Planungszelle

Seite 2: Erfahrungen, Kompetenz und Motivation, Heterogenität der Teilnehmenden, Anwendungsmöglichkeiten

Anwendungen und Erfahrungen

Das Verfahren wurde seit 1975 in Deutschland zu ca. 30 höchst unterschiedlichen kommunalen wie auch überregionalen Fragestellungen eingesetzt, wobei die Tendenz und das Interesse an der Methode in den letzten Jahren stark zunehmend sind.

Neben kontroversen Themen innerstädtischer Planungen (z. B. Gestaltung von Plätzen und innerstädtische Verkehrsführung) umfasste das Spektrum der von Planungszellen behandelten Fragestellungen so unterschiedliche Dinge wie die Bewertung neuer Informationstechnologien und zukünftiger Energiepolitik, Anforderungen an einen bürgernahen Verbraucherschutz, Aufgaben lokaler Gleichstellungsstellen oder Verbesserungen des öffentlichen Personennahverkehrs.

Bei den überlokalen und bundesweiten Projekten, wie z. B. beim Bürgergutachten ISDN, wurden zum gleichen Thema bis zu 22 Planungszellen in acht verschiedenen Städten durchgeführt. Zu kleineren lokalen Projekten fanden immer mindestens zwei Planungszellen statt, um die Gefahr möglicher Zufallsverzerrungen zu minimieren. Beim Bürgergutachten zum öffentlichen Personennahverkehr in Hannover waren es zwölf Planungszellen mit insgesamt 297 Teilnehmenden.

Hohe Kompetenz und hohe Motivation

In sämtlichen bisherigen Anwendungsfällen haben sich die in das Verfahren Bürgergutachten/Planungszelle gesetzten Erwartungen in hohem Maße erfüllt. Ergebnisse von Bürgergutachten haben nachweislich politische Entscheidungen beeinflusst. Mit ihnen gelang es, nicht nur neue Ideen und Vorschläge zu entwickeln, sondern auch einvernehmliche Lösungen für jahrelang kontrovers diskutierte Streitfragen und Konflikte zu finden (z. B. Trassenführung der Straßenbahn in Neuss). In anderen Fällen – so z.B. zum Thema ISDN – zeigte sich, dass die sog. »Laien« den sog. »Experten« um mehrere Jahre voraus waren. Was anfangs als illusionär abgetan wurde, musste später doch realisiert werden.

Die beteiligten Bürgerinnen und Bürger zeigten sich jeweils motiviert und in der Lage, sich in kurzer Zeit auch in komplizierte Fragen einzuarbeiten und qualifiziert dazu Stellung zu nehmen. Die Bürgergutachten erreichten durchweg eine hohe fachliche Qualität, die sog. »Expertengutachten« in nichts nachstanden, sondern sie in vielen Fällen sogar übertrafen, weil sie deren manchmal fach- oder interessenspezifisch verengten Sichtweisen eine ganzheitlichere Problemsicht entgegenstellten.

Heterogenität der Teilnehmenden

In allen bisher durchgeführten Planungszellen wurde eine Heterogenität der Teilnehmenden erreicht, die für vergleichbare Beteiligungsverfahren einzigartig sein dürfte. Männer und Frauen sowie die unterschiedlichen Altersgruppen waren durchweg entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil vertreten.

An Planungszellen nahmen Menschen teil, die sich zuvor noch nie in ihrem Leben in irgendeiner Form politisch beteiligt hatten. In Planungszellen kamen Menschen aus den unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen und mit unterschiedlichsten Hintergründen und Meinungen zusammen, die sich sonst niemals begegnet wären, um miteinander und voneinander zu lernen und Verständnis für unterschiedliche Standpunkte und Sichtweisen zu entwickeln. Nachuntersuchungen zeigten, dass diese Effekte konstant blieben und aus Planungszellen über die eigentliche Problemstellung hinaus viele weitere Impulse und Initiativen hervorgingen. 

Besser als mit anderen Verfahren konnten schwer abkömmliche und besonders schwer rekrutierbare Teilnehmendengruppen gewonnen werden. Um dies zu ermöglichen, wurden z. B. »Übersetzer/innen« – in der Regel besser Deutsch sprechende Familienangehörige oder Bekannte – eingesetzt, die der/m im Zufallsverfahren ausgewählten ausländischen Teilnehmenden während der Planungszellen bei Sprachproblemen halfen. In anderen Fällen begleiteten Betreuungspersonen auf Hilfe angewiesene Behinderte; ein sehbehinderter Teilnehmer erhielt Unterstützung durch einen Tagungsassistenten bei allen visualisierten Darstellungen. Ähnliches ist denkbar bei hörbehinderten Teilnehmer/innen durch Einsatz eines/r Gebärdensprachdolmetschers/in.

Vielfältige Anwendungsmöglichkeiten

Die Erfahrung zeigt, dass sich die Methode Planungszelle gerade auch für die Bearbeitung von Fragestellungen eignet, bei denen persönliche Betroffenheit nicht unmittelbar oder nur langfristig und abstrakt erkennbar ist. Wichtig ist allerdings, dass die Empfehlungen des Bürgergutachtens einen konkreten Adressaten haben und ihre Umsetzung oder weitere Behandlung für alle Beteiligten transparent bleibt. Dies setzt eine möglichst konkrete Aufgabenstellung sowie ihre angemessene, d. h. innerhalb von vier Tagen zu bewältigende Dimensioniertheit voraus.