Konfliktlösungskonferenz

Seite 4: Dritter Konferenztag: Lösungen, Vierter Konferenztag: Bürgergutachten
An mehreren Tischen diskutieren die Comic-Figuren. Auf den Tischen liegen Zettel.

Dritter Konferenztag: Einvernehmliche Lösungen entwickeln

Das dritte Treffen steht ganz im Zeichen des Findens einer einvernehmlichen Lösung. Es geht darum, die Interessen und Bedürfnisse aller Gruppen (siehe Ergebnisse erster Konferenztag) miteinander in Einklang zu bringen und dabei das objektiv Machbare (siehe Ergebnisse des zweiten Konferenztages) nicht aus den Augen zu verlieren. Dabei handelt es sich um einen mehrstufigen Prozess:

  • Die Teilnehmer beginnen mit dem Thema bzw. Themenaspekt, dem am ersten Konferenztag die höchste Priorität beigemessen wurde. Jede Interessengruppe ist aufgerufen, unabhängig voneinander einen konkreten Lösungsansatz auszuarbeiten und bestellt jeweils zwei Verhandlungsleiter.
  • Die Aufgabe der Verhandlungsleiter besteht darin, den Gruppenvorschlag an einem separaten Verhandlungstisch vorzustellen. Nachdem alle Parteien ihre Ideen präsentiert haben, können die Verhandlungsführer und Moderatoren ermitteln, wo inhaltliche Schnittpunkte liegen. Sollten genügend inhaltliche Schnittpunkte vorliegen, so können sich die Interessengruppen dem nächsten Thema bzw. Aspekt zuwenden. Sollten die inhaltlichen Schnittpunkte für eine einvernehmliche Lösung nicht ausreichend sein, überweist der Moderator entweder Teile des Entwurfes oder den ganzen Entwurf zur Überarbeitung an die Gruppen zurück.
  • Der Prozess des Hin- und Herüberweisens hält so lange an bis eine einvernehmliche Lösung gefunden wurde oder eine Interessengruppe das Fazit »keine Lösung möglich« zieht und die Verhandlungen abbricht. Der Prozess beginnt dann wieder von vorne mit dem nächsten Thema/Aspekt.

Eine wichtige Entscheidung, die die Interessengruppen treffen sollten, bevor sie die Entwürfe an die Verhandlungstische überweisen, betrifft das »Einigungsverfahren«. Es hat großen Einfluss auf die Arbeitsweise der Gruppen und die Form der Lösungsvorschläge. Drei klassische Verfahren (Abstimmung, Kompromiss und Konsens) und ein Sonderfall (keine Einigung) sind vorstellbar.

Der Sonderfall »keine Einigung« findet dann Anwendung, wenn das Ziel der Konferenz nicht darin besteht, eine Einigung herbeizuführen, sondern das Interesse der Auftraggeber darin besteht, von den Interessengruppen Lösungsvorschläge für aktuelle Probleme zu erhalten. In diesem Fall werden die Vorschläge einfach zu einem Bürgergutachten zusammengefasst und der Öffentlichkeit übergeben. Welche Ideen die politischen Entscheidungsträger letztlich aufgreifen, darauf haben die Bürger keinen Einfluss.

Die Abstimmung ist ein Verfahren, in dem jeder Teilnehmer mehrere Stimmen, die sich panaschieren und kumulieren lassen, auf die Lösungsvorschläge der Gruppen verteilt. Nachdem alle Vorschläge vorgestellt wurden und jede Interessengruppe die Möglichkeit hatte, die Entwürfe aus ihrer Sicht zu kommentieren, lassen sie sich einmal zur Überarbeitung zurücküberweisen. Soll eine Lösung überzeugen, muss sie also möglichst die Interessen aller Gruppen einfangen, denn es wird jener Entwurf in das Bürgergutachten eingearbeitet und veröffentlicht, auf den die meisten Stimmen entfallen.

Die Kompromissmethode hält die Interessengruppen an, Abstriche bei ihrer Ausgangsposition zu machen. Der Moderator sendet die Lösungsvorschläge bzw. jene Teile davon, für die noch kein einvernehmliches Ergebnis vorliegt, so lange zwischen den Verhandlungs- und Gruppenarbeitstischen hin und her, bis ein tragfähiger Kompromiss gefunden wurde. Im Unterschied zur Abstimmung stellt das Verfahren sicher, dass die Gruppen aufeinander zugehen und keine Formulierung Eingang in das Bürgergutachten findet, der zuvor nicht alle Interessengruppen zugestimmt haben.

Ein Konsens liegt dann vor, wenn alle Interessen, Wünsche und Bedürfnisse der Interessengruppen zu einem gemeinsamen Lösungsvorschlag verarbeitet werden konnten. Die Arbeitsgruppen sind insofern aufgerufen, Lösungsvorschläge zu unterbreiten, die alle Interessen in ein Konzept überführen. Darin liegt das zentrale Ziel von Konfliktlösungskonferenzen. Sie suchen nicht nur den Ausgleich, sondern sollen Lösungen erzeugen, mit denen alle Gruppen langfristig gut leben können. Es geht um Win-Win-Lösungen.

Die Konsensfindung fordert in aller Regel viel Zeit, viel Know-How und Kreativität. Hierfür braucht es verschiedene Moderationstechniken und man kann davon ausgehen, dass Lösungsvorschläge mehrfach überarbeitet werden müssen. Der Zeitaufwand für das kräftezehrende Ringen um Formulierungen, die alle Teilnehmer mittragen können, wird dabei häufig unterschätzt und die Organisatoren sind gut beraten, alles Notwendige für lange Nachtschichten bzw. einen zweiten Verhandlungstag vorzubereiten.

Vierter Konferenztag: Bürgergutachten öffentlich vorstellen

Der vierte Tag bildet den Höhepunkt einer Konfliktlösungskonferenz. Hier stellen die Interessengruppen ihr Gutachten der breiten Öffentlichkeit vor. Es spiegelt letztlich die Lebens- und Berufserfahrung der Teilnehmer zum Konferenzthema wieder. Im Vorfeld des vierten Konferenztages kommt den Organisatoren noch einmal eine wichtige Aufgabe zu. Sie sind dafür zuständig, die von den Interessengruppen erarbeiteten Vorschläge und Positionen zu einem in sich schlüssigen, für die Öffentlichkeit bestimmten Dokument zusammenzustellen.

Das Gutachten ist für die Politik nicht bindend, kann Entscheidungsträgern jedoch helfen, rechtzeitig Konfliktlagen und Lösungsoptionen zu erkennen. In den Diskussionen mit der Öffentlichkeit wird es deshalb wahrscheinlich auch um die Frage gehen, in welcher Form die Lösungsvorschläge von den Entscheidungsträgern aufgegriffen werden. Denn jede erarbeitete Lösung ist nur so gut wie ihre allgemeine Akzeptanz und die Qualität ihrer Umsetzung. Die Anwesenheit wichtiger Akteure aus Politik, Wissenschaft und Gesellschaft ist ein Erfolgsindikator.

Eine große Gruppe stellt einem gefüllten Auditorium und Vertretern der Presse etwas vor.
Symbol: »Literaturtipp« (ein stilisiertes geöffnetes Buch)

Dienel, Peter C.: Die Planungszelle, Die Bürger als Chance. 5. Auflage, 2005.

Dienel, Peter C.: Demokratisch – Praktisch – Gut, Merkmale, Wirkungen und Perspektiven von Planungszellen und Bürgergutachten. 2009.

Dulabaum, Nina L.: Mediation: Das ABC: Die Kunst, in Konflikten erfolgreich zu vermitteln. 5. Auflage, 2009.

Friedrich-Ebert-Stiftung (Hrsg.): Die Ursachen von Rechtsextremismus und mögliche Gegenstrategien der Politik, Dokumentation einer Bürgerkonferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, library.fes.de/pdf-files/do/04235.pdf. 2006.

Gesellschaft für Bürgergutachten (Hrsg.): Bürgergutachten für Gesundheit. In: www.buergergutachten.com/fileadmin/downloads/bg_gesundheit/buergergutachten_gesundheit.pdf. 2004.

Hartnett, Tim: Consensus-Oriented Decision-Making: The CODM Model for Facilitating Groups to Widespread Agreement. 2011.

Meuer, Dirk: Mediation und Planungszelle, Zwei diskursive Bürgerbeteiligungsverfahren im demokratietheoretischen Vergleich. 2008.

Moore, Christopher W.: The Mediation Process, Practical Strategies for Resolving Conflicts. 3rd edition, 2003.

Sandner, Frank E. A. / Rogers, Nancy H. / Cole, Sarah R. / Goldberg, Stephan B.: Dispute Resolution: Negotiation, Mediation, and Other Processes. 4th edition, 2004.

Symbol: »Autor« (ein stilisierter Füllfederhalter)

Dr. Jürgen Smettan
Dr. Peter Patze