Ein kinder- und jugendgerechtes Aktivierungsevent

Seite 1: Ausgangslage, Ziele, Vorgehensweise

Ausgangslage/Rahmenbedingungen

In einer Kleinstadt im ehemaligen saarländischen Kohlerevier entwickeln haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter/innen aus der Kinder- und Jugendarbeit auf Stadtebene (AK) ein Modell, wie mit den jeweils spezifischen Ressourcen der unterschiedlichen Organisationen eine Beteiligung von Kindern und Jugendlichen umgesetzt werden kann. Der Aktivierungsbogen spannt sich von der Vorbereitungsphase über die Durchführung des eigentlichen Testival an einem Wochenende bis hin zu einem Kontrolltreffen mit Entscheidungsträger/innen ein halbes Jahr nach der Veranstaltung.

Ziele der Testivals

Kinder und Jugendliche werden bereits bei der Erstellung der Analysefragen mit eingebunden. Mit altersgerechten kreativen Methoden wird die lokale Situation erfasst und aufbereitet. Dazu erkunden sie in verschiedenen Gruppen die Stadt, arbeiten ihre Sicht der Dinge im Gruppenrahmen auf und bereiten sich inhaltlich und methodisch als Gruppen auf die Präsentation vor. Die Ergebnisse werden den lokalen Entscheidungsträger/innen in einem spezifischen Szenario mit klar festgelegten Rollenverteilungen vorgetragen. Die Politiker/innen beziehen dazu Stellung. Die Zusagen werden öffentlich protokolliert und nach einem halben Jahr wird auf einer zweiten Veranstaltung nachgehakt, was von den Zusagen umgesetzt wurde. Die Politik muss dann auch erklären, weshalb bestimmte Zusagen noch nicht umgesetzt sind.

Besonderheiten in der Vorgehensweise – Frühzeitige Einbindung von Kindern und Jugendlichen

Einladungsplakat zum »Testival« 1999

Nachdem die Entscheidung getroffen war, gemeinsam eine Beteiligungsaktion zu machen, wurde vereinbart, dass die Mitglieder des AK bei den Kids nachfragen, was denn zu einem spannenden Wochenende an Begleitprogramm dazu gehört und welche Themenbereiche für sie von Interesse sind. In den Gruppenstunden, offenen Treffs, beim Training, im familiären Umfeld wurde mit den Kids das Vorhaben »Testival« besprochen. Ein grosser Pool an Ideen und Anregungen kam so zusammen, der dann strukturiert wurde und in die Vorbereitungen mit einfließen konnte. Unter dem Motto »Ansichten – Einsichten – Aussichten« wurde ein Katalog möglichst offener Fragen formuliert, die dann als Aufgabenstellung für jeweils eine Erkundungsgruppe dienten. Für die Veranstaltung wurden in der ganzen Stadt Anmeldeformulare verteilt, auf denen die Kids bereits eine Vorauswahl im Hinblick auf die Erkundungsgruppen treffen sollten und auch die Möglichkeit bestand, eigene Ideen zu äußern. Ansprechpartner für Kinder und Eltern in dieser Phase waren in erster Linie die Ehrenamtlichen aus der Stadt, die so die Idee des Testivals einem breiten Personenkreis vermitteln konnten. Über diese direkte Ansprache ist es auch gelungen, einige nicht organisierte Kids für die Veranstaltung zu gewinnen.

Die Erkundungsgruppen wurden am ersten Veranstaltungstag verbindlich festgelegt, damit die Kids auch noch die Wahl hatten mit wem sie an den zwei Tagen zusammenarbeiten.

Dass die Kids genau wussten, was sie den Erwachsenen sagen wollen wurde bei der Erkundung schnell klar, denn sie hatten genaue Vorstellungen, welche Ecken sie anlaufen und für das Palaver dokumentieren wollten. Auch der Wunsch der Kids, kurz vor dem Palaver noch einmal in der Gruppe zusammenzukommen und letzte Vorbereitungen für die Präsentation zu treffen konnte durch die Gruppenleiter umgesetzt werden.

Das Testival wurde von den Kids als »ihr Ding« betrachtet und wurde in den Wochen danach in den Familien, Gruppenstunden und Treffs immer wieder Thema. Die Motivation aus dem Prozess hat ausgereicht, damit ohne große Werbung für das Nachtreffen wieder mehr als die Hälfte der Kids von den Politikern Rede und Antwort verlangten.

Das Palaver

Zentraler Ort der Auseinandersetzung der Kids mit den Kommunalpolitiker/innen war das »Palaver«. Hier wurden die Ergebnisse der Gruppenarbeit in zugespitzten Forderungen präsentiert. Damit die Interessen der Kids wirklich zur Sprache kamen, mussten folgende Punkte gewährleistet werden:

  • Die Kids stehen im Mittelpunkt, sie sollen beim Dialog bevorzugt werden.
  • Die Interessen der Kids werden nur durch die Kids selbst formuliert.
  • Der Dialog muss altersgerecht sein. Die Sprache muss verständlich bleiben.
  • Die Rolle der Politiker/innen ist die des Zuhörens und die Verpflichtung zu klaren Antworten.
  • Politische Selbstdarstellung soll in den Hintergrund treten.

Die Gesprächsplattform

Zunächst wurde eine Art Arena mit Bänken und Tischen aufgebaut. Damit können sich alle Beteiligten direkt ansehen; es entsteht eine gewisse Dichte und Nähe, die die Gruppendynamik fördert. Die Politiker/innen sitzen nicht erhöht, um die gleiche Ebene deutlich zu machen. Erhöht steht jeweils die Gruppe, die ihre Ergebnisse und Forderungen vorträgt. Die dafür vorgesehene Bühne befindet sich gegenüber den Sitzgelegenheiten der Politiker/innen. So wird klar, wer jeweils den Hauptdialog führt. Gruppenleiter/innen und weitere Erwachsene bekommen einen Platz hinter der Arena, sodass sie schon optisch nur am Rande teilnehmen.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Werner Hubertus und Georg Vogel ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.