Das Planspiel und das Handlungsspiel

Seite 2: Das Handlungsspiel

Das Handlungsspiel

Klage nicht, handle!
(Hölderlin, Hyperion)

Oft sind es unbewusste Ängste, die eine gute Idee oder Aktion bereits im Entwicklungsstadium sterben lassen. Niemand traut sich, den Gang zur Behörde, zum »Gegner« oder gar in die »Höhle des Löwen« anzutreten, und so wird versucht, die Aktion ohne all die schwierigen Gespräche durchzuführen. Das gelingt dann eben nicht; und es folgen die Klagen von der Uneinsichtigkeit … Da bietet das Handlungsspiel beste Abhilfe.

Das Handlungsspiel ist eine Spielform zwischen Rollenspiel und Planspiel. Gezielt angewendet wurde es ursprünglich in der Gewerkschaftsbewegung. Die Arbeitnehmer hatten erkannt, dass ihre Vertreter bei Verhandlungen mit Arbeitgebern trotz guter Argumente oftmals »über den Tisch gezogen wurden«. Bei der Analyse zeigte sich, dass die Arbeitnehmervertreter oftmals nicht rechtzeitig intervenierten und dass sie die Winkelzüge der Gegenseite nicht erkannten, weil sie zu stark auf ihre Argumente fixiert waren. So wurden also diese Verhandlungen jeweils vorher »geübt«: Die Arbeitnehmerdelegierten saßen auf der einen Seite des Tisches und spielten sich selbst, während die lebhafteren Kollegen auf der anderen Seite die Arbeitgeberdelegation darstellten. Und einige Kollegen beobachteten das Ganze. Nach dem Spiel wurden die Stärken und Schwächen der eigenen Leute im Gespräch diskutiert. Nach und nach konnte so eine annähernd gleiche Verhandlungskompetenz erreicht werden.

Das Spiel lässt sich als vorbereitende Übung immer dort einsetzen, wo verhandelt werden muss. Wenn also Vertreter/innen einer Bürger-Initiative mit einer Delegation des Stadtrates zusammenkommen, dann kann diese Situation vorher mit einfachen Mitteln geübt werden. Besonders bei großer Unsicherheit, bei Angst vor Verletzungen und bei schwierigen Gesprächssituationen bietet das Handlungsspiel die bestmögliche Vorbereitung, weil der Übungsschwerpunkt nicht auf der inhaltlichen, sondern auf der Verhaltensebene liegt. Zudem eignet es sich auch für die inhaltliche Vorbereitung, indem die »spontanen« Gegenargumente der gespielten Seite aufgenommen werden können.

Der Ablauf eines Handlungsspiels lässt sich in vier Bereiche unterteilen:
Diejenige Person(en), welche die Verhandlung/das schwierige Gespräch führen soll(en), bereiten sich so vor, wie sie es auch in der Realität tun würde(n).
Die Mitspieler/innen und Beobachter/innen werden von diesen Personen instruiert (Ausgangslage und Situation, Verhandlungsgegenstand, Personen der »Gegenseite« usw.). Die Rollen werden verteilt, an die Mitspielenden entsprechend der Personen der »Gegenseite«, an die Beobachtenden bezüglich des Verlaufs und bezüglich des Inhalts, evtl. – sofern sinnvoll – bezüglich des Verhaltens (Körpersprache u.a.).
Das »Gespräch«, die »Verhandlung« wird gespielt. Nur die Beobachtenden haben das »Recht«, das Spiel abzubrechen. Sie sollten das immer dann tun, wenn sie genügend beobachtet haben.
Das Spiel wird ausgewertet und danach evtl. nochmals (und nochmals) gespielt.

Beispiel einer Spielanleitung

Die Nummerierung entspricht den vier oben beschriebenen Bereichen:

  • Sie haben sich auf ein schwieriges Gespräch vorbereitet. Nehmen Sie nun Ihre Notizen und setzen Sie sich mit Ihren Partnern/innen zusammen, mit denen Sie das Gespräch führen müssen, und überlegen Sie miteinander die gemeinsame Strategie, Argumentation und Aufgabenverteilung.
  • Um nun das Gespräch zu üben, wählen Sie aus den Mitspielenden die erwarteten Personen der »Gegenseite« aus. Mit Ihnen zusammen bereiten Sie nun das Handlungsspiel vor, indem Sie ihnen die Situation Ihres Gesprächs erläutern. Die Mitspielenden übernehmen nun die Rollen der »Gegenseite« in Ihrem Gespräch. Deren Charakter und Spielweise können Sie bestimmen. Die übrigen Mitspielenden übernehmen die Beobachterrolle. Sie selber spielen sich in diesem Gespräch.
  • Sie spielen nun das Gespräch. Vergessen Sie nicht, dass nur die Beobachtenden das (Gesprächs-) Spiel abbrechen dürfen. Beim ersten Mal sollte das Spiel nicht zu lange dauern (etwa 5 bis 10 Minuten). Nach dem Abbruch schreiben alle Beteiligten (also Sie selbst, die Mitspielenden und die Beobachtenden) innerhalb weniger Minuten auf, was sie während des Gesprächs beobachtet, gemerkt, gefühlt haben.
  • Danach wird über das Gespräch diskutiert. Meistens ist es sinnvoll, das (Gesprächs-) Spiel danach zu wiederholen. Nach Abschluss der Spielphase wird nun das Gespräch »richtig« vorbereitet, also die bisherigen Vorbereitungen werden inhaltlich und argumentativ nochmals überprüft.

Zum Schluss noch ein Hinweis für die Beobachtenden: Sie sollen nicht nur aufs Reden und Hören sowie den Gesprächsverlauf achten. Auch die Sitzordnung, die Körperhaltung, die Mimik usw. der Gesprächsteilnehmenden ist wichtig. Und: Bemühen Sie sich, Ihre Beobachtungen möglichst genau und wertfrei zu formulieren.

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