Die Bürgerausstellung

Seite 2: Neue Rollen übernehmen, Ausstellung als Bühne und Katalysator

Das Angebot und die Übernahme neuer Rollen durch Akteure

In der Bürgerausstellung werden den Beteiligten ungewöhnliche, neue, aber attraktive Rollen angeboten. Allein die Erwartungen aus diesen neuen Rollen fordert und fördert Handlungen und Fähigkeiten der Akteure, die sie häufig nicht zu nutzen gewohnt sind. Diese führen zu einem Empowerment-Erlebnis.
Die Bürger kommen dadurch zum einen in die Position des politisch Beteiligten. Zum anderen wird durch die Ausstellung ihre Rolle als Repräsentanten ihres Stadtteils und ihres politischen Anliegens unterstrichen. Sie sind Gastgeber der Ausstellung. Die Ausstellungsstücke sind Porträts von Innenansichten, Bedürfnissen, Problemen, politischen Zielen, für die sie Experten sind.
Des Weiteren kommt den Bürgern die Rolle des Fotografen zu. Die Beteiligten suchen selbst nach den Motiven, die ihre Lebenssituation veranschaulichen.

Die Ausstellung als Bühne und Katalysator

Die Bürgerausstellung hat eine starke öffentlichkeitswirksame Funktion: Sie liefert die »Bühne« für das Beteiligungsverfahren. Die Beteiligten können ihre Anliegen hier öffentlich »inszenieren«. Das hat sowohl eine Wirkung nach innen, indem die Beteiligten sich treffen und austauschen können. Die Wirkung nach außen ist die Möglichkeit der Öffentlichkeit, sich über die Anliegen zu informieren und in den Prozess einzusteigen. Weiterhin kann durch die Einladung politischer Repräsentanten und der Presse eine Öffentlichkeitswirkung über die direkte Nachbarschaft hinaus erreicht werden.

Die Ausstellungsmethode ist flexibel anzuwenden. Zentral dabei ist immer, dass Vertreter von allen beteiligten Interessengruppen befragt und in der Ausstellung dargestellt werden, um den Perspektivenaustausch zu ermöglichen. Die Ausstellung sollte immer »vor Ort« durchgeführt werden, also dort, wo der Planungsprozess stattfindet und wo die Bürger damit befasst sind.
Der Aufwand richtet sich nach Größe des Planungsprozesses, nach der Zielgruppe und nach den vorhandenen Ressourcen. In der Regel genügt es, zwei bis drei Vertreter jeder beteiligten Interessengruppe (etwa Bürgerinitiative, Stadtverwaltung, Investoren) zu befragen. Es geht hier nicht um die Repräsentativität der Meinungen. Es geht viel mehr um die Kontrastierung unterschiedlicher Sichtweisen, um zentrale Zielkonflikte und abweichende Visionen zu umreißen. Weitere Meinungen können etwa bei der Ausstellungseröffnung durch die Koppelung mit Gruppendiskussionen oder anderen Beteiligungsverfahren ergänzt werden.
Der Bedarf an Materialien ist überschaubar: Für die Interviews ist ein Tonbandaufnahmegerät notwendig, um hinterher exakte Zitate der Befragten auswählen zu können. Für die Fotos werden Kameras benötigt. Fotografieren die Beteiligten selbst, bieten sich Einmalkameras an.
Die Erstellung der Ausstellungsbilder kann unterschiedlich aufwendig gehandhabt werden. Das Minimalmodell sind Poster, die mit den Zitaten der Befragten bedruckt werden. Die Fotos werden wie bei einer Collage dazu geklebt.
Professioneller wirkt die Ausstellung, wenn die gesamten Poster einheitlich gelayoutet werden, Fotos und Text digital verarbeitet und auf einem großen Plotter ausgedruckt werden. Bei den bisherigen Ausstellungen wurden A-0 Poster verwandt. Diese können entweder gerahmt oder auf Holz oder Pappe aufgezogen werden.
Neben den beteiligten Akteuren ist die Beteiligung von Sozialwissenschaftlern (Interviews und Interviewauswertung) und Fotografen (Fotos und Design) hilfreich für eine professionelle Durchführung der Bürgerausstellung. Alle Aufgaben können aber auch selbstorganisiert von den Bürgern durchgeführt werden.
Der Ausstellungsort hängt stark von der Zielgruppe ab. Soll vor allem die Öffentlichkeit angesprochen werden, bietet sich z.B. öffentlicher Raum, etwa ein Marktplatz oder eine Mauer an einer Straße, an. Soll ein »offiziellerer« Austausch initiiert werden, zu dem Investoren und Politiker eingeladen werden, so erreicht man diese meist nur, wenn die Ausstellung in einem etwas formelleren Rahmen stattfindet, wie etwa im Rathaus.

Mit ihren Hauptwirkungsweisen – der Erweiterung der sprachlichen um visuelle Elemente in der Kommunikation, die Übernahme neuer Rollen durch die Akteure und die Schaffung einer »Bühne« für die Anliegen der Beteiligten – liefert die Bürgerausstellung ein wirksames Instrument für Beteiligungsprozesse.
Dennoch ist auch auf Schwächen des Verfahrens hinzuweisen, deren Lösung weiterer Überlegungen bedarf. In Teilen des Verfahrens sind die Bürger doch nur »Befragte« und »Fotografierte«. Zukünftig sollten daher insbesondere zwei Verbesserungsmöglichkeiten beachtet werden: die Koppelung der Ausstellung mit weiteren partizipativen Elementen und die Übernahme des Fotografierens und anderer künstlerischer Visualisierungsmöglichkeiten durch die Bürger selbst.
Am Ende des Verfahrens sind zwar Probleme und Lösungsmöglichkeiten identifiziert, es liegt aber kein konkreter Handlungsplan vor. Auch hier sollte die Anschlussfähigkeit bestehender Verfahren geprüft werden. Geeignet wären flexible und wenig zeitaufwändige Verfahren, die auf konkrete Handlungsschritte und Veränderungsvorschläge abzielen. So könnte im Anschluss an die Ausstellungseröffnung etwa eine verkürzte Zukunftswerkstatt mit Fokus auf der Realisierungsphase angeboten werden. Alternativ könnte ein dreidimensionales »Planning for real«-Modell die Bürgerausstellung ergänzen und von den Besuchern nach eigenen Vorstellungen gestaltet und umgeplant werden.
Auch muss auf die Grenzen des Anwendungsbereichs hingewiesen werden. Die Bürgerausstellung ist ein starkes Instrument zur Erweiterung der Macht der Ideen, der Ressourcen, des Wissens und des Engagements. Die Ausstellung dient dem Verstehen, aber weniger dem Austragen eines Dissenses. Die Erweiterung von Entscheidungsmacht oder die Organisation von Protest kann in der Bürgerausstellung nur vermitteltes Ziel sein.
Ungeachtet zukünftiger Verbesserungsmöglichkeiten der Bürgerausstellung sei die Bedeutung der Koppelung von Text und Bild und damit die Unterstützung der Perspektivenübernahme und der Erweiterung des Verstehenshorizontes hervorgehoben.
Das künstlerische Resultat aus der Koppelung von Text und Bild erzeugt eine große Stärke der Bürgerausstellung: ein gewisses Maß an »Unbestimmtheit«. Dieses ist notwendig, um Kreativität freizusetzen. Die Darstellung der Ausstellung sollte so offen bleiben, dass die Betrachter neue Perspektiven gemeinsam entwickeln können. Eine reine Kunstausstellung wäre dazu nicht ausreichend in der sozialen Realität der Bürger verankert. Eine reine Dokumentation, die die Ausstellungsstücke dem Betrachter aus einer Sicht präsentiert, dass dieser sie entweder akzeptieren oder ablehnen kann, würde dessen Motivation zur Beteiligung reduzieren, weil er nur »ja« oder »nein« sagen kann. Das ließe keinen Raum für neue Lösungsideen und neue Kooperationen zwischen Stakeholdern. Die Bürgerausstellung mit ihrer künstlerischen Darstellung von realen Lebenssituationen dagegen lädt den Betrachter zur Beteiligung ein.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Hans‑Liudger Dienel
Malte Schophaus
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