10 Minuten nach dem Beratungsgespräch

Seite 1: Nach der eigentlichen Beratungstätigkeit

Mitarbeiter/innen von Beratungsdiensten klagen immer wieder, wie zeitaufwändig es für sie sei, sich bei Aktivierenden Befragungen oder in GWA-Projekten zu engagieren. Nur wenigen Mitarbeiter/innen der schwerpunktmäßig fallorientierten Sozialen Dienste (z.B. Allgemeiner Sozialdienst) ist dabei bewusst, dass gerade die alltägliche Beratungstätigkeit zahlreiche Möglichkeiten bietet, mit geringem zusätzlichen zeitlichen Aufwand sich den Themen eines Quartiers zu nähern. Anders als Fachkräfte, deren Arbeitsalltag in hohem Maße von Organisationstätigkeiten geprägt ist (etwa Quartiermanager/innen/ Stadtteilarbeiter/innen), haben sie den Vorteil, dass sie ohnehin täglich im Kontakt mit denjenigen Menschen sind, die andere Professionelle erst für eine Aktivierende Befragung aufsuchen müssen. Mitarbeiter/innen sozialer Dienste haben die Möglichkeit, die Themen aus dem Sozialraum ihrer Adressat/innen, sowie die zahlreichen Netzwerke, informellen Kontaktknoten und Hinterhof-Atmosphären, die das Leben des Stadtteils ausmachen (s. dazu Hinte/Lüttringhaus/Streich 2001), unkompliziert »serviert« zu bekommen. Den hierfür notwendigen Anschub nennen wir die Methode »10 Minuten nach dem Beratungsgespräch«.

Die dabei gestellten Fragen greifen die Philosophie der Aktivierenden Befragung auf. Die Methode kann im Alltag – anders als eine Aktivierende Befragung – regelmäßig angewendet werden. Grundlage ist immer das echte Interesse von Seiten der Fachkraft an dem »Expertenwissen« der Leute. Wichtig ist auch, dass der Zeitrahmen sowie die bisherige Gesprächsatmosphäre »stimmen«. (Wenn dagegen eine Gesprächspartner/in genervt, ärgerlich oder müde durch den vorausgegangenen Verlauf des Beratungsgesprächs ist, fehlt die notwendige Offenheit für den einzuleitenden Themenwechsel.) Sind jedoch beide Akteure bereit, sich zusätzlich »10 Minuten« einem anderen Thema zu widmen, dann kann die Sozialraumerkundung beginnen.

Ziel ist es, den Sozialraum aus der Sicht der Bewohner/in zu erfassen. Dazu wird ein Rollenwechsel vollzogen: waren die Fachkräfte bis zu diesem Punkt Expert/innen des Beratungsprozesses, so werden ab diesem Punkt die Menschen, mit denen wir arbeiten, zu Expert/innen, und zwar ihrer Lebenswelt und ihres Sozialraumes. Die Professionellen versuchen den Sozialraum aus dem Blickwinkel des Gegenübers (mit dessen Augen, dessen Erfahrungen, dessen Gefühlen, dessen Ideen und Wünschen) zu erfassen. Es gilt, »auch einmal aus einer anderen Perspektive zu sehen versuchen, anders zu blicken – vielleicht entdecken Sie dann etwas anderes, etwas, das Ihnen vielleicht nützlich sein kann.

»Wenn Sie direkt vor einem Baum stehen, ist es ziemlich dunkel, ziemlich unscharf konturiert, es zeigt sich kein Weg am Hindernis vorbei. Gehen Sie einen Schritt zurück, sehen Sie etwas anderes – einen Baum, viele Bäume, vielleicht sogar einen Weg zwischen den Bäumen. Gehen Sie noch drei Schritte zurück, erklimmen Sie einen Baum, dann sehen Sie noch etwas ganz anderes- vielleicht den Wald, den Waldesrand, Ackerland, ein Haus... Jeder Blick ist anders, nicht besser oder schlechter, richtig oder falsch, sondern ganz einfach anders.« (Hargens 2000, S. 9 f.)

Desweiteren bietet diese Gesprächssequenz die Möglichkeit, gezielt Ressourcen zu erkunden, die die Fachkraft in der Alltagsarbeit gut gebrauchen könnte (»Schatzsuche« nach dem Motto: »Kennen Sie zufällig jemanden, der... oder wissen Sie, wer so jemanden kennen könnte?«). Als erfreulicher Nebeneffekt kann durch diesen Rollenwechsel der Kontakt zwischen den Gesprächspartner/innen verbessert werden – mit positiven Auswirkungen für weitere Beratungseinheiten. Im Vordergrund steht indes nicht, den Kontakt zu verbessern, sondern:

  • die Potenziale des Stadtteils zu erfassen, um diese dann für die Beratungsarbeit nutzen oder an andere Personen als Information weitergeben zu können (Fachkraft: »Ich selbst wohne ja nicht hier und habe nur begrenztes Wissen über den Sozialraum. Da ist es schon hilfreich, wenn ich höre, was z.B. der/die Bewohner/in hier schätzt, was stört oder was fehlt.«).
  • die Themen, die die Menschen beschäftigen, direkt von ihnen zu erfahren, um zu verhindern, dass die Arbeit lediglich auf Vermutungen und/oder Interpretationen der Professionellen aufgebaut wird.
  • Quartiersthemen aufzugreifen, die Professionellen in solchen Gesprächen ohnehin begegnen, wenn sie auf Grund ihrer Funktion dafür zuständig sind. Es gilt dann, diese im Team zu besprechen und gegebenenfalls fallübergreifend zu bearbeiten (s. dazu Hinte 2001). Bei Teamsitzungen ist es deshalb hilfreich, für diesen Austausch einen festen Tagesordnungspunkt einzuplanen.
  • Themen mit den Menschen und nicht für die Menschen zu bearbeiten (»Ich habe das nun schon von einigen Leuten hier im Sozialraum gehört. Haben Sie Interesse, dass wir uns mal zusammensetzen, um zu schauen, was wir da vielleicht gemeinsam machen könnten?«).
  • den Adressat/innen Handlungsmöglichkeiten bezogen auf die angesprochenen Probleme aufzeigen bzw. evtl. Themen an entsprechende Instanzen weiterzuleiten, die außerhalb des Zugriffs der Adressat/innen und des eigenen Zuständigkeitsbereiches liegen.
Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dieser Beitrag von Maria Lüttringhaus und Angelika Streich ist folgener Publikation entnommen:
Handbuch Aktivierende Befragung: Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis (Bonn 2012)
Die Publikation finden Sie hier.