Impuls-Werkstatt für Frauen

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Vorgehen

Die IMPULS-Werkstatt ist angelehnt an die kreative Problemlösungsmethode »Zukunftswerkstatt« (Jungk, Robert/Müllert, Norbert: Zukunftswerkstätten – mit Phantasie gegen Routine und Resignation. München 1994). Ihr Kernstück ist ein Drei-Phasen-Modell: Beschwerde- und Kritikphase, Wunsch- und Fantasiephase, Verwirklichungs- und Praxisphase.

Bei der Entwicklung einer frauengerechten Zukunftswerkstatt wurde hinsichtlich der Methodenwahl darauf geachtet, dass ein breites Spektrum an Ausdrucksformen neben dem gesprochenen Wort zu Verfügung steht. Es wurde ein Methodenmix zusammengestellt, der niedrigschwellig auf abwechslungsreiche und kreative Weise auch eine angemessene Ansprache für bildungsungewohnte und artikulationsungeübte Frauen schafft. Vielseitige Visualisierungsformen wie bildhafte Darstellungen in Collagen und darstellerische Elemente wie Standbilder werden angewandt, um den Teilnehmerinnen die Zugänge zu inhaltlichen Debatten zu erleichtern.

Der Ablauf einer IMPULS-Werkstatt variiert und wird auf jeweilige Zielgruppen und Themen vor Ort zugeschnitten. Das Konzept wird gemeinsam mit den örtlichen Partner/innen auf die jeweiligen Bedürfnisse, Bedingungen und Strukturen vor Ort abgestimmt. Zur gemeinsamen Vorbereitungen gehört die Klärung von Interessen, Zielen und Absichten sowie die Abstimmung über Rollen und Aufgaben aller beteiligten Akteurinnen.

Wunsch-Karten werden beschriftet.
Konkretisierung von Ideen und Wünschen in der Phantasiephase

Unsere Werkstätten fanden jeweils an Samstagen von 10–18 Uhr statt. Einerseits stand damit ein ganzer Tag zur Verfügung (bei dem Alltagsbelastungen außen vor blieben, genug Zeit vorhanden war für inhaltlichen Austausch, kreative Übungen und gegenseitige Annäherung), anderseits ist dies eine hohe Hürde, die eine intensive Vorbereitung sowie Werbung/Aufklärung potenzieller Teilnehmerinnen über Inhalt und Absicht im Vorfeld erforderlich machte.

Eine aufmerksame Begrüßung eröffnet den Tag. Da das Ankommen über den weiteren Verlauf entscheidet, wird jede Frau aufmerksam in Empfang genommen und persönlich begrüßt. Ein Willkommensgruß aus »Süßigkeit & Namensschild« oder ein Stehcafé erleichtern erste Kontakte untereinander. Frauen wollen wissen was auf sie zukommt, wo und wie die Kinder betreut werden etc. – Anlässe zum Gespräch gibt es genug, diese gilt es zu nutzen.

In der ersten Phase der IMPULS-Werkstatt können die Teilnehmerinnen sich zu den Problemen und Ärgernissen ihres Alltags im Stadtteil äußern. Die ausgiebige Beschwerde- und Kritikphase dient der Erkennung des Ist-Zustandes und schafft »Luft« für die Entwicklung von Ideallösungen und Wunschwelten in der folgenden Phase.

Nach der Begrüßung, einer kurzen Einführung und der Bekanntgabe der Regeln (wie bspw. alles hat seinen Stellenwert, übe keine Kritik an der Kritik, Moderatorinnen schreiben mit, nichts geht verloren, sprich für dich selbst), werden zwei Kleingruppen gebildet. In Standbildern werden erste Beschwerden und die Kritik zur Lebenssituation im Stadtteil gesammelt.

In der gegenseitigen Begutachtung der Standbilder erfolgt das Benennen von Handlungsbedarf auf Zuruf. In der folgenden Kleingruppenarbeit werden diese Kritikpunkte vertieft, konkretisiert und gebündelt, um sie anschließend nach Dringlichkeit auszuwerten und zu sortieren. Beide Kleingruppen präsentieren ihre Hauptkritiken im Plenum.

Eine letzte Gelegenheit zum Ärger ablassen wird aufgerufen, um deutlich und nachhaltig die Beschwerdephase für den Tag abzuschließen. Symbolisch werden die Hauptkritiken (von den Frauen selbst) in Einmachgläsern weggeschlossen, um Platz für die darauf folgende Wunsch- und Fantasiephase zu schaffen.

Die einstündige gemeinsame Mittagspause bietet Gelegenheit bereits Gesagtes noch mal aufzugreifen. Die Frauen stellen schnell untereinander Bezüge her, nutzen die Pause dazu sich gegenseitig besser kennen zu lernen. Darüber hinaus erleben die Frauen den gedeckten Tisch als eine besondere Würdigung ihres Schaffens.

Mit Bewegung und Einstimmung auf »ganz neue Aussichten« wird die Wunsch- und Fantasiephase eingeleitet, schließlich sollen alle Erschwernisse und Hürden außer Acht gelassen werden, sollen weder Geld noch Macht oder andere Zwänge für zwei Stunden eine Rolle spielen.

Die Einstimmung in eine »Alles-ist-möglich-Atmosphäre« ist deshalb ein zentrales Anliegen. Das gemeinsame Verkleiden und Schminken und eine Traumreise in den Wunschstadtteil tragen bereits im Plenum zur gelösten Stimmung bei. Hier zeigt sich deutlich die Bedeutung der eignen Räume für Frauen.

Die Gruppe ist bereits so weit zusammengewachsen, dass die Frauen mit viel Spass und Ausgelassenheit ans Werken gehen. In Kleingruppen beschäftigen sie sich anschließend mit ihren Wünschen rund um das Leben im Stadtteil, gestalten dazu in Gruppen z.B. Collagen, stellen sich diese gegenseitig vor und assoziieren dazu. In ausführlichen Debatten werden die Inhalte erklärt, ergänzt und die Ideen sortiert.

In der Verwirklichungs- und Praxisphase wird so viel Fantasievolles und Wünschenswertes wie möglich in die Wirklichkeit mitgenommen. Ein neuer Blick auf die Gegenwart wird geschaffen, der erste Lösungsansätze entwirft und auf ihren Realitätsgehalt prüft. Die Verwirklichungsphase eröffnet Handlungsperspektiven, die in durchführbaren Projekten münden.

Eine Auswahl von Wünschen wird getroffen, die »am meisten am Herzen liegen« und zur Umsetzung gebracht werden sollen. Im Plenum werden dann zu einer Auswahl der Wünsche mit Hilfe konkreter Fragestellungen Projektskizzen entworfen und so weit wie möglich mit Leben und Inhalt gefüllt.

Zum Abschluss verabreden Projektgruppen Folgetreffen, legen die nächsten Schritte fest und treffen Absprachen, wer welche Aufgaben übernimmt. Darüber hinaus könnte im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit jetzt Zeit für ein Pressegespräch oder Gruppenfoto sein, Entscheidungs­träger könnten dazu geladen werden, um die Anliegen der Frauen entgegenzunehmen etc. Ein gemeinsamer Abschluss und weitere Würdigungen für die getane Arbeit runden den Werkstatttag ab.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Martina Köberich ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.