelinterviews ab, bei denen die Person, die gerade die Tür aufmacht, befragt wird. Instruktiv sind jedoch auch Gruppeninterviews: mehrere Personen, die gerade im Hausflur oder an einer Ecke zusammenstehen, werden in ein Gespräch verwickelt, oder man geht zu einem örtlichen Verein, um die Mitglieder bei einer Versammlung zu interviewen.

»Beim Gruppeninterview hat man den Vorteil, dass eine einzelne Person, wenn sie Unsinn redet (was man beim Einzelinterview gar nicht so schnell merken kann, wenn man die Situation nicht gut kennt), sofort von der Gruppe korrigiert wird.« (Hauser, o. J., 15 f.) Außerdem verlieren Betroffene, die als Einzelne oft sehr distanziert sind, die Scheu, wenn sie in einer Gruppe von Gleichen sind, also von Leuten, die ebenfalls befragt werden. Häufig entsteht ein Gespräch, in dessen Verlauf die Interviewer fast vergessen werden, da sehr engagiert diskutiert wird. Möglicherweise zeigen sich auch konträre Standpunkte, an denen der Interviewer Streitpunkte innerhalb des Gemeinwesens erkennen kann.

Einzelinterviews müssen dort gemacht werden, wo es keine Gruppen gibt oder die Leute nicht ohne Not aus dem Haus gehen. Die Arbeit geht jedoch bedeutend schneller voran, wenn Gruppen interviewt werden können. Man kann sich beispielsweise in eine Gruppe einladen lassen und die Fragen wie beim Einzelinterview der gesammelten Gruppe vorlegen. Auch bei Wohnviertelbefragungen haben wir Leute gefunden, die ein paar Nachbarn in ihre Wohnung einluden, wo wir dann ein Gruppeninterview machen konnten.

Versammlung und Gruppenbildung

Als Entwicklung aus der Hauptuntersuchung erwächst als nächster Schritt eine (oder mehrere) Bürgerversammlung(en), zu denen bei den Befragungen und später nochmals durch Handzettel und Zeitungsnotizen eingeladen wird. Die Bürgerversammlung ist ein wichtiges Forum für Solidarisierungs- und Organisationsprozesse unter den betroffenen Bürgern. Viele Leute würden als Einzelne ablehnen, bei einer Aktion mitzuarbeiten, weil sie nicht wissen, wer noch mitarbeitet und wer vielleicht noch dahinter steckt. Auf der Versammlung sind sie oft erstaunt, welche und wie viele Leute sich für das Problem interessieren und wer noch ihre eigene Meinung teilt.

Der Ablauf der Versammlung wird weitgehend den anwesenden Bürgern überlassen, da hier die Betroffenen, entsprechend dem Prinzip von Aktionsforschung, die Ergebnisse der Untersuchung mit auswerten und beurteilen. Bei der Vorbereitung sollte auf Folgendes geachtet werden:

  • Die Versammlung muss spätestens 14 Tage nach der Befragung statt finden, sonst haben es viele Leute schon wieder vergessen.
  • Sie sollte an einem zentralen Punkt stattfinden, nicht zu weit vom Wohnort entfernt (15–20 Minuten Fußweg).
  • Der Versammlungsort sollte ein Haus sein, wo »man hingehen kann« . »Gute Bürger« würden z.B. nicht in ein Jugendzentrum gehen, von dem bekannt ist, dass dort Haschisch geraucht wird.
  • Eine entscheidende Voraussetzung für das Gelingen einer Versammlung ist, dass die Zahl der Besucher bedeutend größer ist als die der Außenstehenden von der Initiativgruppe. Bei 20 Versammlungsbesuchern dürfen höchstens vier bis fünf Projektgruppenmitglieder anwesend sein.
  • Die Versammlung muss gut vorbereitet werden. Einladungen und Flugblätter werden verschickt, der Raum muss günstig gestaltet werden. Es ist besser, die Stühle in einem Oval oder Kreis aufzustellen (eventuell in mehreren Reihen) als frontal, damit sich möglichst viele Leute sehen können. Die Ergebnisliste der Befragung bzw. die Problemliste kann gut sichtbar an eine Wand geheftet werden.

 

Ablauf der Versammlung

Ein Sprecher der Projektgruppe oder, wenn man schon guten Kontakt zum Gemeinwesen hat, besser jemand aus dem Gemeinwesen, begrüßt die Anwesenden, stellt die Gruppe vor und erklärt noch einmal den Zweck der Befragung. Zugleich muss er klarstellen, dass die Gruppe nicht vorhat, irgendetwas für die Leute zu tun. Die Erwartungshaltung der Anwesenden wird dadurch zunächst erschüttert, denn im Grunde erwarten viele Besucher von Bürgerversammlungen, dass da endlich Leute auftreten, die »die Dinge in die Hand nehmen« und alles in Ordnung bringen.

In jeder Phase der Aktionsuntersuchung, bei der Befragung und bei der Versammlung, muss die Initiativgruppe solche Erwartungen weit von sich weisen und betonen, dass man nur gemeinsam mit den Bürgern handeln werde. Danach kündigt der Versammlungsleiter an, dass ein Kollege die Ergebnisse bekannt geben möchte, und bittet die Teilnehmer, ihre Meinung kundzutun und insbesondere zu sagen, ob die Projektgruppe alles richtig aufgefasst hat.

Nun werden die Ergebnisse vorgetragen, und häufig schalten sich die Betroffenen hier schon ein. Wenn sie das nicht tun, kann der Versammlungsleiter nach einigen Punkten eine Pause machen und sich vergewissern, ob das alles so stimmt.

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Die Katharsis

Hier ist eine Warnung für in Versammlungsleitung üblicher Art geschulte Personen angebracht. Diese haben gelernt, eine schöne, ordentliche, disziplinierte Versammlung sei ideal. Deshalb greifen sie, wenn Unruhe entsteht, zu schnell ein und verhindern dadurch ein wichtiges Element in einer Betroffenenversammlung – die Katharsis. Katharsis, griechisch »Reinigung« , bedeutet, dass die Betroffenen alles loswerden, was sie ärgert, belastet oder quält – erst dann ist der Kopf frei für neue Überlegungen. Auf Versammlungen haben wir unter anderem Katharsisäußerungen erlebt wie Schimpfen, Schreien, Weinen, jammern, Selbstmitleidsäußerungen, aber auch Gelächter und beißende Ironie. Der Versammlungsleiter greift in einer solchen Versammlung nur ein, um jemandem Gehör zu verschaffen, der nicht zum Zuge kommt, oder wenn persönliche Angriffe gestartet werden. Er weist darauf hin, dass auf dieser Versammlung nicht persönliche, sondern allgemeine Probleme zur Sprache kommen sollen. Wenn die Katharsis nachlässt, kann der Versammlungsleiter darauf hinweisen, dass es sicher keinen Zweck hat, nur zu schimpfen: er schlägt vor, zu überlegen, ob nicht in einigen Bereichen etwas getan werden könnte. (Wir haben aber manchmal schon eine zweite Versammlung einberufen müssen, weil die Betroffenen so unter Druck waren, dass sie nicht aus dem Schimpfen herauskamen.)

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Manchmal haben wir erlebt, dass die informellen Führer unter den Versammlungsteilnehmern selbst begannen, die Leute zu aktivieren und zu organisieren. Wenn die Besucher sich entschlossen haben, sich zu organisieren, entsteht leicht ein enthusiastisches Klima. Man will alles haben, und zwar möglichst »subito« . Wenn die Leute dann ein Problem in Angriff nehmen und damit nicht weiterkommen, verlieren sie den Mut und werfen resigniert die Flinte ins Korn. Daher empfiehlt es sich, Arbeitsgruppen zu bilden, die sich mit mehreren Problemen befassen. Dies kann geschehen, indem man Listen herumgehen lässt, in die sich die an einem bestimmten Problem Interessierten eintragen können, sodass man, wenn keine weiteren Versammlungen zu Stande kommen, in Untergruppen weiterarbeiten kann. (Ein Beispiel für den Ablauf einer Versammlung findet sich in Hinte, 1989).

Es kann aber auch passieren, dass nur wenige Leute zur Versammlung kommen oder dass sich nur eine Gruppe auf der Versammlung bildet oder dass Funktionäre aus Parteien, Gewerkschaften oder Ämtern dorthin kommen und den Leuten sagen, sie würden die Dinge schon für sie klären. Es fällt schwer, für jeden Eventualfall eine Lösung anzugeben: in der Situation hängt es oft von der Spontaneität und dem Ideenreichtum der Projektgruppe ab, mit apathisierenden Faktoren konstruktiv umzugehen.

Minimalziele könnten sein:

  • Die Bürger tun ihren Protest über Missstände per Unterschrift bei zuständigen Stellen kund.
  • Es finden sich einzelne Bürger, die mit der Initiativgruppe in Kontakt bleiben wollen.
  • Es finden sich einige Bürger, die selbst zu einer erneuten Versammlung einladen.


Wenn die ersten Aktivitäten in einem Gemeinwesenprojekt angelaufen sind, muss die Projektgruppe aufpassen, dass ihr nicht die Verantwortung für den weiteren Verlauf aufgezwungen wird. Es ist vielmehr wichtig, dass die Leute aus dem Wohngebiet selbst die Führung übernehmen, damit sie sich mit ihrer Sache identifizieren.

Die Aufgabe der Projektgruppe könnte in der Begleitung und im Training der Arbeitsgruppen bestehen. Dabei ist es ein wichtiges Prinzip, dass nur ein, höchstens zwei Mitglieder der Projektgruppe an den Sitzungen der Betroffenengruppen teilnehmen. Sie sollten von Anfang an einen Teilnehmer bitten, die Leitung der Versammlung oder Arbeitsgruppensitzung zu übernehmen, während ein weiterer das Protokoll übernimmt. Im Allgemeinen bereitet das keine großen Schwierigkeiten. Nur wenn man mit Leuten arbeitet, die kaum schreiben können, besorgt man besser jemanden, der das Protokoll schreibt. Die Protokollierung der gesamten Arbeit ist aus mehreren Gründen wichtig:

  • als Information für nicht anwesende Gruppenmitglieder;
  • als Information für verschiedene Arbeitsgruppen aus dem gleichen Stadtteil;
  • als Möglichkeit, die Arbeit nach einem gewissen Zeitabschnitt zu reflektieren;
  • als Informationsmaterial für Gruppen, die ähnliche Aktivitäten planen.


Die Mitglieder der Initiativgruppe betrachten sich jetzt als Teilnehmer, helfen die Sitzungen zu strukturieren, sie melden sich zu Wort wie jedes andere Mitglied. Es geht darum, die natürlichen Führer und die Gruppe zu ermutigen und ihr technisch zu helfen, wobei den Arbeitsgruppenmitgliedern die Rolle der Gemeinwesenarbeiter als Einflussführer (s. Kap. 8.4) deutlich sein muss. Oft tritt nach einer kleinen gelungenen Aktion ein Sättigungseffekt ein, der die Leute in Apathie zurückfallen lässt. Um den Schwung der Anfangsphase zu erhalten und eine langfristige Motivation zum Handeln zu schaffen, gibt es mehrere Möglichkeiten:

Schon sehr früh müssen Situationen und Geschehnisse durchsichtig gemacht werden, sowohl Vorgänge innerhalb der Gruppe wie auch gesellschaftliche Barrieren, an die man bei der Arbeit stößt. Ferner ist es ratsam, dass außenstehende Personen, die bei den Bürgern Prestige besitzen, ihr Interesse an den Aktionen der Betroffenen zeigen. Die Betroffenen sehen, dass ihr Vorhaben nicht nur ihr persönliches Hobby ist, sondern dass es auch von anderer Seite aufmerksam beobachtet und befürwortet wird. Es empfiehlt sich daher, von Zeit zu Zeit außenstehende Personen als Einflussführer »auf Zeit« anzubieten.

Eine weitere Aktivität in Richtung einer langfristigen Stabilisierung von Bürgergruppen bietet die Begegnung mit anderen Aktionsgruppen, die in ähnlicher Weise solidarisch ein Problem bearbeiten. Außerdem kann man, was strategische Schritte angeht, von den anderen Gruppen lernen. Ein zweiter Effekt von organisierten Kontakten zwischen Aktionsgruppen besteht darin, dass durch das Beobachten anderer Projekte, in denen sich Bürger für ihre Interessen einsetzen, stückweise größere Zusammenhänge sichtbar und Ursachen sozialer Probleme bewusster werden. Man spürt zugleich, dass man im Kampf gegen diese scheinbar erdrückenden Verhältnisse nicht allein ist und schöpft dadurch neue Hoffnung.

Für mittelfristige bis langfristige Arbeit braucht man also eine rationale Motivation und Kenntnisse von Arbeits- und Entspannungstechniken, um die in dieser Arbeit unvermeidlichen Frustrationen überstehen zu können. Ein notwendiger Stabilisierungsfaktor sind kurzfristige Erfolge in der Anfangsphase des Projektes.

Eine Bürgergruppe sollte immer kurz-, mittel- und langfristige Ziele aufstellen, wobei die kurzfristigen Ziele möglichst Erfolg versprechend sein sollten.

Für die Arbeit der Bürgergruppe gibt es keine Rezepte. Man muss wissen, »dass keine Situation sich jemals wiederholt und deshalb auch die Taktik immer wechseln muss« (Alinsky, 1974, 56). Es existieren keine Fixpunkte, an die man sich halten kann, keine Handlungsanleitungen, denen man nur nachgehen muss. »Todsichere« Fahrpläne, die immer zum Ziel führen, können nicht entworfen werden. In jeder Situation muss pragmatisch entschieden werden, das jeweils Machbare im Auge. Zu niedrige Forderungen sind ebenso unsinnig wie zu hohe Ansprüche. Offenheit in jeder Situation ist notwendig, um wirklich der Situation entsprechend zu handeln.

Weitere Aktivitäten nach der Aktionsuntersuchung

Angebote
Hierbei werden auf der Grundlage für von der Projektgruppe ermittelte Bedürfnislagen solche Angebote erstellt, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht von der Bevölkerung selbst erbracht werden können und die zudem die Möglichkeit bieten, unter Beteiligung von Bürgern durchgeführt zu werden oder in einer späteren Phase von diesen übernommen zu werden (z.B. Sozialhilfe- oder Schuldnerberatung, Mittagstisch für Kinder, Spielaktionen usw.).

Zielgruppenspezifische Aktivierung
Hierbei werden die Siedlungsbewohner um kollektiv organisierbare Problemlagen herum angesprochen, und es werden aktivierende Schritte unternommen, die dazu beitragen, dass Leute, die sich vom gleichen Problem betroffen fühlen, sich zusammensetzen und an Möglichkeiten zur Veränderung ihrer Situation arbeiten (Alte, Kinder, Ausländer, Alleinerziehende, Sozialhilfeempfänger usw.).

Problemspezifische Aktivierung
Der Kristallisationspunkt, um den hier Leute organisiert werden, müsste ein gruppenübergreifendes Problem sein, von dem Leute deshalb berührt sind, weil sie in eben dieser Region oder eben dieser Straße wohnen (Lastkraftwagen-Verkehr, Schäden an Häusern, Durchführung eines Programms zur Wohnumfeldverbesserung).

Aktivierung über Einzelansprachen
Hier werden Leute angesprochen, die bei der Befragung geäußert haben, dass sie Interesse hätten, in irgendeiner Form bei der künftigen Arbeit mitzuhelfen. Die Aktivierung über Einzelansprachen hat den Vorteil, dass sie sich nicht im Vorhinein auf bestimmte Zielgruppen oder Probleme festlegt und im Kontakt mit schon aktivierten Bürgern offen ist für neu im Prozess entstehende Entrüstungspunkte.

Siedlungsstrukturspezifische Aktivierung
Hier müsste die grundlegende Frage gestellt werden: Wo gibt es halbwegs einheitliche Siedlungsstrukturen, die zumindest in Ansätzen ein gemeinsames Lebensgefühl oder Gemeinsamkeiten überhaupt bei Bürgern produzieren? Eingeladen würden Bewohner bestimmter Straßenzüge, bestimmter Wohnsiedlungen, die eine ähnliche Baustruktur haben, oder überschaubarer Wohneinheiten oder Häuser. (Ausführliche Berichte über Projekte sowie verschiedene Praxisbeispiele siehe: ISSAB, 1989).

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Alinsky, Saul D.: Die Stunde der Radikalen. Burckhardthaus: Gelnhausen 1974.
Filsinger, Dieter/Hinte, Wolfgang: Praxisforschung: Grundlagen, Rahmenbedingungen und Anwendungsbereiche eines Forschungsansatzes. In: Praxisforschung. Heiner, Maja (Hrsg.), S.34-72. Lambertus: Freiburg 1988.

Haag, Fritz u.a. (Hrsg.): Aktionsforschung. Juventa: München 1972.

Hauser, Richard: Die Aktionsuntersuchung (Ms.). Köln, o. J.

Ders./Hauser, Hephzibah: Die kommende Gesellschaft. Pfeiffer: München 1971.

Heinze, Thomas u.a.: Handlungsforschung im pädagogischen Feld. Juventa: München 1975.

Hinte, Wolfgang: Wie lerne »ich«, mit Menschen zu arbeiten. In: sozial extra, 1988, 6, S.25–29.

Ders.: Non-Direktive Pädagogik. Westdeutscher Verlag: Opladen 1989.

Horn, Klaus (Hrsg.): Aktionsforschung. Balanceakt ohne Netz? Syndikat: Frankfurt a.M. 1979.

Institut für stadtteilbezogene soziale Arbeit und Beratung ISSAB (Hrsg.): Zwischen Sozialstaat und Selbsthilfe. Klartext: Essen 1989.

Krüger, Helga u.a.: Aktionsforschung in der Diskussion. In: Soziale Welt, 26, 1975, 1, S.1-30.

Lewin, Kurt: Die Lösung sozialer Konflikte. Christian: Bad Nauheim 1968.

Pieper, Richard: Aktionsforschung und Systemwissenschaften. In: Aktionsforschung. Haag, Fritz (Hrsg.), S.100-116.

Praschma, Michael: Kindheit – eine vernachlässigte Kategorie stadtteilbezogener sozialer Arbeit. In: Neue Praxis, 17, 1987, 3, S.265-271.

Zedler, Peter/ Moser, Heinz: Aspekte qualitativer Sozialforschung. Leske: Opladen 1983.

Zeitschrift für Pädagogik 5/1976 und 3/1976.