Praxisbeispiel Netzwerk Soziale Stadt – Bildung und Soziales in Neckarsulm

Startpunkt für den Bürgerbeteiligungsprozess zum Thema »Bildung und Soziales« in Neckarsulm waren mehrere Gesprächsrunden mit einer heterogenen Bevölkerungsgruppe. Diese engagierten und konstruktiven Gesprächsrunden (ca. 4 Gruppen mit je 25 Personen) endeten mit dem Wunsch, trotz des misslungenen Agendaprozesses in Neckarsulm einen neuen Anlauf zur Bürgerbeteiligung in Gang zu setzen. Der inhaltliche Schwerpunkt wurde von allen Beteiligten auf die Aspekte »Bildung und Soziales« gelegt, ohne allerdings genau zu definieren, welche konkreten Herausforderungen und Aufgaben damit bewältigt werden sollten. Vor diesem Hintergrund wurde beschlossen, die Bürgerinnen und Bürger zu einem Beteiligungsprozess einzuladen und sich mit ihnen darüber zu verständigen, welche Themen ihnen beim Schwerpunkt »Bildung und Soziales« wichtig sind und zu welchen Arbeitsschwerpunkten sie sich engagieren möchten.

Als Einstieg in das Gespräch erarbeiteten über 140 Bürger/innen im Rahmen eines World Cafés zunächst die Inhalte und Themen und priorisierten sie nach Relevanz. Der U-Prozess wurde in einer übersichtlichen Form erläutert und die Arbeitsweisen dargestellt. Nach dem Auftaktabend wurden acht zentrale Themen und Aufgaben der Stadt Neckarsulm erarbeitet. Die Bürgerinnen und Bürger erklärten sich bereit, diese Themen auch weiter zu bearbeiten.

Folgende acht Themenschwerpunkte wurden zu den Aspekten »Bildung und Soziales« identifiziert:

  • Miteinander Leben und über verschiedene Generationen im Dialog sein
  • Migration und Integration: Neue Bürger - neues Denken und neues Handeln
  • Die Ehrenamtsbörse: Ehrenamt stärken, vernetzen, darstellen und koordinieren
  • Die Entwicklung eines Bürgerinformationsportals – Bürger helfen Bürgern
  • Sprechen/Sprache – Lernumgebungen gestalten
  • Ganztagsschule oder: den ganzen Tag Schule?
  • Bildungschance – Ausbildungsplatz
  • Bildung von Plattformen, bei denen ein Lernen voneinander ermöglicht wird – (Jung/ Alt).

Auf Wunsch der Bürgerschaft wurden später noch zwei Zukunftswerkstätten, diesmal als Ganztagsveranstaltungen zu folgenden Themen durchgeführt:

  • Netzwerkerinnen und Netzwerker in Neckarsulm
  • Zukunftswerkstatt für an Bildung interessierte Menschen und Institutionen

Neben den Zukunftswerkstätten wurden acht Themenabende durchgeführt. Im Folgenden geht es um das methodische Vorgehen zum Thema »Migration und Integration«.

Die Treffen fanden von 18.00 Uhr bis 21.00 Uhr statt. Alle Bürgerinnen und Bürger, die Interesse an diesem Schwerpunktthema hatten, wurden öffentlich eingeladen. Unter der Überschrift »Migration und Integration: Neue Bürger – neues Denken und neues Handeln« kamen zwischen 40 und 50 Personen.

Symbol: »Tipp« (eine stilisierte Glühbirne)

Entscheidend für die Arbeitsweise des U-Prozesses im Rahmen der Bürgerbeteiligung ist, dass die Bürgerinnen und Bürger die Philosophie und die Form der Begleitung durch den Moderator nachvollziehen können.

Der Moderator stellt den U-Prozess deshalb an jedem Themenabend kurz vor und beantwortet Fragen. Den Anwesenden soll deutlich werden, mit welchen methodischen Schritten der Moderator die Prozesse und neue entstehende Projekte begleiten wird. Zudem erhält die Ansprechpartnerin vor Ort, an die sich alle interessierten Bürgerinnen und Bürger jederzeit wenden können, die Gelegenheit sich vorzustellen.

An einem der Themenabende zeigte sich die Wirkung der persönlich bedeutsamen Geschichten. Es war die Phase, in der sich die Aspekte herauskristallisieren, die weiter bearbeitet werden sollen. Es ging in den dritten Raum (Prototyping). Die »Prototypen« – kleine Anfänge – werden formuliert, das Vorgehen wird abgesprochen (siehe Abbildung »U-Prozess«).

Ablauf U-Prozess zum Thema »Migration und Integration«« | Abb.: Heinz Hinz · Hans-Günther Garz

Nachdem drei Teilnehmerinnen ihre bedeutsame Geschichten erzählt hatten, stand eine junge Frau aus Polen auf und erzählte ihre Geschichte. Sie begann mit dem Satz: »Jetzt traue ich mich auch, meine Geschichte zu erzählen«. Sie erzählte, wie sie vor einigen Jahren mit Sprachschwierigkeiten und ohne soziale Kontakte nach Neckarsulm kam. Die unmittelbare Hilfsbereitschaft und Unterstützung der Nachbarschaft habe ihr bei der Integration sehr geholfen, was sie noch heute tief bewege. Nachdem 8 bis 9 Geschichten erzählt worden waren, wurde der Raum mit großen Flipchart-Blätter ausgelegt. Die Teilnehmer/innen konnten sofort assoziativ verschiedene Themen formulieren und wussten auch, welche Themen sie bearbeiten wollten. Wie von selbst organisierten sich die Beteiligten in Arbeitsgruppen und planten noch am selben Abend das weitere Vorgehen.

Folgende Schwerpunkte wurden an diesem Abend entwickelt und in Arbeitsgruppen weiterverfolgt:

  • Aus der Geschichte der jungen polnischen Frau entstand die Arbeitsgruppe: »Begrüßungsdienst – der erste Schritt«. Die Arbeitsgruppe befragte 100 exemplarisch ausgewählten Bürger/innen und stellte auf der Grundlage der Befragungsergebnisse den Inhalt einer neu entwickelten Begrüßungsmappe für Neubürger zusammen.
  • Die gleiche Arbeitsgruppe arbeitete zudem an der Verbesserung des örtlichen Leitsystems durch Infotafeln und an einer Stadtführung für Neubürger/innen.
  • In der Kernstadt Neckarsulm wurde ein weiteres »Café Zukunft« eröffnet. Das Caritas Familienbüro und die Stiftung Starke Familien in Neckarsulm betreiben seit Jahren in Neckarsulmer Stadtteilen mit hohem Migrantenanteil ein »Café Zukunft«. Die Cafés bieten eine interkulturelle Begegnungsmöglichkeit für Familien. Durch den Aufbau von Kooperationsbeziehungen im Bürgerbeteiligungsprozess gelang es ein drittes Café in der Kernstadt zu eröffnen.
  • »Muslimisch- Christliche Begegnungen«. Muslime und Christen begegnen sich im Dialog und planen gemeinsame Veranstaltungen.
  • Prototyp: »Beziehungen über außerschulische Zusammenarbeit gestalten«.

Im Verlauf des Bürgerbeteiligungsprozess entstandene konkrete Projekte durch Synergien, die Stärkung der Vernetzung und gegenseitige Information. So konnten Teilnehmer/innen einen ehrenamtlichen, kostenlosen Besuchsdienst für ältere, mobili­tätsbeeinträchtigte Menschen aufbauen und mit Unterstützung der Schulen einen Computerkurs für Senioren anbieten.

Die Projektteilnehmerinnen und Projektteilnehmer wurden alle 2 Monate in eine Dialogwerkstätte eingeladen, um über den aktuelle Stand zu berichten, sich Unterstützung zu holen und Absprachen mit der Stadtverwaltung zu treffen. An diesen Treffen nahm auch regelmäßig der Oberbürgermeister teil. Der Gemeinderat wurde regelmäßig über den Prozessstand informiert.

Symbol: »Externer Link« (Pfeil, der aus einem Quadrat herauszeigt)

WIR in Neckarsulm: Ausführliche Informationen zum Bürgerbeteiligungsprozess der Stadt Neckarsulm.