Aktivierende Befragung

Seite 2: Organisatorische Rahmenbedingungen, Bewertung

Organisatorische Rahmenbedingungen

Eine Aktivierende Befragung sollte nur von Menschen durchgeführt werden, die sich umfassend mit der Philosophie der Aktivierung und des Empowerments (Stark, 1993, 41 ff.) beschäftigt haben. Dazu gehört eine innere Haltung , die nicht »helfen« will, sondern neugierig ist auf die Meinungen und Sichtweisen der Befragten und  überzeugt davon, dass vor allem deren eigenes Handeln nachhaltige Wirkungen erzeugen wird.

Außerdem ist wichtig, dass

  • den Befragten die Entscheidung überlassen bleibt, zu welchen Fragen und Inhalten sie sich engagieren wollen;
  • die Ergebnisse zuallererst den Befragten und nicht dem Auftraggeber oder sonstigen Institutionen gehören;
  • die Interessen der Beteiligten transparent gemacht werden und darüber informiert wird, wer hier mit welchem Ziel und welchem Interesse fragt und wer Zugang zu den Ergebnissen hat;
  • es eine Perspektive für die Zeit nach der Befragung gibt, in der die Befragten bei möglichen gemeinsamen Aktivitäten weiterhin Unterstützung und Begleitung erhalten können;
  • die Befrager/innen für ihre Aufgabe qualifiziert vorbereitet, trainiert und dabei begleitet werden und zumindest teilweise auch weiter in diesem Gebiet tätig sein werden.

Bewertung

In der Regel werden je nach Größe des Gebietes und Umfang der geplanten Befragung zusätzliche Befrager/innen als Honorarkräfte benötigt. Bewährt haben sich Anfragen an Fachhochschulen/Fachakademien der Sozialpädagogik/Sozialarbeit, die so etwas auch gern als Praxisprojekt durchführen. Die Befragungsaktion sollte innerhalb eines überschaubaren Zeitrahmens abgeschlossen werden.

Besondere Chancen dieser Vorgehensweise sehe ich in Wohnvierteln, die vor allem als »Problemgebiete« angesehen werden. Gerade hier zeigen sich, wenn man sich konsequent auf den Blickwinkel der Bewohner/innen einlässt, meist völlig neue Perspektiven über den Hintergrund der Probleme, und es kommen unerwartete Ressourcen ans Licht. Allerdings ist auch zu warnen vor überzogenen Erwartungen und Ansprüchen. Bei verbreiteter Ohnmachtserfahrung und Apathie oder bei sehr komplexen Problemzusammenhängen kann eine Aktivierende Befragung die Probleme allein nicht lösen. Es bedarf verschiedener Schritte und einer längerfristigen Strategie, um Partizipation und Beteiligung von Benachteiligten zu verwirklichen (Lüttringhaus/Richers 2003: i.E.).

Wichtige Fragestellungen zum Einsatz der Aktivierenden Befragung:

  • Besteht Offenheit für die Sichtweise der Befragten – oder wird das Thema bereits vorgegeben?
  • Wird mitgedacht und respektiert, dass es unterschiedliche Gründe gibt, weshalb sich Menschen, trotz geäußerter Unzufriedenheit, engagieren oder auch nicht?
  • Gibt es die Möglichkeit (Finanzierung!), längerfristig mit der befragten Zielgruppe bzw. mit den neu entstandenen Aktionsgruppen begleitend zu arbeiten?
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Dr. Maria Lüttringhaus
Gervinstr. 6
45144 Essen
E-Mail: ml@luettringhaus.info

Angelika Streich
Institut für Stadtteilbezogene Soziale Arbeit und Beratung der Uni Essen
Telefon: (02 01) 2 72 02 40
E-Mail: issab@uni-essen.de
www.uni-essen.de/issab