Mediation

Mediation ist ein freiwilliges Verfahren der Konfliktlösung, das in den 1970er Jahren in den USA entwickelt wurde. Dabei sollen die streitenden Parteien durch die Vermittlung eines neutralen, unparteiischen Dritten – des Mediators – darin unterstützt werden, Problemlösungen selbst zu entwickeln, die von allen Parteien akzeptiert werden. Die Beteiligten bleiben die Herren ihres Problems. Ihnen wird keine Entscheidung diktiert, sondern sie sind es selber, die eine Lösung finden. Hierzu gilt es, die Eigenverantwortlichkeit der Konfliktparteien zu unterstützen und zu fördern, indem sie selbst Lösungsoptionen erarbeiten und über diese frei entscheiden (und nicht ein Dritter wie etwa ein Richter).

Erfolgsvoraussetzungen

Diese Sichtweise auf ein Problem und seine mögliche Lösung ist nicht selbstverständlich. Deshalb gehört zu den zu prüfenden Erfolgsvoraussetzungen eines Mediationsverfahrens:

  • ein Verhandlungs- und Einigungswille bei den Konfliktparteien
  • ein Konsensgestaltungsraum im Konflikt (Wertkonflikte, wie z. B. Atomkraft, Gentechnik oder Abtreibung sind nicht verhandelbar)
  • eine vorhandene und tauschbare Macht bei den Verhandlungspartnern
  • eine fachlich-inhaltliche, aber auch soziale und formale Kompetenz (Logik, Abstraktionsvermögen) bei den Beteiligten
  • die Sicherstellung der Verbindlichkeit des Verhandlungsergebnisses für jede Gruppe
  • ein dringender Handlungsbedarf.

Die Besonderheiten eines Mediationsverfahrens lassen sich an Verfahrensprinzipien festmachen, wie:

  • Selbstverantwortlichkeit: Die Parteien sind die Experten ihres Konfliktes. Sie selbst wissen besser als jeder andere, wie er entstanden ist und wie er zu lösen ist. Die Mediation gibt ihnen lediglich den für die Konfliktlösung erforderlichen Rahmen.
  • Freiwilligkeit: Niemand darf zu einem Mediationsverfahren gezwungen werden. Mediation kann nur dann Erfolg haben, wenn die Parteien in ihrer Selbstbestimmung nicht beschränkt sind und jeder Beteiligte jederzeit aus dem Verfahren wieder aussteigen kann.
  • Ergebnisoffenheit: Es darf nicht von vornherein feststehen, welches Ergebnis erreicht werden soll. Nur dann sind die Konfliktparteien in der Lage, kooperativ miteinander zu verhandeln und sich auf den anderen einzulassen.
  • Neutralität und Allparteilichkeit des Mediators: Anders als ein Richter hat ein Mediator keine vom Staat zugewiesene Autorität. Deshalb muss er von allen Konfliktparteien als inhaltlich neutraler Führer durch das Verfahren ohne inhaltliche Entscheidungskompetenz anerkannt werden. Der Mediator setzt sich aber für die Belange und Interessen aller Konfliktparteien ein, in diesem Sinne ist er »allparteiisch«.
  • Informiertheit der Beteiligten: Alle Parteien müssen über die entscheidungserheblichen Tatsachen umfassend Bescheid wissen, um eine eigene Entscheidung überhaupt treffen zu können und um diese auch in Zukunft zu akzeptieren. Alle Beteiligten sollten deshalb in gleicher Weise Zugang zu allen streitrelevanten Informationen haben.
  • Vertraulichkeit: Die Konfliktparteien verpflichten sich, alle im Mediationsprozess offen gelegten Tatsachen und Begebenheiten strikt vertraulich zu behandeln.
Blickwinkel der verschiedenen Akteure zum Hauptplatz Landsberg. Alle sitzen im übertragenden Sinne an einem runden Tisch.
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Die »neutralen Mediatoren«, die das Vertrauen aller Beteiligten genießen, sollten möglichst folgende Anforderungen erfüllen:

  • Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber allen Verfahrensbeteiligten und vorgebrachten Argumenten. Die Abgrenzung der Inhalte, Rahmenbedingungen und Verfahrensformen sollten zu Beginn verhandelbar sein.
  • Verlässlichkeit der Person bei Absprachen, keine Tricks, Wahrung der Vertraulichkeit, der Regeln sowie eine allparteiliche Art der Verhandlungsführung.
  • Offenlegung der jeweils angewandten Methoden, Ziele und Arbeitsschritte und das Bemühen, in den ausgetauschten Positionen und Argumenten für größtmögliche Transparenz zu sorgen.
  • Sie leiten das Verfahren und tragen die Verantwortung für dessen ordnungsgemäßen Ablauf, sorgen für eine faire Streitkultur, die Einhaltung der »Spiel«-Regeln usw.
  • Kenntnis und Erfahrung in Methoden der Kommunikation (Gesprächsführung, Diskussion, Streitgespräch), der Verhandlung und des Konfliktmanagements. Sie sollten für ein gutes »Klima« sorgen, einen konstruktiven Dialog ermöglichen, Argumente spiegeln, ggf. umformulieren, »Schwache« zu Wort kommen lassen, Machtungleichgewichte ausgleichen, Vorurteile, »Aneinandervorbeireden« und »Missverständnisse« erkennen und aufklären, persönliche Angriffe unterbinden, Darlegungen zusammenfassen und Synthesen bilden, Gestaltungsräume für Konsense erkennen und herausarbeiten; helfen, dass die Parteien sich ihrer Interessen bewusst werden, Optionen entwickeln und bewerten sowie kreative, eigene Lösungen entwickeln können. Hierfür sollten Unterbrechungen mit Einzelgesprächen angeboten werden. Dabei muss die »Ordnung« der Verhandlung aufrechterhalten bleiben.
  • Die Mediatoren müssen persönlich unabhängig vom Auftraggeber arbeiten (keine Weisungen oder Ergebnisvorgaben). Sie dürfen keine eigenwirtschaftlichen Interessen am Ausgang des Konfliktes haben. Sie arbeiten im Thema neutral (können also auch nicht gleichzeitig Gutachter oder Berater sein) und unparteiisch, d. h. allen Verfahrensbeteiligten gegenüber gleichermaßen aufgeschlossen und zugewandt. Sie sind zuständig für das methodische Vorgehen, die Teilnehmer sind zuständig für den Inhalt.

Als Mindestspielregeln haben sich bewährt:

  • Die Teilnahme erfolgt freiwillig.
  • Die persönliche Integrität und die Wertvorstellungen der Teilnehmer werden respektiert. Persönliche Angriffe werden nicht toleriert.
  • Jeder bemüht sich, die andere Seite ausreden zu lassen und währenddessen aufmerksam zuzuhören.
  • Entscheidungen werden nur von den Konfliktparteien selbst und eigenverantwortlich getroffen.
  • Die Vertraulichkeit aller Äußerungen in den Sitzungen wird gewahrt.
  • Die MediatorInnen verhalten sich bezüglich des Problems neutral.

Darüber hinaus kann es – abhängig von der Größe und vom Thema des Verfahrens – noch zusätzliche Regeln geben, die den Umgang mit der Presse regeln, den Umgang mit Tonaufzeichnungen, Protokollführung, Rückbindung zu entsendenden Gruppen usw.

»Gute« Verhandlungen

Die Mediatoren sollen durch ihre Tätigkeit eine »gute« Verhandlung zwischen den Konfliktparteien ermöglichen. Diese sollte sich an drei Kriterien messen lassen: Sie sollte zu einer klugen, effizienten und gütlichen Einigung führen:

  • Eine »kluge« oder »vernünftige« Übereinkunft ist erzielt, wenn sie die legitimen Interessen jeder Seite in höchstmöglichem Maße erfüllt, gerecht und von Dauer ist sowie die Interessen der Allgemeinheit berücksichtigt.
  • Eine »effiziente« Übereinkunft ist erzielt, wenn sie ein günstiges Verhältnis von Aufwand und Ertrag aufweist bzw. zu preiswerten Lösungen führt.
  • Eine »gütliche« Übereinkunft ist erzielt, wenn sich die Beziehungen zwischen den Parteien verbessern, zumindest nicht verschlechtern.

Eine Suche nach dem »Kompromiss in der Mitte« oder ein Feilschen um Positionen, wie auf einem Basar, verfehlt diese Grundkriterien.

Wie läuft eine Mediation ab?

Akteure des Forums Hauptplatz Landsberg sind der Stadtrat, Verwaltung und Vertreter/innen der Bürgerschaft.
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Mediationsverfahren folgen einer bewährten Struktur, die dazu beitragen soll, das Verfahren transparent und für alle Beteiligten nachvollziehbar zu machen. Der Mediator trägt die Verantwortung für die Einhaltung dieser Struktur. Grundsätzlich können folgende Phasen oder Arbeitsschritte unterschieden werden:

1. Vorbereitungsphase

  • Auffinden eines Mediators und Klärung von Vertragsformalien
  • Konsensuales Herausfinden der Verfahrensbeteiligten auf Grund von Betroffenheiten und Potenzialen zum Lösungsbeitrag
  • Klärung der Willigkeit der Beteiligten bezüglich der Teilnahme an einem Mediationsverfahren
  • Einarbeiten des Mediators in den Konflikt (Erstellung einer Problem- oder Konfliktanalyse aus der Positionen, Präferenzen und Interessen für alle Beteiligten transparent werden)
  • Aufklärung der Verfahrensbeteiligten über Mediationsverfahren und »Spielregeln«
  • Klärung der Rolle des Mediators
  • Sicherstellen des Zugangs zu allen Informationsquellen für alle Verfahrensbeteiligte (Motto: »für gleich lange Spieße sorgen«)
  • Sicherstellen der notwendigen Fachkompetenz (intern durch Verfahrensbeteiligte, extern ggf. durch Experten, Gutachter, Berater etc.)
  • Klärung von Gestaltungsräumen für einen Interessenausgleich
  • Zustimmung (ggf. schriftlich) aller Beteiligten zu dem Verfahrensmodell (Motto: »Wer nicht dahinter steht, macht nicht mit«)
  • Klärung des Umgangs mit den späteren Ergebnissen. Wer dokumentiert? Wer legt wem was vor? Wie öffentlich sind die Ergebnisse? Qualität und Bindung der Ergebnisse (bei Umweltmediationen sind häufig »nur« Empfehlungen möglich), Verhältnis zur Politik klären (Motto: »Gegen gute Argumente gibt es keine politischen Entscheidungen«, d.h. ein Mediationsergebnis wird nur mit offen gelegten, besseren Argumenten verändert oder abgelehnt).

2. Durchführungsphase

  • Gemeinsame Erstellung einer Themensammlung, über die gesprochen werden soll, und Verständigung über die Reihenfolge
  • Verständigung über zu erreichende Ziele und Kriterien der Zielerreichung (das ist nicht die inhaltliche Lösung, sondern ergibt die Messlatte, an der Lösungsalternativen später beurteilt werden können)
  • Herausarbeiten der Konfliktpunkte und Verständigung darüber (Konsens über den Dissens)
  • Erhebung und Wahrnehmung der zu Grunde liegenden Interessen (von Positionen zu Interessen kommen; Konflikterhellung/Konfliktvertiefung)
  • Auslotung von Handlungsspielräumen und Entscheidungsmöglichkeiten zum beiderseitigen Vorteil (win-win-Situation), kreative Ideen- und Lösungssuche, Bewertung der Lösungsoptionen.

3. Entscheidungs- und Umsetzungsphase

  • Gemeinsame Entscheidung für eine Lösungsoption, Verabredungen zur Umsetzung und Erfolgskontrolle, Absichern des Verhandlungsergebnisses (Protokolle, Vereinbarungen, Verträge), ggf. Unterschrift unter Mediationsvertrag, ggf. Präsentation des Ergebnisses auf Pressekonferenz und in Entscheidungsgremien (z. B. Stadtrat), Umgang mit künftigen Problemen klären, ggf. Evaluation des Verfahrens
  • Umsetzung der Ergebnisse

Lösungsspielräume

Jeder Fall ist individuell und einzigartig. Über die positiven Folgen der gemeinsamen Aufklärung von Missverständnissen, Vorurteilen, Denkmustern, eingeengter Wahrnehmung von Wirklichkeit sowie über die Einsichtsfähigkeit der Beteiligten in Interessenlagen Anderer und ihre Bereitschaft, diese in einer Lösung zu berücksichtigen, lassen sich verständlicherweise keine generellen Aussagen machen. Dennoch gibt es (hier am Beispiel der Umweltmediation) ein paar grundsätzliche Lösungsspielräume, die bei einer kreativen Lösungssuche zu prüfen sind:

  • Vermeidungsmaßnahmen
    Ziel ist es – insbesondere wenn der Aushandlungsprozess zu einem frühen Zeitpunkt beginnt – unnötige Belastungen und Auswirkungen einer Maßnahme zu vermeiden. Dies könnte eine Frage der Dimensionierung von Anlagen sein, aber auch eine Verringerung von Belastungen an einem bestimmten Ort durch großflächige Verteilung (Regionalisierung)
  • Schutzmaßnahmen
    Es könnte Einigung darüber erzielt werden, dass der Vorhabenträger Schutzmaßnahmen für Betroffene akzeptiert, die die gesetzlichen Anforderungen übersteigen. Hierzu gehören: die Unterschreitung von Grenzwerten, besondere Schutzvorrichtungen, Überprüfungs- und Nachbesserungspflichten, Einblick in betriebsinterne Unterlagen, besondere Begehungsrechte, Veröffentlichung von Messergebnissen, die Beteiligung Betroffener an der Anlagenkontrolle.
  • Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen
    Denkbar sind auch Lastenausgleichsmaßnahmen über die rechtlichen Verpflichtungen hinaus. In Analogie zu derartigen Maßnahmen im Naturschutzrecht kommen hier insbesondere Maßnahmen außerhalb des jeweiligen Betriebsgeländes in Betracht (z.B. Gewässerschutz, Lärmschutz, Gesundheitsschutz).
  • Kompensationsleistungen
    Hierdurch werden nicht Belastungen vermieden oder vermindert, sondern es wird der Versuch unternommen, sie durch Vorteile anderer Art auszugleichen.  Es kann sich direkt um Geldzahlungen für eintretende Wohnwertverluste handeln, aber auch um die Finanzierung von öffentlichen Gemeinschaftseinrichtungen, wie Freibad, Bürgerhaus, Kindergarten usw.

Die Mediations-Methode ist ein in den letzten Jahren immer stärker ins öffentliche Interesse rückendes Verfahren der Konsensfindung für miteinander streitende Personen oder Gruppen. In Deutschland ist sie im Bereich der Partnerkonflikte (Scheidungen, Sorgerechtsfragen), im Täter-Opfer-Ausgleich und im Schulbereich bereits anerkannt und häufig eingesetzt. In den Bereichen Nachbarschaftsmediation, innerbetriebliche Mediation in Unternehmen und Organisationen sowie Umweltmediation beginnt sie sich zu etablieren.

Als Umweltmediation wird sie in Deutschland etwa seit 1988 erprobt (Mülldeponie Münchehagen, Niedersachsen) und hat es seither auf rund 50 Verfahren gebracht (definitionsabhängig), davon die Hälfte im Themenbereich »Abfall«, ein Viertel im Bereich »Altlasten, Deponien, Umweltschäden« und ein letztes Viertel in den Bereichen Naturschutz, Verkehr, Chemie usw.

Zu den Besonderheiten der Umweltmediation im Vergleich zu anderen Mediationsanwendungsfeldern zählen typischerweise folgende Merkmale:

  • Vielparteienkonflikte
  • Arbeit mit großen Gruppen
  • Interessenvertretung oft durch Repräsentanten mit unterschiedlichen Mandaten
  • Komplexität der Konfliktthemen und -gegenstände
  • Entscheidungskompetenzen meist im politisch-administrativen Bereich
  • Konfliktaustragung im öffentlichen Bereich
  • Interpersonelle und interorganisatorische Konflikte
  • Ideologisch und weltanschaulich geprägte Wertekonflikte
  • Vielfältige und divergierende Interessenebenen
  • Macht- und Ressourcenungleichgewichte
  • Komplexe wissenschaftlich-technische Fragen mit hoher Unsicherheit
  • Unsicherer Ausgang eines möglichen Rechtsstreits

Die Mediation ist eine Methode der außergerichtlichen Konfliktlösung und verfolgt dabei die Ziele:

  • Konflikte werden von den Konfliktparteien selbst und nicht von Dritten geregelt oder entschieden
  • Es geht nicht in erster Linie um Vergangenheitsbewältigung, sondern um Zukunftsgestaltung
  • Maßgeblich hierfür sind die Interessen der Parteien und nicht formale Rechtspositionen
  • So sollte es zu Lösungen kommen, die beiden Seiten Vorteile bringen (win-win-Lösungen)
  • Garantie für ein faires Verfahren
  • Garantie für eine kompetente (realistische, machbare) Lösung

Organisatorische Rahmenbedingungen

Der Innenkreis aus Interessengruppen der Stadtgesellschaft disktutiert, während der Außenkreis aus Politik, Verwaltung und Sachverständigen beratend eingreift.
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Zu den organisatorischen Rahmenbedingungen gehören folgende Aspekte:

  • Die Teilnehmerzahl an Mediationsprozessen schwankt erheblich und ist abhängig von den Themen und Betroffenheiten. Von kleineren Teilnehmerkreisen ab 10 Personen bis zu 100 und mehr in Großverfahren reicht die Bandbreite. Bei großen Verfahren empfiehlt sich jedoch dann eine Gliederung in Arbeitskreise und Plenen oder auch in Innenkreis (unmittelbar Betroffene, die verhandeln) und Außenkreis (z. B. Politik, Verwaltung, Sachverständige, die eher beraten, rückmelden und sich selbst informieren). In intensiven Verhandlungsphasen ist es notwendig, dass sich die Teilnehmer ins Gesicht sehen, Mimik erkennen und ausreichend aufeinander reagieren können.
  • Die Dauer von Mediationsverfahren ist ebenfalls sehr unterschiedlich. Es gibt kompakte Verfahren, die – nach langer und guter Vorbereitung – nur ein bis zwei Tage oder ein einziges Wochenende brauchen, und andere, die sich über ein, zwei oder mehr Jahre hinziehen und insgesamt 50–100 Sitzungen umfassen. Dies hängt auch wesentlich davon ab, ob sich die Vertreter von Gruppeninteressen immer wieder mit ihren entsendenden Gruppen rückkoppeln müssen oder ob sie davon entbunden sind und zwar die Kompetenz und Interessenlage einbringen, aber nicht mehr verbindlich im Namen der Gruppe sprechen.

Organigramm des Mediationsverfahrens mit dem Forum Hauptplatz Landsberg als Ort, an dem Empfehlungen ausgearbeitet werden.
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  • Bezüglich Räumlichkeiten und Materialausstattung ist die Mediation eine Low-Tech-Methode, die Plenar- und Arbeitsgruppenräume braucht, Flipcharts, Pinnwände, Tageslichtprojektor, ggf. Beamer und Moderationsmaterial. In der Regel erfolgt die Teilnahme kostenlos und ehrenamtlich, was dann aber mindestens durch Getränke und ggf. einen Imbiss honoriert werden sollte. Zu den notwendigen Ressourcen gehört auch die Zugänglichkeit aller Verfahrensbeteiligten zu allen Informationen und Quellen.
  • Auftraggeber von Umweltmediationsverfahren sind in der Regel staatliche oder kommunale Körperschaften. Die Kosten werden in Zeiten knapper öffentlicher Kassen manchmal als hoch empfunden, müssen zur Bewertung aber in Relation gesetzt werden zum »Streitwert«, zur Dauer und zum ungewissen Ausgang von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Ein Maßstab für eine sinnvolle Kostenrelation könnte deshalb auch sein, was Alternativen zur Mediation kosten und was es kostet, wenn man nichts tut. Der Kostenrahmen sollte wegen der Ungewissheit der Dauer des Dialoges nicht zu knapp bemessen sein. Damit kein Freibrief für grenzenlose Diskutiererei ausgestellt wird, sollte es aber auch Meilensteine, Sollbruchstellen und Erfolgskriterien geben.
  • Die Einbindung in vorhandene politische und administrative Entscheidungsprozesse ist in der Regel nicht geklärt und muss im Vorfeld einzelfallbezogen sichergestellt werden. Da Umweltmediationsverfahren in den formalen Entscheidungsstrukturen nicht vorgesehen sind, können ihre Ergebnisse auch nicht rechtlich bindend sein. In der Regel haben sie daher empfehlenden Charakter. Damit sich teilnehmende Gruppen aber mit viel ehrenamtlicher Arbeit auf so einen Prozess einlassen, muss (als Teil der Verfahrensvereinbarung) der Umgang mit den Ergebnissen vorher befriedigend so geklärt sein, dass das Engagement einerseits lohnenswert erscheint, andererseits existierendes Verfahrensrecht nicht beschnitten wird, sondern die Empfehlungen von politischen und administrativen Entscheidungsgremien als Kompetenzzuwachs und echte Hilfe empfunden werden.

Bewertung

  • Wann war ein Mediationsverfahren erfolgreich? Zunächst würde man sagen: Wenn die zerstrittenen Verfahrensbeteiligten einen Konsens gefunden haben. Dies wäre jedoch nur eine sehr formale Betrachtung ohne Einbezug von Qualitäten. Es empfiehlt sich, am Beginn einer Mediation Erfolgskriterien zu diskutieren und gemeinsam festzulegen. Denn: Welchen Wert hat ein erzielter Konsens, wenn er evtl. im kleinsten gemeinsamen Nenner besteht, der wichtige Bereiche ausklammert, auf einem abstrakten Niveau verbleibt, fachliche Mängel aufweist oder gar auf Kosten (nicht anwesender) Dritter oder der Allgemeinheit geht? Was nutzt ein in der Mediation erzielter Konsens, wenn die Vermittlung in die eigentlichen Entscheidungsgremien nicht gelingt, er politisch nicht übernommen und damit nicht umgesetzt wird? Wäre dies auch Bestandteil eines Erfolges? Wäre nicht auch ohne Konsens eine tiefe Durchdringung des Themas, das Aufzeigen der Vor- und Nachteile, der Folge- und Nebenwirkungen, der Betroffenheiten und der Konfliktlandschaft eine wichtige Information für Entscheider (in Politik und Verwaltung) und damit auch ein Erfolg? Ist nicht auch ohne Konsens die Tatsache, dass bisher erbitterte Kontrahenten sich einige Sitzungen lang zugehört und ausgetauscht haben und gegnerische Interessen verstehen (nicht übernehmen!) ein Erfolg, ein Erfolg in »neuer Streitkultur« und praktischer, gelebter Demokratie mit positiven Wirkungen für das gesellschaftliche »Klima«?
  • Mediation ist nicht für alle Konfliktarten gleichermaßen geeignet: Sehr gut für Interessenkonflikte und Beziehungskonflikte, zu aufwendig für Sachkonflikte, für Strukturkonflikte und für Wertkonflikte nur geeignet, wenn Gestaltungsräume und Verhandlungsmöglichkeiten vorhanden sind.
  • Allgemeine Themen eignen sich schlechter für eine Mediation, die ein eher konkretes, abgegrenztes, in Alternativen gestaltbares Thema mit Verhandlungsspielraum braucht. Der Prozess darf nicht an Vorbedingungen und Tabus geknüpft und er muss ergebnisoffen sein.
  • Verfahrensinterne Probleme stellen sich etwa im Hinblick auf den hohen Arbeits- und Zeitaufwand sowie auf in Teilen ungünstige und ungleiche Ressourcenvoraussetzungen der jeweiligen Beteiligtengruppen. Darüber hinaus ergeben sich Probleme der Informationsrückkopplung und der Willensbildung in den Teilnehmergruppen.
  • Eine wesentliche Erfolgsbedingung für das Mediationsverfahren liegt in der Fähigkeit der einzelnen Gruppen und deren Vertreter im Prozess, Informationen zu verarbeiten, Zielprioritäten zu bilden und mögliche Lösungswege innerhalb der Herkunftsgruppe und in den Verhandlungsrunden zu beschreiben. Teilnehmer haben jedoch wiederholt Informationsüberbelastung als wesentlichen Nachteil des Verfahrens benannt.
  • Um Mediationsverfahren bei Umweltkonflikten nutzen zu können und Ergebnisse von Verhandlungen zwischen Konfliktparteien zu implementieren, muss die Einbindung der Verfahren in politische und administrative Entscheidungsprozesse gewährleistet sein. Dabei stellt sich die offene Frage, ob dafür neue Rechtsregelungen gefunden werden müssen oder ob eine »Verrechtlichung« von Mediation nicht nur nicht nötig, sondern sogar kontraproduktiv ist.
  • Ein Großteil der bisher durchgeführten Verfahren wirkte als »End-of-Pipe-Sozialtechnologie«; d. h. weitgehend eskalierte und scheinbar aussichtslose Situationen waren Motivation, die Mediationsmethode zu nutzen. Mediation muss jedoch nicht zwangsläufig am Ende einer Kette erfolgloser Lösungsversuche stehen, sondern kann ihr Potenzial gerade im Vorfeld administrativer und politischer Entscheidungsprozesse entfalten. Diese Möglichkeit ist bisher zu wenig genutzt worden.
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