Mediation

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Bewertung

  • Wann war ein Mediationsverfahren erfolgreich? Zunächst würde man sagen: Wenn die zerstrittenen Verfahrensbeteiligten einen Konsens gefunden haben. Dies wäre jedoch nur eine sehr formale Betrachtung ohne Einbezug von Qualitäten. Es empfiehlt sich, am Beginn einer Mediation Erfolgskriterien zu diskutieren und gemeinsam festzulegen. Denn: Welchen Wert hat ein erzielter Konsens, wenn er evtl. im kleinsten gemeinsamen Nenner besteht, der wichtige Bereiche ausklammert, auf einem abstrakten Niveau verbleibt, fachliche Mängel aufweist oder gar auf Kosten (nicht anwesender) Dritter oder der Allgemeinheit geht? Was nutzt ein in der Mediation erzielter Konsens, wenn die Vermittlung in die eigentlichen Entscheidungsgremien nicht gelingt, er politisch nicht übernommen und damit nicht umgesetzt wird? Wäre dies auch Bestandteil eines Erfolges? Wäre nicht auch ohne Konsens eine tiefe Durchdringung des Themas, das Aufzeigen der Vor- und Nachteile, der Folge- und Nebenwirkungen, der Betroffenheiten und der Konfliktlandschaft eine wichtige Information für Entscheider (in Politik und Verwaltung) und damit auch ein Erfolg? Ist nicht auch ohne Konsens die Tatsache, dass bisher erbitterte Kontrahenten sich einige Sitzungen lang zugehört und ausgetauscht haben und gegnerische Interessen verstehen (nicht übernehmen!) ein Erfolg, ein Erfolg in »neuer Streitkultur« und praktischer, gelebter Demokratie mit positiven Wirkungen für das gesellschaftliche »Klima«?
  • Mediation ist nicht für alle Konfliktarten gleichermaßen geeignet: Sehr gut für Interessenkonflikte und Beziehungskonflikte, zu aufwendig für Sachkonflikte, für Strukturkonflikte und für Wertkonflikte nur geeignet, wenn Gestaltungsräume und Verhandlungsmöglichkeiten vorhanden sind.
  • Allgemeine Themen eignen sich schlechter für eine Mediation, die ein eher konkretes, abgegrenztes, in Alternativen gestaltbares Thema mit Verhandlungsspielraum braucht. Der Prozess darf nicht an Vorbedingungen und Tabus geknüpft und er muss ergebnisoffen sein.
  • Verfahrensinterne Probleme stellen sich etwa im Hinblick auf den hohen Arbeits- und Zeitaufwand sowie auf in Teilen ungünstige und ungleiche Ressourcenvoraussetzungen der jeweiligen Beteiligtengruppen. Darüber hinaus ergeben sich Probleme der Informationsrückkopplung und der Willensbildung in den Teilnehmergruppen.
  • Eine wesentliche Erfolgsbedingung für das Mediationsverfahren liegt in der Fähigkeit der einzelnen Gruppen und deren Vertreter im Prozess, Informationen zu verarbeiten, Zielprioritäten zu bilden und mögliche Lösungswege innerhalb der Herkunftsgruppe und in den Verhandlungsrunden zu beschreiben. Teilnehmer haben jedoch wiederholt Informationsüberbelastung als wesentlichen Nachteil des Verfahrens benannt.
  • Um Mediationsverfahren bei Umweltkonflikten nutzen zu können und Ergebnisse von Verhandlungen zwischen Konfliktparteien zu implementieren, muss die Einbindung der Verfahren in politische und administrative Entscheidungsprozesse gewährleistet sein. Dabei stellt sich die offene Frage, ob dafür neue Rechtsregelungen gefunden werden müssen oder ob eine »Verrechtlichung« von Mediation nicht nur nicht nötig, sondern sogar kontraproduktiv ist.
  • Ein Großteil der bisher durchgeführten Verfahren wirkte als »End-of-Pipe-Sozialtechnologie«; d. h. weitgehend eskalierte und scheinbar aussichtslose Situationen waren Motivation, die Mediationsmethode zu nutzen. Mediation muss jedoch nicht zwangsläufig am Ende einer Kette erfolgloser Lösungsversuche stehen, sondern kann ihr Potenzial gerade im Vorfeld administrativer und politischer Entscheidungsprozesse entfalten. Diese Möglichkeit ist bisher zu wenig genutzt worden.
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Reinhard Sellnow
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