Gemeinwesenarbeit (GWA) - Stadtteilarbeit

GWA als Arbeitsprinzip professioneller Sozialarbeit zielt auf die Verbesserung von Lebensbedingungen in benachteiligten Wohnquartieren unter tätiger Mithilfe der dortigen Wohnbevölkerung. Dies geschieht u.a. durch Aktionsformen wie Haustürgespräche, aktivierende Befragungen, Versammlungen, Öffentlichkeitsaktionen und die Begleitung von möglichst selbstständig arbeitenden Bewohnergruppen. Arbeitsfelder von Gemeinwesenarbeiter/innen sind Wohnquartiere unterschiedlicher Größe, in denen sie respektvoll nach Betroffenheit, Interessen und Ärgernissen der Menschen fragen und immer wieder Aktionen und Dialoge organisieren. In denen geht es darum, die zum Teil widerstreitenden Interessen in einem Quartier zu benennen, sie diskussionsfähig zu machen, die Menschen an einen Tisch zu bringen, ohne dass sie aufeinander einschlagen und zu Aktionen und Projekten zu ermutigen, die im Sinne möglichst vieler Menschen die Lebensbedingungen im Quartier verbessern. GWAler/innen lassen sich auf das Leben der Menschen ein, auf ihre Empfindungen, ihre Lebensdefinitionen, ihre Ängste und Handlungsmotive in ihrer ganzen Vielfalt, Brüchigkeit und Widersprüchlichkeit.

GWA fußt auf folgenden methodischen Blickrichtungen und Prinzipien:

  • Ansatz bei den geäußerten Interessen der Wohnbevölkerung: Die Fachkräfte denken nicht darüber nach, was die Menschen in einem Wohnquartier interessieren könnte, sondern fragen sie direkt: »Was interessiert euch?« Im Zentrum steht immer der Wille oder die Betroffenheit einzelner Menschen oder Gruppierungen.
  • Unterstützung von Selbsthilfekräften und Eigeninitiative: GWAler/innen tun möglichst nichts ohne und vermeiden Aktionen für die Leute. Vielmehr denken sie mit ihnen darüber nach, was diese selbst zur Verbesserung ihrer Situation tun können und wenden sich erst in späteren Stadien mit betreuenden und programmorientierten Angeboten an die Wohnbevölkerung.
  • Nutzung der Ressourcen 
    a) der Menschen: GWA richtet ihr Augenmerk immer auf deren Stärken, die sich oft sogar in den vermeintlichen Defiziten abbilden.   
    b) des Sozialraums: Räume, Nachbarschaften, Plätze, Natur, Straßen, aber auch die vorhandene Unternehmens- und Dienstleistungsstruktur sind bedeutsame Ressourcen, die man nutzen und durch kluge Vernetzung effektiver gestalten kann.
  • Zielgruppenübergreifender Ansatz: GWA sucht nach Kristallisationspunkten für Aktivitäten, an denen sich möglichst viele Bürger/innen beteiligen können. Dabei sind zielgruppenspezifische Aktionen nicht ausgeschlossen, aber die geschehen dann im Kontext anderer Aktivitäten, die nicht eine bestimmte Zielgruppe stigmatisierend vorab definieren.
  • Bereichsübergreifender Ansatz: GWA nutzt die Kompetenzen anderer Sektoren und sucht nach Anknüpfungspunkten für integrative Projekte.
  • Kooperation und Koordination der sozialen Dienste: Über vielfältige Foren (»Vernetzung«) werden im Wohnquartier tätige (professionelle und ehrenamtliche) Akteure aus verschiedenen Bereichen angeregt, Absprachen zu treffen und Kooperationen mit Blick auf Einzelfälle, Gruppierungen und Aktionen zu planen und gemeinsame Projekte zu entwickeln und durchzuführen.

Zunächst geht es darum, herauszufinden, in welchen Bereichen die Menschen ohnehin schon aktiv sind: etwa über Themen im Stadtteil, die die Menschen beschäftigen, über die sie sich aufregen, über die sie sich freuen, die »im Gespräch« sind oder die Volksseele zum Kochen bringen. Die Erfahrung in zahlreichen Projekten zeigt, dass Menschen sich am ehesten um Kristallisationspunkte und Themen herum organisieren, die mit Betroffenheit oder Neugierde besetzt, naheliegend, anschaulich, greifbar und erfolgversprechend sind. Diese Themen liegen nur selten auf der Straße, häufiger sind sie verborgen, gelegentlich nur relevant für kleinere lokale Einheiten oder bestimmte Bevölkerungsgruppen, sie werden nicht immer eindeutig benannt und konturieren sich bisweilen erst im Laufe zahlreicher Gespräche oder anderer Zugangsformen. Auf dieser Grundlage wird gemeinsam mit den Menschen ein Wohngebiet gestaltet, das von ihnen selbst als unzumutbar, einengend oder anregungsarm empfunden wird. Dass Menschen dabei eine Menge lernen, sich verändern, sich persönlich weiterentwickeln und ihr Verhaltensrepertoire erweitern, ist erfreulich; es handelt sich jedoch in der GWA nicht um gesteuerte Prozesse, die dazu dienen, Menschen erzieherisch zu verändern, sondern um vielschichtige Interventionen zur Gestaltung von Wohnquartieren – mit der dort lebenden Bevölkerung. Genau hier liegen auch die Grenzen des Ansatzes: Er lebt geradezu von aktionsbereiten, entrüsteten, neugierigen oder engagierten Menschen, und er geht ins Leere in Wohnquartieren mit einem hohen Anteil demoralisierter Menschen, die sich mit ihrer Situation abgefunden haben oder ohnehin nur darauf warten, möglichst schnell das Quartier zu verlassen.

Die Formen der Bewohneraktivierung sind vielfältig und werden jeweils situationsangemessen entwickelt. Sie reichen vom klassischen Einstieg durch eine Aktivierende Befragung über räumliche, auf Themen oder Zielgruppen bezogene Versammlungen, spezifische Einzelaktionen wie Stadtteilfeste, kulturelle Veranstaltungen oder Skandalisierungsaktionen bis hin zu regelmäßig tagenden Gruppen und Initiativen wie etwa Mieterbeiräten, Geschichtskreisen, Stadtteilorganisationen oder Bürger-Komitees. Darüber hinaus werden Zugangsmöglichkeiten über bestehende Gruppierungen genutzt, wie etwa Bürgervereine, Elternbeiräte, lokale Politikgremien, Pfarrgemeinderäte oder Presbyterien. Und selbstverständlich gibt es regelmäßig Befragungen, Haustürgespräche, vielfältige Gruppenaktivitäten, Öffentlichkeitsarbeit über Flugblätter, Unterschriftensammlungen oder Plakate bis zu Wettbewerben und Stadtteilkonferenzen. Als wenig hilfreich erweist sich dabei eine nach Rezepten heischende Einstellung, die sich häufig in der Frage äußert: »Wie aktiviert man eigentlich Menschen?« Denn es gibt nicht die gültige Regel, den immer funktionierenden Trick, das bewährte Setting oder das Aktivierungs-Feuerwerk aus dem Lehrbuch. »Mal so, mal so« lautet eine zentrale Devise in guten Projekten, und damit ist gemeint, dass es zwar einen Instrumentenkoffer gibt, in den man greifen kann, dessen Einsatz jedoch abhängig ist von den jeweiligen spezifischen Gegebenheiten im Wohnquartier, den oft widersprüchlichen und unberechenbaren Anforderungen der Situation, der Persönlichkeit und Kompetenz der Gemeinwesenarbeiter/innen und vielen anderen Rahmendaten, die nur situationsspezifisch zu beschreiben sind.

GWA ist nicht kurzfristig-technokratisch als Methode einsetzbar, da sie eines solide vorbereiteten und langfristig angelegten Prozesses bedarf. Dieser gründet auf konkreten Absprachen mit Anstellungsträgern (etwa Kommunalverwaltungen, Wohnungsbaugesellschaften, Freie Träger u.a.) sowie einer soliden Finanzierungsbasis, die auch bei unvermeidbaren (und manchmal auch notwendigen) Konflikten zwischen der aktivierten Wohnbevölkerung und anderen Instanzen (manchmal gar den Geldgebern der GWA) nicht in Frage gestellt werden darf. Ohnehin liegt GWA quer zu vielen Verfahren und Methoden der Bürgerbeteiligung, auch deshalb, weil sie bezahlter professioneller Akteure bedarf, deren Arbeit im Quartier eine Vielzahl von Bürgeraktivitäten anregt, die sich dann wiederum einzelner Methoden aus dem Bereich des Bürgerengagements bedienen.

GWA organisiert projekt- und themen-unspezifisch Prozesse in Wohnquartieren, und zwar über eine Vielzahl von Aktivierungsaktionen anhand direkt geäußerter (und durchaus häufig wechselnder) Interessen der Wohnbevölkerung mit dem Ziel einer »Grundmobilisierung« eines Wohnquartiers, die den »Humus« für größere Einzelprojekte bildet. Dies geschieht häufig im Rahmen eines kommunalen »Quartiermanagements«, bei dem die GWA eng kooperiert mit intermediären Akteuren und Gebietsbeauftragten innerhalb der Verwaltung. GWA ist also nicht gleichzusetzen mit Quartiermanagement, sondern ist ein tragendes Element in einem komplexen Konzept zur Gestaltung von Wohnquartieren, an dem auch andere Akteure (etwa Verwaltung, intermediäre Instanzen, Unternehmen usw.) mit anderen Methoden beteiligt sind.

Quartiermanagement umfasst die Arbeit auf folgenden Ebenen:

  • GWA im Quartier: zur projekt-unspezifischen Aktivierung der Wohnbevölkerung, zur Begleitung von Gruppen und Initiativen, zur Vernetzung von formellen und informellen Ressourcen oder auch zur Leitung eines Stadtteilbüros - also klassische Tätigkeitsfelder der GWA.
  • Intermediäre Instanzen: als Bindeglied zwischen der Lebenswelt im Stadtteil und der nach Sektoren geordneten Bürokratie, Institutionen und Unternehmen zur Entwicklung spezifischer Einzelprojekte und zur systematischen Zusammenführung von Geld, Menschen, Bedarfen und Ideen. Intermediäre Instanzen sind zwischen Quartier und Bürokratie angesiedelt und bewegen sich in beiden Welten. Sie kennen sich aus in Politik und Verwaltung und verfügen über Sachkompetenz, etwa in den Bereichen Beschäftigungspolitik, Wohnungspolitik, Jugend- und Sozialhilfe sowie den laufenden Bemühungen zur Verwaltungsreform; sie sind aber auch präsent an den Treffpunkten im Stadtteil und in den Wohnungen der Menschen, sie organisieren immer wieder Dialoge (gelegentlich auch recht konflikthafte) innerhalb des Quartiers, zwischen Bewohnern und Bürokratie sowie auch innerhalb der Bürokratie.
  • Gebietsbeauftragte innerhalb der Verwaltung: zur Bündelung der Ressourcen innerhalb der Kommunalverwaltung, etwa durch begrenzte Zugriffsmöglichkeiten auf andere Ressorts, aber auch zur Federführung über Einzelprojekte bis hin zum Management komplexerer längerfristiger Programme bezogen auf ein bestimmtes Wohngebiet.
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Prof. Dr. Wolfgang Hinte
Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung (ISSAB)
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