Anwaltsplanung

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Hinweise zur Durchführung

Anwaltsplanerinnen und -planer sitzen zwischen den Stühlen. Zumeist sind sie von der (kommunalen) Verwaltung finanziell abhängig. Zugleich aber sollen sie eindeutig die Partei ihrer Klientel ergreifen. Daraus können verschiedene Gefährdungen resultieren: etwa, dass die Anwaltsplanung zu sehr die kommunalen Interessen im Auge hat und damit das Vertrauen der Bürgergruppen, die sie vertreten soll, verliert. Auch das Gegenteil kommt vor: Anwaltsplanung trägt zur Polarisierung von Konflikten bei und gefährdet die Kommunikation unter den Beteiligten etc.

Um solche und andere Gefahren zu meiden, erscheinen folgende Grundsätze wichtig:

  • Anwaltsplanung muss unabhängig und zugleich verhandlungsfähig mit allen Beteiligten sein und bleiben. Dies ist eine Grundvoraussetzung: Obwohl Anwaltsplanung ausdrücklich ein »parteiisches« Konzept ist, müssen Gesprächsmöglichkeiten nach allen Seiten gegeben sein – ohne dabei den Standort an der Seite der Betroffenen aufzugeben.
  • Einseitige finanzielle Abhängigkeiten sollten nach Möglichkeit vermieden werden: Das Zwischenschalten intermediärer Organisationen (siehe dort), die  öffentliche Gelder treuhänderisch verwalten, kann ebenso sinnvoll sein wie die Beteiligung weiterer unabhängiger Institutionen an der Trägerschaft (ggf. mit nur symbolischen Anteilen).
  • Alle lernen: Eine zentrale Aufgabe der Anwaltsplanung ist es, die Kommunikation zwischen verschiedenen Fach- und Alltagswelten herzustellen. Dies wird immer eine Gratwanderung sein – bei der man einerseits den Bürgerinnen und Bürgern Fachinhalte und Fach-»Sprachen« zumuten muss (ohne sie zu »erschlagen« und ihre Motivation zu lähmen), andererseits aber auch von den Fachleuten zu verlangen hat, dass sie zu einer verständlichen Ausdrucksweise (in Wort und Plan) finden und sich zugleich konstruktiv mit den Alltagserfahrungen der Bürgerinnen und Bürger auseinandersetzen.

Wer für andere spricht und ihre Interessen wahrnimmt, gerät leicht in Gefahr, seine »Klientel« zu bevormunden. Diese Gefahr wird umso größer, je weniger deutlich die Interessenartikulation der betreuten Gruppe ist. Um diese Gefahr zu meiden, sind folgende Aspekte wichtig:

  • Die Anwaltsplanung muss davon ausgehen, dass die von ihr betreuten Gruppen über eigene soziale Kompetenzen verfügen. Es gilt lediglich ihre Position in fachlichen Auseinandersetzungen zu stärken. Wo Teile der Bevölkerung noch nicht soweit organisiert sind, dass sie eigenständig an den Auseinandersetzungen teilnehmen, ist Hilfe zur Selbsthilfe (enabling, empowerment) sinnvoll: Ein Zusammenwirken mit der Gemeinwesenarbeit bietet sich hierbei an (vgl. z.B. Drehsen 2002).
  • Bei divergierenden Interessen innerhalb ihrer Klientel muss die Anwaltsplanung den Diskussionsprozess fördern und durch Moderations- und Mediationstechniken gemeinsame Problemlösungen unterstützen.
  • Anwaltsplaner müssen gut zuhören und sich auch »zurücknehmen« können. Anwaltsplanung nimmt den von ihr betreuten Gruppen keine Verantwortung ab, soll sie keinesfalls entmündigen, sondern ihre soziale Kompetenz aufgreifen und fördern.

Vor diesem Hintergrund gilt generell:

  • Rolle und Funktion der Anwaltsplanung müssen ständig überprüfbar sein, um sie vor Fehlentwicklungen (Verselbstständigung, Dominieren der betreuten Gruppen etc.) zu bewahren. Selbstreflexion ist ebenso notwendig wie die kritische Begleitung (etwa durch einen Beirat).

 

Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Bochnig, Stefan: Planungsbeteiligung und Selbsthilfe in der Freiraumplanung – Das Beispiel der Sanierung in Linden-Süd. In: Jessen, Johann (Hrsg.): Nutzerbeteiligung und Wohnversorgung. Oldenburg 1985, S. 54–72

Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover: Seit 26 Jahren ... Entwicklung der Anwaltsplanung und anderer Beteiligungsformen in Hannover. Bausteine zur Planungskultur. Hannover 1998.

Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover: Werkstatt für Bürgerbeteiligung, Fünf Jahre Bürgerbüro Stadtentwicklung Hannover. Rückblick, Erfahrungen, Ausblick. Hannover 2001.

Davidoff, Paul: Anwaltsplanungsprinzip und Pluralismus in der Planung. In: Lauritzen, Lauritz (Hrsg.): Mehr Demokratie im Städtebau. Hannover 1972.

Drehsen, Hedwig: Empowerment – methodische Befähigung von Bewohnern in der ehrenamtlichen Stadtteilarbeit (Essen). In: Pröhl, Marga / Sinning, Heidi / Nährlich, Stefan (Hrsg): Bürgerorientierte Kommunen in Deutschland, Anforderungen und Qualitätsbausteine. Gütersloh 2002, S. 335 f.

Joppke, Manfred / Kuklinski, Oliver: Anwaltsplanung im Stadtteil – Die Mühen erweiterter Bürgerbeteiligung zur Weltausstellung EXPO 2000. In: Bühler, Theo (Hrsg.): Bürgerbeteiligung und Demokratie vor Ort. Stiftung MITARBEIT, Bonn 1997, S. 123–135.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Prof. Dr. Klaus Selle
Lehrstuhl für Planungstheorie und Stadtplanung
RWTH Aachen
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