Bürgerforen

Seite 2: Zu Lösungen kommen, Systematische Kommunikation, Bewertung

Für die Beschlussfassung der Empfehlungen werden konsensorientierte Lösungen (einschließlich des Konsenses über den Dissens) angestrebt. Konsens ist aber nur dann zu erwarten, wenn die Teilnehmer ihre Urteile vor den anderen begründen müssen und über die Geltungsansprüche der Argumente selbst ein Diskurs geführt wird. Dieser Anspruch ist nicht leicht aufrechtzuerhalten. Die meisten Teilnehmer haben wenig Erfahrung mit verständigungsorientierten Diskursen und lassen sich zu Beginn leicht von rhetorischen Fähigkeiten und formalen Statussymbolen blenden. Allerdings sorgen Zufallsauswahl und die argumentationsbezogene Moderation weitgehend dafür, dass der Status einzelner Teilnehmer in dem neuen, künstlichen Gruppengefüge wenig Sanktionskraft entfaltet und der Verweis auf den eigenen Status in der Regel nicht ausreicht, um den eigenen Argumenten Autorität zu vermitteln. Die meisten Gruppenmitglieder unterhalten nämlich außerhalb des Bürgerforums selten funktionale soziale Beziehungen untereinander, sie sind also unabhängig voneinander. Zusätzlich sorgt der zunehmende Kompetenzgewinn aller Teilnehmer im Verlaufe der Beratungen dafür, dass formale Statusmerkmale an Bedeutung verlieren und argumentatives Ringen um die jeweils beste Lösung das dialogische Geschehen weitgehend bestimmt. Schließlich zeigt sich in den Kleingruppensitzungen, dass Personen, die zu Anfang scheu und verunsichert wirken, zunehmend an Selbstvertrauen gewinnen und konstruktiv an Problemlösungen mitwirken, während anfänglich dominierende Personen im Verlauf des gruppendynamischen Prozesses an Einfluss verlieren.

Trotz dieser in vielen Jahren Erfahrung mit Bürgerforen gewonnenen Erkenntnis, dass eine Reihe gruppendynamischer Prozesse die Entwicklung zu einem verständigungsorientierten Diskurs unterstützt, kommt es entscheidend auf die Strukturierung des Entscheidungsprozesses selbst an, inwieweit sich konsensfähige Lösungen im Wettstreit der Argumente herausbilden können. Dazu kommt noch, dass Teilnehmer, die ihre kostbare Zeit für eine solche Beteiligungsmaßnahme opfern, eine effiziente und zielgerichtete Gesprächsführung einfordern. Um beiden Zielen gerecht zu werden, haben wir für die Bürgerforen eine Strukturierung des Entscheidungsprozesses gewählt, die sich eng an das entscheidungsanalytische Verfahren der in den USA entwickelten »Multi-Attribute-Utility Theory« (MAUT) anlehnt. Dieses Verfahren stellt sicher, dass die Argumente in einen systematischen Zusammenhang gebracht werden können, dass sich die Teilnehmer über die relativen Gewichtungen von Wertdimensionen klar werden und dass bei der Formulierung von gemeinsamen Urteilen alle Teilaspekte Beachtung finden. Diese entscheidungsanalytische Vorgehensweise wird aber nur als Hilfestellung und nicht als Algorithmus zur Konsensfindung eingesetzt.

Die vielfältigen Erfahrungen mit Bürgerforen haben gezeigt, dass Laien schwierige Aufgaben bewältigen können, wenn die Informationen vollständig, ausgewogen und didaktisch aufbereitet angeboten werden. Die Empfehlungen der Bürgerforen sind meist auch bei externen Evaluationen als sachlich fundiert, oft als originell und als Ausdruck eines rationalen und fairen Bewertungsprozesses beurteilt worden.

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Prof. Dr. Ortwin Renn
Universität Stuttgart
Foschungsschwerpunkt Interdisziplinäre Risikoforschung und nachhaltige Technikentwicklung
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