Aktivierende Elemente in der Beratungstätigkeit

Seite 2: Konkrete Schritte der Methode, Stolpersteine

Konkrete Schritte der Methode

  • Ein Beratungsgespräch ist abgeschlossen. Der/die Gesprächspartner/in wird gefragt, ob sie bzw. er noch 10 Minuten Zeit hätte für ein anderes Thema, das nichts mit dem bisherigen Gespräch zu tun hat. Wichtig ist, dass deutlich wird, dass das vorherige Gespräch beendet ist und es jetzt um andere Gesprächsinhalte geht. Dazu ist es hilfreich, dass die Fachkraft gleich zu Beginn dieser Gesprächssequenz das eigene Gesprächsinteresse benennt, um dadurch Irritationen und Misstrauen vorzubeugen (typische Fragen der Befragten: »Warum wollen Sie dazu eigentlich was wissen? Was machen Sie eigentlich mit dem, was ich Ihnen erzähle?«). Das eigene Anliegen und der Sinn der kurzen Befragung sollten mit kurzen Erklärungen transparent gemacht werden.
  • Wir raten, mit einem »Mundöffner«, also mit einer einfach zu beantwortenden Frage zu beginnen. Das kann die Frage z.B. nach der Wohndauer sein, das können Anknüpfungspunkte aus der Lebenswelt der Person/en sein, etwa Themenbereiche wie Kinder, Freizeit, Verkehr etc.
  • Damit die Fachkraft Informationen über die subjektive Sichtweise des Gegenübers bekommt, ist es hilfreich, zunächst offene Fragen zu stellen (z.B.: Wie gefällt es Ihnen hier im Stadtteil? Was ist hier gut, was ärgert Sie? Was ist für Ihre Lebenssituation hier unterstützend, was hinderlich? Was ist das Besondere am Gebiet xy? Welche Ideen, Ansatzpunkte, Lösungsmöglichkeiten sehen Sie?; vgl. Hinte/Karas 1989, S. 41 ff.).
  • Erst am Ende oder bei zähen Gesprächssequenzen können von der Fachkraft Themen, Stichworte oder eigene Interessen angesprochen werden, da es hier um das Einholen konkreter Informationen geht. Gezielt werden Themenbereiche aufgegriffen, wie z.B. zur infrastrukturellen Situation des Umfeldes oder zu den Wohnbedingungen. Oder es werden Fragen zu speziellen Interessen der Fachkraft gestellt, wie etwa: »Ich suche für das bevorstehende Straßenfest noch Personen, die helfen können. Kennen Sie jemanden, der daran Spaß haben könnte?«
  • Sollte sich für die Fachkraft zu dem ein oder anderen Thema die Möglichkeit eines gemeinsamen weiteren Vorgehens herauskristallisieren, kann zur Mitarbeit eingeladen werden (»Dieses Thema und diese Idee habe ich in den letzten Wochen schon mehrmals hier gehört. Ich überlege, ob ich nicht diejenigen, die das auch benannt haben, hierher einlade, um gemeinsam zu besprechen, ob und wie wir diese Idee weiterentwickeln könnten. Hätten Sie Interesse an so einem Treffen?«).

Stolpersteine auf dem Weg zu einer solchen Kurzbefragung

  • Damit nicht die Vermutungen der Fachkräfte von Anfang an das Gespräch lenken, ist es erforderlich, zu Beginn möglichst viele offene Fragen zu stellen. Ansonsten werden lediglich die Vermutungen der Professionellen abgecheckt und wichtige Themen des Gegenübers kommen gar nicht zur Sprache, da diese nicht auf der Checkliste des Professionellen standen. Von daher: Vorsicht vor geschlossenen Fragen (ja/nein – Antworten, wie z.B.: »Finden Sie den Spielplatz (Stichwort!) gut?«) und vor suggestiven Fragen (z.B. »Sie finden die Freizeitangebote (Stichwort!) bestimmt auch langweilig, oder?«).
  • Wenn Ansichten beschrieben werden, die nicht denen der Fachkraft entsprechen, dann gilt es, zuzuhören und nicht Diskussionen anzufangen. Wenn die Fachkraft einlädt, subjektive Sichtweisen zu erzählen, dann dürfen diese später nicht Gegenstand einer Diskussion sein, in der es um die »richtige« oder »falsche« Sichtweise  geht. Der Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin bleibt Expert/in für die subjektive Sichtweise hinsichtlich des Sozialraums, in dem er/sie lebt.
  • Damit Professionelle ein klares Bild von den subjektiven Sichtweisen des Gegenübers erhalten, wird interessiert bei eher abstrakten Beschreibungen nachgefragt. Professionelle füllen diese Beschreibungen nicht mit eigenen Bildern auf, sondern laden zur Konkretisierung ein, z.B. wird nachgefragt, was unter einem langweiligen Freizeitangebot oder einer guten Nachbarschaft verstanden wird.
  • Wenn Unzufriedenheiten bezogen auf den Sozialraum benannt werden, fragt die Fachkraft nach Wünschen und Ideen zur Veränderung. »Welche Wünsche, Ideen, Ansatzpunkte, Lösungsmöglichkeiten sehen Sie? Wie würde es aussehen, wenn Sie zufrieden wären?« Auch hier ist es wieder wichtig, diese Ideen so weit wie möglich zu konkretisieren, da sonst nicht die »wirklichen« Bedürfnisse des Gegenübers zum Vorschein kommen.
  • In Gesprächspassagen, bei denen es um Ideenbereiche und Umsetzungsmöglichkeiten geht, ist es wichtig, ein Spektrum von Möglichkeiten abzufragen und nicht nach dem Motto zu verfahren: »Wenn Sie unzufrieden sind, dann müssen Sie doch auch gewillt sein, selbst aktiv zu werden!« Es darf nicht sein, dass die Gesprächspartner/in quasi darauf festgelegt wird, jetzt aber selbst etwas tun zu müssen. Um ein Spektrum von Möglichkeiten abzuklopfen, kann man danach fragen, ob in der Vergangenheit schon Lösungsmöglichkeiten ausprobiert wurden. Von wem? Wenn nicht, wer sollte oder könnte nach Meinung des Gegenübers aktiv werden? Und es gilt, das Interesse des Gegenübers zur Mitarbeit abzufragen. Wären Sie bereit, mitzumachen, wenn wir das Thema xy anpacken? Wenn ja, in welcher Form würden Sie sich beteiligen? Oder gibt es andere Bereiche, in denen Sie gern aktiv werden wollen?
  • Umgekehrt besteht gerade bei dem Thema »Ideen und Umsetzungsmöglichkeiten« die Gefahr, dass die Befragten auf Grund der Befragung glauben, Professionelle würden nun allein dafür sorgen, dass die ausgesprochenen Veränderungswünsche verwirklicht werden. Aus dem Blickwinkel der befragten Person stellt sich sonst schnell die Frage: »Warum erzähle ich Ihnen das alles, wenn SIE das doch sowieso  nicht verändern?« Damit dieser Eindruck nicht entsteht, ist es wichtig, den Aufgabenbereich und den Handlungsspielraum der Professionellen im Gespräch transparent und nachvollziehbar darzustellen und die Funktion der Fachkraft zu klären (etwa bei Informationsweitergabe, Initiierung, Aufbau, aktiver Beteiligung, Vermittlung etc.). Um keine »falschen« Erwartungen aufkommen zu lassen, ist es besonders wichtig (wie oben beschrieben), den Sinn der Befragung klar und konkret zu beschreiben.