Bewohnerversammlungen aktivierend moderiert

Seite 2: Moderation

Moderation einer Bewohnerversammlung

  • Bewohnerversammlungen erfordern eine andere Form der Moderation als Dienstbesprechungen oder Arbeitskreise, wo bezahlte Professionelle tagen und sich stringent an eine Tagesordnung halten (sollen). Die Leute kommen freiwillig, die Teilnehmerzahl ist unklar, es gibt begrenzte Erfahrungen mit Versammlungen, eine oftmals geringe Arbeitsdisziplin und hohe Emotionalität. Es darf hier schließlich ruhig mal so richtig lebendig werden. Dass es »rauer« zugeht und auch mal durcheinander geredet wird, ist schließlich meist auch in den Alltagsgesprächen der Bewohner/innen der Fall. Der/die Moderator/in wendet deshalb die Moderationstechniken flexibel und an die Situation angepasst an.
    Die Moderation hat dabei in den fünf Phasen der Bewohnerversammlung einen roten Faden, an dem sie sich orientieren kann. Sie kann dementsprechend die vielfältigen Beiträge sortieren und visualisieren.
  • Die Struktur gleicht den Fragen der Aktivierenden Befragung mit einer kleiner Anmerkung bzw. Ausnahme: Die Frage nach dem, was den Bürger/innen gut gefällt, fällt bei Bewohnerversammlungen mit konfliktbesetzten Themen erfahrungsgemäß oft unter den Tisch. Die Menschen kommen in erster Linie mit den Dingen, die ihnen »unter den Nägeln« brennen, und das Klima heizt sich dementsprechend auf. Die Frage des/der Moderator/in, was denn den Bewohner/innen im Viertel gut gefällt, passt häufig nicht in diese emotionsgeladene Atmosphäre und wirkt deplaziert.
  • Der/die Moderator/in praktiziert eine aktive Moderation. Er/sie ist bereits im Vorfeld tätig – im Gegensatz zum/r passiven Moderator/in, der/die lediglich für eine Veranstaltung geholt wird (z.B. jemand von der Lokalpresse für eine Podiumsdiskussion). Vor einer Versammlung wird z.B. den schwächeren Akteuren Unterstützung angeboten. Personen, deren Teilnahme wichtig wäre, werden noch einmal gesondert angesprochen und eingeladen.
  • Eine persönliche Begrüßung im Eingangsbereich schafft Vertrauen, nimmt die Leute ernst als Gäste und ermöglicht es dem/der Moderator/in, sich einen Überblick über die Anwesenden zu verschaffen. Das gilt insbesondere dann, wenn man Entscheidungsträger/innen z.B. aus der Politik nicht kennt. Durch persönliche Begrüßung können Namen erfragt werden und woher die Menschen kommen. Die »identifizierten« Funktionsträger/innen können so einerseits zu Beginn der Veranstaltung begrüßt werden (Sie sind schließlich da auf Grund ihrer Funktion). Andererseits kann es für die Bewohner/innen wichtig sein, zu wissen, wer anwesend ist und können Situationen vermeiden, die ihnen im Nachhinein vielleicht peinlich wären (Ein Beispiel: Eine Bewohnerin fühlt sich zunächst zwar ermutigt all ihren Ärger über ihren Vermieter rauszulassen, hört aber später, dass der anwesend ist. Diese Tatsache ruft bei ihr Angst vor einer Kündigung hervor, führt zu schlaflosen Nächten und dazu, dass sie sich vornimmt, nie mehr etwas in einem öffentlichen Forum zu sagen). Verhinderte Gäste, die sich entschuldigt haben, werden benannt.
  • Eine Stuhlanordnung in Form eines »U« – durchaus auch mit mehreren Reihen – fördert die Interaktion zwischen Menschen und kann, anders als klassische Stuhlreihen, verhindern, dass die Bewohner/innen sich einseitig nach vorne an die Moderator/innen richten. Der Tisch für das Schreibmaterial der Moderator/innen steht am günstigsten neben ihren Stühlen, um keine Barriere aufzubauen.
  • Ungünstig ist es, wenn der/die Moderator/in und ihr/e eventuelle/r Partner/in ständig stehen. Wer steht, zieht die Aufmerksamkeit sehr stark auf sich. Wenn die anderen sitzen, signalisiert das zudem eine Machtposition. Beides sind eher ungünstige Wirkungen, wenn wir den Dialog zwischen den Bewohner/innen fördern wollen. Aufstehen kann aber schon mal als Mittel eingesetzt werden, wenn es gerade mal drunter und drüber geht und man in einer lebendigen Runde einen Strukturierungsversuch verstärken will.
  • Stellwände, auf denen das Thema und der Ablauf der Versammlung visualisiert sind, sind vorbereitet, um die Themen sofort sichtbar festzuhalten: 1.Was soll sich ändern im Südostviertel? Was stört Sie hier im Südostviertel? 2. Was wollen Sie? Welche Ideen haben Sie?
  • Ein klarer Einstieg durch Benennen des Themas der Versammlung, des Ziels, des Zeitrahmens, der Vorgehensweise (»Roter Faden«), der eigenen Funktion und der spezifischen Rolle auf dieser Veranstaltung gibt allen Beteiligten Orientierung. Wer aktivieren will, der sollte zu Beginn keine demotivierende Stimmung schaffen: »Schade, dass nur so wenig gekommen sind«. Wer kommt, sollte stattdessen Wertschätzung erfahren. Schon durch die Begrüßung signalisieren die Moderator/innen keine »Allzuständigkeit«, sondern stellen sich als Unterstützer/innen des Veränderungsprozesses dar. Es gilt zunächst die Themen der Besucher/innen zu erkunden und dann zu klären: Was können die Menschen selbst tun, um ihre Ziele zu erreichen? Was können wir gemeinsam tun und nutzen? Wir wollen die Dinge mit den Menschen anpacken und nicht für die Menschen regeln. Wir Sozialarbeiter/innen sind somit immer die »Restarbeiter/innen«. Die »Zauberwörter«, die gerade zu Versammlungsbeginn durchaus öfters fallen dürfen, lauten: »zusammen« und »gemeinsam«.
  • Holt man sich zur vorgeschlagenen Vorgehensweise noch kurz die Zustimmung der Anwesenden (»Ist das o.k., wenn wir das so machen, oder was für andere Vorschläge haben Sie?«), dann kann die Moderation später immer wieder einzelne Personen, die an einem anderen Punkt stehen, auf diesen vereinbarten »Roten Faden« hinweisen. Sie macht damit deutlich, dass es nicht ihr persönliches Interesse ist, sondern dass man sich im Vorfeld ja auf diesen Kurs verständigt hat. Will ein Großteil der Gruppe allerdings einen anderen Kurs, so holt sich die Moderation, als Steuermann/-frau das Einverständnis der Anwesenden für den neuen Schwerpunkt, zeigt aber auch mögliche Konsequenzen auf.
  • Eine Vorstellungsrunde aller Teilnehmer/innen artet – selbst in kleinen Runden – erfahrungsgemäss leicht aus. Sobald irgendwer nicht nur seinen Namen, sondern auch ein Thema benennt, reagiert der Nächste schon darauf und bald geht es lustig drunter und drüber. Weniger risikobehaftet ist es, vorzuschlagen, dass diejenigen, die im Verlauf des Abends etwas sagen, kurz ihren Namen nennen und vielleicht wo sie wohnen.
  • Die Visualisierung des Ablaufs, der genannten Themen und der Ergebnisse bzw. Vereinbarungen verstärken dabei die Worte. Es ist hilfreich in einem Team zu arbeiten, in dem eine Person ständig mitschreibt – und zwar so, dass die Themen dabei nicht wieder abstrahiert und verwässert werden. Es ist wichtig, die Dinge so konkret wie möglich aufzuschreiben, um später passende Ideen finden zu können. »Glasscherben und Hundekacke auf dem Spielplatz« wird also nicht verallgemeinert zu »dreckiger Spielplatz«. Die Person, die visualisiert, hat die Aufgabe, der Moderation Hinweise zu geben, wenn Themen über die geredet werden, zu abstrakt bleiben. (»Was verstehen Sie unter mehr Ordnung? Was ist Ihnen konkret wichtig, wenn Sie sagen der Spielplatz müsste attraktiver werden?«) (Um mit der Dynamik, mit der die Themen auf solchen Veranstaltungen fallen, mithalten zu können, rate ich im übrigen davon ab die Themen zuerst auf Kärtchen zu schreiben, weil es zu viel Zeit kostet, diese dann in einem zweiten Schritt anzuheften.).
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.