Bewohnerversammlungen aktivierend moderiert

Seite 1: Anlässe, Aktivierungsformen

Anlässe für Bewohnerversammlungen

Die Bewohnerversammlung ist eine Methode, um die Teilhabe der Bürger/innen durch ein dezentrales niederschwelliges Forum vor Ort zu fördern. Manchmal werden die Themen hierfür im Rahmen einer Aktivierenden Befragung erkundet, aber weitaus öfter liegen die Anlässe hierfür im Quartier unmittelbar auf der Hand: Da hört man das ein oder andere an der Bushaltestelle, beim Mittagstisch, in der türkischen Frauengruppe, beim Mitarbeiterkreis. So manche Aktivierende Befragung erübrigt sich, wenn Professionelle ihr »Ohr im Stadtteil haben« , wenn sie ohnehin von Bürger/innen angesprochen werden, weil sie vielen bereits als Personen vertraut sind. Wo Menschen sowieso benennen, was ihnen »unter den Nägeln brennt«, wo ein konkretes Interesse schon klar ist oder ein Themenspektrum bereits »serviert« wird, dort müssen Wünsche und Ärger nicht erst groß erkundet, sondern eher überprüft werden.

Wo Versammlungen schon lange die Stadtteilkultur prägen, sind die Hemmschwellen oft niedriger, sodass das Ziel, viele Menschen zu einer Versammlung zu aktivieren, auch über andere weniger aufwändige Aktivierungsformen erreicht werden kann.

Bewohnerversammlungen ermöglichen im Stadtteil den direkten Dialog, den Austausch und Verständigungsprozesse – und das mit direktem Bezug zum Alltag der Menschen. Ries beschreibt den Unterschied zwischen dem hier angestrebten Dialog und einer Diskussion: Im Dialog überwiegen »die Momente des Reflektierens, des Verstehen-Wollens, des Findens eines tieferen Sinns » (Ries 1996, S. 78), während die Diskussion häufig die konträren Positionen verfestige und Spaltung befördere (ebd.). Wer Partizipation und soziales Lernen fördern möchte, muss in der Lage sein, Verständigung zu initiieren und wird erst dadurch – so Friedman (1987, S. 185) – zu einem »change agent«. Offenheit und Vertrauen bestimmen die Qualität des Austausches, ermöglichen Kommunikation und fördern Toleranz gegenüber anderen Lebensentwürfen und Meinungen sowie gerechte Aushandlungsprozesse und Solidarität (Giddens 1997, S. 166ff.). Nur wer dabei tatsächlich zuhört, um die Sichtweisen des Gegenüber zu verstehen, erzeugt Glaubwürdigkeit und eröffnet Verständigungsprozesse (vgl. Barber 1994, S. 171).

Wichtig ist zudem, dass nicht vornehmlich Themen, die aus Sicht der Institutionen wichtig sind, Raum bekommen, sondern dass gerade die Themen aus dem Stadtteil aufgegriffen werden (Themen, die den Menschen »unter den Nägeln brennen«: z.B. das Thema Hundekot, das die Eltern erregt, weil sie die Kinder nicht mehr auf der Wiese spielen lassen können, die Spritzen Drogenabhängiger, die den Spielplatz zur Gefahrenquelle machen und Eltern auf die Barrikaden bringen).

Natürlich haben auch Themen, die den Institutionen relevant erscheinen, ihren Platz – etwa wenn es gerade Fördergelder für bestimmte Maßnahmen gibt und Ressourcen dadurch in benachteiligte Räume gelenkt werden können. Diese Themen können durch Bewohnerversammlungen »andocken« an den Stadtteil, wenn die Menschen dies als sinnvoll erachten.

Und nur dort, wo die Methode der Bewohnerversammlungen kontinuierlich zum Einsatz kommt, kann Personenvertrauen in die Professionellen entstehen (z.B. die Moderator/innen) und Systemvertrauen in Veränderungsprozesse. So kann langfristig die Dialog- und Beteiligungskultur in diesem Sozialraum verändert werden. Bewohnerversammlungen sind damit integraler Bestandteil einer sozialarbeiterischen und kommunalpolitischen Strategie (s. Hinte 1996).

Aktivierungsformen

Eine wichtige Form der Aktivierung zur Teilnahme an einer Bewohnerversammlung ist ohne Frage die Aktivierende Befragung. Aber es gibt zahlreiche andere kreative Möglichkeiten (z.B. Dias an einer Hauswand, ein Bergmannschor, der vor Ort ein altes marodes Zechenobjekt »verabschiedet«; der Fanfarenzug, der – wie sonst nur an St. Martin – durch den Stadtteil zieht und z.B. auf eine Schulhofumgestaltung aufmerksam macht).

Des Weiteren ist es hilfreich, wenn man Strukturen anbietet, bei denen man nicht nur redet, sondern nebenbei auch etwas tun kann. Das ist vergleichbar mit der Situation bei einer Familienfeier: Die besten Gespräche führt man nicht selten beim Abspülen – also während wir etwas tun. Beim Thema Mietergärten oder Schulhofumgestaltung könnten z.B. alle an einem Modell reden und »basteln«. Außerdem kennt wohl jede/r die Situation, wenn man auf eine Party kommt und niemand kennt. Üblicherweise fühlt man sich dann wohler, wenn man sich zunächst was zu trinken besorgt. Wenn man sich an etwas fest halten kann (kann manchmal auch die Zigarette sein), fällt es leichter, Kontakt aufzunehmen.

Wer auf einer Bewohnerversammlung Getränke bereitstellt und anbietet, wird dementsprechend die oftmals beklemmende und stille Wartezeit bis zum Beginn der Versammlung verhindern und bereits vor Beginn der Veranstaltung Kommunikation fördern. Um Dialog zu fördern, gilt es eine Form der Zusammenkunft zu wählen, die schon während der Veranstaltung – und auch danach – die Kommunikation der Menschen untereinander fördert. Anders als bei Dienstbesprechungen freuen wir uns, wenn auf Bewohnerversammlungen miteinander getuschelt wird. Eine Marktplatzatmosphäre mit Stehtischen, ausgehängten Plänen und Kaffee, fördert die Gespräche der Menschen untereinander. Menschen können sich in einer kleinen Runde besser bestärken und trauen sich dann eher etwas zu sagen. Die Menschen kennen Talkshows, vermutlich besser als wir. Sie sind vertraut mit lockeren Moderationsrunden und haben weniger Hemmungen vor dem Mikrofon, als wir manchmal glauben.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.