Stadtteilforen

Seite 2: Idee, Zuschnitt der Stadtteilräume, Mediation, Rolle der Verwaltung

Die Idee

Unsere Antwort auf diese Analyse war das Projekt »Stadtteilforen«, ein Versuch, einen Diskussions- und Handlungszusammenhang von Bürgerinnen und Bürgern in den Stadtteilen zu etablieren. Nach Rücksprache mit einigen Kolleg/innen wurde das Projekt im Mai 1995 in Bad Boll, einer kirchlichen Tagungsstätte, gestartet. Ca. 100 Einladungen waren verschickt worden, 50 Teilnehmer/innen kamen, überwiegend Personen aus dem professionell-sozialen Bereich, aber auch Vertreter/innen von Kirche und Schule und »ganz normale Bürger/innen«. Vorgestellt wurde folgende Idee, die spontan zur Gründung des Stadtteilforums Lustnau führte.

Die Ziele der Stadtteilforen ergeben sich im Wesentlichen aus den oben genannten Wurzeln und Fragestellungen. Sie lassen sich folgendermaßen beschreiben:

  • Initiierung von selbstorganisierten, bürgerschaftlichen Diskussions- und Handlungszusammenhängen im Stadtteil
  • Schaffung einer neuen Art von Öffentlichkeit im Stadtteil durch den Aufbau kontinuierlicher, »unpersönlicher« (Hannah Arendt), also öffentlicher Beziehungen
  • Ermöglichung einer neuen »Kultur des Sozialen« durch Austausch unterschiedlicher Meinungen, Erfahrungen und durch Kooperation (Zusammenlegung von Ressourcen)
  • Verbesserung der Kooperation zwischen Bürger/innen und Verwaltung durch Kooperation, frühzeitige Information und Aufgabenteilung
  • Prüfung, ob Aufgaben, die derzeit ganz selbstverständlich die Kommune wahrnimmt, den Bürger/innen wieder zurückgegeben werden könnten, mit dem Ziel, deren Gestaltungs- und Handlungsspielraum zu vergrößern.

Zuschnitt der Stadtteilräume

Die von den Foren umfassten Stadtteilräume entsprechen nicht den planerisch ausgewiesenen Stadtvierteln, sondern stellen Identifikationsräume dar, in denen den Bürgerinnen und Bürgern diese Arbeit möglich und sinnvoll scheint. In der Größe variieren Sie zwischen Gebieten mit ca. 2.500 bis zu ca. 6.000 Einwohnern. In Tübingen gibt es derzeit 6 Stadtteilforen, von denen zwei im Osten, zwei im Süden, eins im Norden und eins im Westen der Stadt angesiedelt sind.

Einsatz von Stadtteilkoordinatorinnen/Mediatoren

Die Logik bürgerschaftlicher Problemwahrnehmung und Handlungsorientierung ist mit der Organisationslogik von Verwaltungen häufig nur schwer kompatibel. Zum Ersten steht das Prinzip der Lebensweltorientierung gegen das Prinzip der Fachzuständigkeit. Was Bürger/innen im Stadtteil beschäftigt, umfasst naturgemäß ihre gesamte Lebenswelt, die Infrastruktur jeder Art, Kultur, Soziales, Verkehr. Dieser Lebensweltorientierung von Bürger/innen steht nun eine Verwaltung gegenüber, die überwiegend nicht sozialräumlich, sondern eben fachlich orientiert ist – für jedes Problem mindestens ein anderer Ansprechpartner, bei komplexeren Problemen bringt man es leicht auf sieben Zuständige.

Zum Zweiten sieht die Verwaltung die Dinge – ob berechtigter- oder unberechtigterweise sei hier ganz offen gelassen – häufig anders als die betroffenen Bürger/innen. Oft ist sie in ihrem Handeln an politische Beschlüsse oder auch »die« Verwaltungsmeinung gebunden. Bürger/innen ihrerseits begegnen Angehörigen der Verwaltung häufig mit ausgeprägtem Misstrauen.

Solange dies so ist, und solange wir für die Dinge, die alle im Stadtteil angehen, keine sozialräumlich orientierte Verwaltung haben, ist es unseres Erachtens sinnvoll, Mittler zwischen Verwaltung und Bürger/innen in den Prozess zu involvieren. Wir haben uns deshalb für ein Koordinatoren-Modell entschieden. Jedes Stadtteilforum wird durch eine Koordinatorin unterstützt. Die Koordinatorinnen begleiten die Bürger/innen bei ihrer Arbeit im Stadtteil, bereiten Sitzungen vor, halten Telefonkontakt, leiten Versammlungen, verschicken Einladungen und sie halten engen Kontakt zur Verwaltung. Sie kennen die einschlägigen politischen Beschlüsse und die richtigen Ansprechpartner. Sie kennen die Sichtweise von Verwaltung und Bürger/innen und versuchen, diese miteinander zu vermitteln. Was die inhaltliche Arbeit angeht, halten sich die Koordinatoren streng zurück – sie beschränken sich auf die Unterstützung des Prozesses.

Die Rolle der Verwaltung/Verwaltungslotsen

Die Verwaltung versteht sich lediglich als Initiatorin der Idee und Verantwortliche für die Gesamtkoordination der Foren. Sie ist verantwortlich für die notwendige Unterstützung der Arbeit und das Bereitstellen der Rahmenbedingungen. Inhaltlich sind die Stadtteilforen völlig frei, und umgekehrt ist die Verwaltung nicht verantwortlich für das, was in den Foren geschieht

Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Koordinatorinnen zwar eine wichtige Funktion  für die Unterstützung der Stadtteilforen haben, dass dies aber nicht ausreicht, um die Koordination mit der Arbeit der Stadtverwaltung sicherzustellen. Die Verwaltung hat deshalb auf der Ebene der Amtsleitungen für jedes Forum einen sogenannten Verwaltungslotsen ernannt, der die Aufgabe hat, ressortübergreifend Ansprechpartner für ein Stadtteilforum zu sein Der Verwaltungslotse nimmt auf Einladung an den Sitzungen des Stadtteilforums teil und informiert das Forum  über Planungen der Verwaltung.

Das Konzept der Verwaltungslotsen wird von allen beteiligten Bürgerinnen und Bürgern außerordentlich geschätzt. Ihre Arbeit wird als sehr hilfreich erlebt, das Engagement der Verwaltung wertet die eigene Arbeit auf und macht sie effizienter.