Aktivierende Befragung mit Studierenden

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3. Entwicklung möglicher Handlungsziele

Aus der fachlichen Sicht der Gemeinwesenarbeit ist die Beteiligung der »Betroffenen« ganz wichtig auch bei der Auswertung und Interpretation der Befragungsergebnisse und bei der Zielfindung. Medium und Instrument waren die Präsentation der empirischen Befunde und der herausgearbeiteten Problemsichten in mehreren Gruppengesprächen mit Bewohner/innen. Intentional ging es darum, den verschiedenen Beteiligten die Forschungserträge so darzubieten, dass sie zu eigenen Interpretationen, Korrekturen bzw. Ergänzungen herausgefordert wurden. Dabei konnte zweierlei erreicht werden: Einerseits wurden bei den Betroffenen Impulse zum Nach- und Umdenken und letztlich zur Aktivierung gesetzt, andererseits konnten auch bei der Forschungsgruppe neue Deutungsweisen angeregt werden.

Da niemals zuvor in diesem Wohngebiet eine Mieterversammlung oder Ähnliches stattgefunden hatte, musste zunächst erreicht werden, dass überhaupt betroffene Mieter/innen zusammen kommen würden. Die Student/innen begnügten sich nicht damit, etwa Flugblätter in den Briefkasten zu stecken. Es ging von Tür zu Tür: »Klinkenputzen«. Diese Aktion zeigte Wirkung. Zur Versammlung kamen mehr Mieter als Stühle vorhanden waren. Es zeigten sich vielfältige Handlungsbedarfe und ungenutzte Aktivierungspotenziale bei den Mieter/innen.

4. Entwicklung eines aktivierenden Handlungskonzeptes

Vor diesem Hintergrund wurden an mehreren Abenden mit Bewohner/innen erste Handlungsziele formuliert. Das Konzept umfasste bauliche, infrastrukturelle, politische, wirtschaftliche und soziale Maßnahmen. Gefordert wurden insbesondere Mitbestimmung der Bewohner/innen, Einsatz eines/r hauptamtlichen Gemeinwesenarbeiters/in, bauliche Instandsetzungs- und Modernisierungsmaßnahmen an den Wohnhäusern, Auflösung des Obdachlosenhauses, Umsiedlung der »Nutzer/innen« in geeignete Wohnungen mit Mietvertrag, Umbau dieser Notunterkunft zu einem integrativem Stadtteilzentrum.

Zur Ergebnispräsentation wurde in das zentrale Bürgerhaus der Stadt Waldkirch, etwa 15 Gehminuten vom Wohnquartier entfernt, eingeladen. Vertreten waren einzelne Bewohner/innen (Wir hatten nicht bedacht, dass diese räumliche Distanz für die allermeisten Bewohner/innen eine unüberwindbare Hürde darstellen würde. Bei einer späteren Versammlung wurde in den Kindergarten im Quartier eingeladen. Hier kamen dann rund 100 Bewohner/innen.) insbesondere aber die lokalen Spitzen aus Politik und Verwaltung, die so genannte Fachöffentlichkeit sowie Medienvertreter.

Von den politisch Verantwortlichen wurden die Arbeitserträge und Vorstellungen des Seminars einhellig begrüßt, wiewohl die (sozial-) politischen Entscheidungen der Stadt mehrfach kritisiert und finanziell recht weit reichende Lösungsvorschläge vorgetragen wurden. Dass die Lokalpresse dieser Abschlussveranstaltung eine ganze Seite widmete, verweist auf die Wirksamkeit des Projektes.

Erkenntnisse

Das Seminar brachte wertvolle hochschulpolitische Impulse. Und auch in Waldkirch-West blieben die Kuckucksuhren nicht stehen. Inzwischen sind die oben genannten Ziele alle erreicht worden. So wurde z.B. ein neues Stadtteilzentrum ebenso geschaffen, wie eine zusätzliche Planstelle für eine/n Gemeinwesenarbeiter/in. Darüber hinaus wurde eine Beschäftigungsinitiative gestartet, die arbeitslose Jugendliche beim Bau des Gemeinwesenzentrums integrierte.

Voraussetzung für diese Erfolgsgeschichte war sicherlich die Aufgeschlossenheit und Kooperationsbereitschaft der Kommune, die gewissermaßen als Auftraggeber für dieses Projekt fungierte. Ohne einen solchen Partner, der explizites Interesse an verwertbaren Forschungserträgen hat, wird es nicht ohne weiteres gelingen, die Studierenden zu dem erforderlichen, außergewöhnlichen Engagement zu motivieren. Ansonsten erscheint es notwendig, auch professionsethisch kritisch zu fragen, ob es angemessen ist, »von außen« mit Student/innen in ein solches Quartier hineinzugehen.

Aktivierende Befragungen müssen immer verantwortlich mit bedenken, ob und auf welche Weise diese Impulse aufgegriffen und begleitet werden können. Voraussetzung ist allemal, dass die Ziele und die zeitliche Limitierung allen Beteiligten von Anfang an transparent gemacht werden. In der Tradition der klassischen Handlungsforschung sind dies eigentlich Selbstverständlichkeiten (Vgl. Moser, Heinz: Aktionsforschung als kritische Theorie der Sozialwissenschaften. München 1975. Horn, Klaus (Hrsg.): Aktionsforschung. Balanceakt ohne Netz? Frankfurt a. Main 1979.). Hier wird das Forschungskonzept durchsichtig gestaltet und die Zielgruppe wird partnerschaftlich einbezogen.

Die Frage, unter welchen Voraussetzungen überhaupt derartige Aktionen mit Student/innen sinnvoll und verantwortbar sind, darf andererseits aber auch nicht als akademische Ausrede für Praxis- und Politikabstinenz dienen.

Sicher ist es notwendig, dass ein gewisser Leidensdruck bei einer größeren Zielgruppe vorhanden ist, realistische Erfolgsaussichten bestehen und/oder in wünschenswerter Weise auch noch motivierte Kooperationspartner vor Ort zu finden sind. Zugleich sollte nicht das Kind mit dem Bade ausgeschüttet werden, indem die viel zitierten Bedenkenträger/innen obsiegen.

Wenn Studierende bei derartigen Aktionen ihre Ziele und Möglichkeiten von Anfang an konkret benennen und transparent kommunizieren, wenn sie ihre Unternehmungen mit den Beteiligten absprechen und wenn sie keine unhaltbaren Versprechungen verbreiten oder entsprechende Erwartungen verbreiten, steht dem praktischen Handeln im Feld nichts mehr im Wege. Auch kleine überschaubare aktivierende Befragungsaktionen, deren Ziele erreichbar und von allen Beteiligten als lohnenswerte Anstrengung vermittelt werden können, dürfen sinnvoll sein. Sie werden dann von Anfang an so kommuniziert, dass allen Mitwirkenden klar ist, dass das zeitliche Engagement der Studierenden befristet ist, eventuell weiter gehende Maßnahmen dann jedoch gegebenenfalls unter anderer Regie stattfinden müssten.

An der EFH Freiburg haben wir solche begrenzten, studienbegleitenden Gemeinwesenarbeit-Projekte wiederholt mit Erfolg durchgeführt. Mitunter fanden sich Anschlussmöglichkeiten, manchmal konnte gewissermaßen ein Knoten gemacht werden und hier und da gab es sogar überraschende Entwicklungen, weil der Funken, der unter der Asche still weitergelodert hatte, eines Tages wieder entflammte.

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Prof. Dr. Günther Rausch
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Dieser Beitrag von Günther Rausch ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.