Bewohnerversammlungen aktivierend moderiert

Seite 3: Moderation
  • Wenn Themen, die bereits aufgeschrieben und ausführlich beschrieben wurden, aber immer wieder (Zeit raubend) erneut thematisiert werden, kann die Moderation zeigen, dass das Thema bereits dort verschriftlicht wurde (»Frau Thomas, ich möchte nicht unhöflich erscheinen, aber ich unterbreche Sie, weil wir genau das da schon stehen haben. Ich unterstreiche das jetzt, weil deutlich wurde, dass es vielen hier im Raum ein besonders wichtiges Anliegen ist. Dann würde ich vorschlagen, jetzt zunächst weitere Punkte zu sammeln, die Sie stören, um dann in einem zweiten Schritt zu klären, was davon aus Ihrer Sicht als Erstes angepackt werden sollte. Sonst läuft uns die Zeit davon. Ist das o.k. so?«). Die Vorbereitung von zwei verschiedenen Tafeln für die Visualisierung der störenden Punkte zum einen und der Wünsche und Ideen zum anderen hat den Vorteil, dass die Moderation die benannten Themen schon sortieren kann, unabhängig an welchem Punkt im Ablauf man sich gerade befindet. So werden Leute nicht ausgebremst, die im Ablauf bei der Sammlung von Ärgernissen bereits konstruktive Ideen benennen (»Danke, das ist nun schon eine Idee, die ich hier drüben aufschreibe. Darauf werden wir später zurückkommen«).
  • Es ist manchmal hilfreich und klärend, die Rednerliste zu unterbrechen, wenn jemand von einem/r Redner/in direkt angesprochen oder angegriffen wurde oder es hilfreich erscheint, ein Thema schnell fertig abzuhandeln, wenn sich das andeutet (z.B. jemand hat signalisiert, dass er etwas dazu sagen kann, was das Thema beendet, steht aber nicht auf der langen Rednerliste): »Ich würde jetzt gerne den Herrn mit dem roten Hemd zu Wort kommen lassen, weil er direkt angesprochen wurde / weil er hier scheinbar zu einer schnellen Klärung beitragen kann, wie er signalisiert. Ist das so in Ordnung? Wir würden danach wie vorgesehen mit Ihnen, Herr Müller, weitermachen.«
  • Themen und Ergebnisse einer Bewohnerversammlung sollten konkrete Handlungsmöglichkeiten aufzeigen, damit anschließend auch etwas passiert. Allgemeinplätze wie etwa: Es ist dreckig, laut, der Spielplatz ist miserabel usw. helfen da nicht weiter. Bitte, was heißt Dreck, Lärm oder miserabler Spielplatz konkret? Und so gilt es nachzufragen, um die konkreten Bilder der Menschen zu erkunden: Was verstehen die Menschen (nicht wir!) unter einem saubereren Stadtteil? Hierfür nutzen wir Instrumente, die es uns ermöglichen von unseren Sichtweisen Abstand zu nehmen (z.B. offene Fragen).
  • Auszeiten der Moderator/innen, die angekündigt werden, helfen Missverständnisse zu vermeiden. Dort, wo Bewohner/innen Zwischengespräche der Moderator/innen als Missachtung interpretieren könnten (»Die hören ja gar nicht zu, sondern tuscheln, jetzt wo ich endlich was sagen kann«), ist es hilfreich, für Transparenz zu sorgen und den Grund zu benennen: »Entschuldigen Sie – meine Kollegin und ich müssen uns mal zwei Minuten besprechen, wie wir weitermachen.«
  • Zu den typischen Situationen auf Versammlungen gehören Abwehrreaktionen nach dem Motto: Das klappt nie und nimmer. Anstatt Vorschläge zu verteidigen, ist es hilfreicher in die Offensive zu gehen: »Fällt Ihnen eine Alternative ein?«; »Was denken Sie, könnten wir tun?«; »Was schlagen Sie vor?«
  • Pauschale Angriffe auf Personen (»Die Ausländer sind ein Problem«; »Wenn die Kinder der Libanesen hier nicht wären, dann wäre es hier wieder schön«) sollten in konkrete Beschreibungen münden. Nur so können auch Vorurteile von tatsächlichen Erfahrungen unterschieden werden. Wir sind nicht dazu da, Menschen zu verändern, sondern sie zu unterstützen, in bestimmten Situationen anders zu handeln. Dazu müssen aber gerade diese vordringlichen Situationen identifiziert werden. Also: Niemals auf der Problemseite Menschen als störend notieren (die Türken; die Kinder), sondern sofort auf Situationen beziehen: »Welche Erfahrungen haben Sie da gemacht, auf die Sie sich da beziehen? Können Sie mir da konkrete Beispiele erzählen?« Wenn wir dann konkrete Erfahrungen hören, können wir dafür einerseits Verständnis signalisieren, können aber andererseits auch verdeutlichen, wenn wir vorgeschlagene Lösungswege nicht teilen.
  • Es empfiehlt sich, nach der Veranstaltung Getränke anzubieten, um einen informellen Ausklang zu ermöglichen: Die Versammlung kann ausklingen, man kann einige Bewohner/innen besser kennen lernen und Themen, die von der Moderation »vertagt« wurden (aus Zeitgründen oder weil es nur Einzelne betraf) können in kleiner Runde noch mal angesprochen werden. Zudem haben die Profis die Möglichkeit, noch mal gezielt den/die eine/n oder andere/n Bewohner/in anzusprechen, um sie für eine Beteiligung zu gewinnen. Außerdem klären sich manchmal Konflikte, die während der Versammlung nicht behoben wurden, in solchen informellen Kontakten.
  • Die Moderation sollte bei der Zeiteinteilung immer im Auge behalten, dass am Ende der Veranstaltung ein Punkt erreicht ist, an dem es konkret wird, um dem gängigen Bild vorzubeugen: »Die reden ja doch nur und passieren tut nichts«. (Wenn für die Organisation bzw. für die Entwicklung konkreter Ideen jedoch die Zeit fehlt, habe ich gute Erfahrungen damit gemacht, nicht ein weiteres Treffen in demselben Rahmen vorzuschlagen, sondern als Ortsbegehung, also durch ein Treffen an Ort und Stelle. Meistens gibt es einen Ort, der für das Thema relevant ist, und solch eine Ortsbesichtigung als Folgeveranstaltung signalisiert eher, dass man schon ein Stück weiter gekommen ist.) Wenn die Moderation in der Organisationsphase dazu einlädt, abschließend zu klären, wer bereit ist, eine Idee gemeinsam anzupacken, bittet sie die Leute, nachher zum Thema x in die rechte Ecke und zum Thema y in die linke Ecke zu kommen. Es besteht oft eine große Scheu bei den Leuten, sich durch Handmeldung »verhaften« zu lassen. Oft will man abwarten und schauen, wer sonst noch kommt (Das Phänomen kennen vermutlich viele der Leser/innen selbst von Fachtagungen, bei denen die Zuordnung zu Arbeitsgruppen per Handmeldung zeigt, dass sich für die Arbeitsgruppe zuerst viel weniger gemeldet haben, als dann tatsächlich daran teilnehmen.), oder man will sich nicht gleich allzu offensichtlich als aktive Person zeigen, insbesondere dann, wenn im Milieu Beteiligung nicht besonders geschätzt ist (»Was, die Frau Richter macht da mit und unterstützt jetzt auch noch die Ausländer!«). Eine solche Gruppenbildung ermöglicht es der Moderation zudem, nach Beendigung des offiziellen Teils der Veranstaltung auf zögerliche Personen zuzugehen und diese nochmals einzuladen (»Herr Steinmann, ich fand Ihre kritischen Beiträge sehr wichtig und würde mich persönlich schon sehr freuen, wenn Sie sich entscheiden könnten, in unserer Runde mitzumachen«). Bei abschließenden Vereinbarungen auf konkrete Verständigung achten: Wer macht wann, was, wie.
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.