Praxisbeispiel Talk Walks durch Kieler Kleingärten

Im Januar 2013 beauftragte das Kieler Stadtparlament die Stadtverwaltung mit der Erstellung eines stadtweiten Kleingarten-Entwicklungskonzeptes und verband dies mit einer umfassenden Beteiligung der Bürger/innen. Eine zugespitzte politische Auseinandersetzung um ein 1830 ausgewiesenes Kleingartengelände ging dem Beschluss unmittelbar voraus. Die Ausgangslage des Beteiligungsprozesses war insofern schwierig.

Die Stille nach dem Streit

Was war geschehen: Die Kieler Wirtschaftspolitik hatte sich für die Ansiedlung eines großflächigen Möbelmarktes engagiert. In der Öffentlichkeit verband sich diese Position insbesondere mit der Person des Stadtbaurats. Die Stadt hatte ein zentral gelegenes Kleingartenareal an den Investor verkauft. Das Grundstück liegt inmitten des in den 1920er-Jahren deklarierten Kieler »Grün- und Kulturgürtels«, der das Stadtzentrum kreisförmig als geschützter Naherholungsraum umschließt. Prompt erwirkte eine Bürgerinitiative gegen den Widerstand der Stadtverwaltung einen Bürgerentscheid. Bereits vor dem Termin der Abstimmung erteilte die Stadtverwaltung dem Investor die Genehmigung, die Gartenlauben abzureißen. Mit der Devastierung erster Gärten wurde daraufhin begonnen. In dieser Situation votierten die Bürger mit knapper Mehrheit für die Gewerbeansiedlung.

So lässt sich als Ergebnis feststellen: Die Politik hat ihr Ziel durchgesetzt, dabei jedoch bei den Bürger/innen enorm an Ansehen und Vertrauen verloren: »42 000 Bürger haben für den Erhalt des Grüngürtels gestimmt. Wir trauen unsere Stadtverwaltung nicht mehr.« Mit diesen Worten kommentierte die Bürgerinitiative den Start des Beteiligungsverfahrens. Die Gartenfreunde konnten eine beachtliche Anzahl Mitbürger mobilisieren, verfehlten aber letztlich doch ihr Ziel. Wie nun also wieder ins Gespräch kommen miteinander?

Aufsuchen, hinschauen, zuhören, austauschen

Die Bürgerbeteiligung zur Entwicklung des Kleingarten-Entwicklungskonzepts enthält ergänzende Bausteine wie etwa Gartentisch-Gespräche in den Gartensiedlungen, Experten- Gespräche mit Vereinsvorständen oder auch öffentliche Ideenwerkstätten.

Zwei Talk Walks sollten insbesondere jene Bürger/innen erreichen und für das Anliegen interessieren, die selbst (noch) keinen Kleingarten besitzen. Der Bürgerentscheid hatte deutlich gemacht, dass die Kleingärten nur zu erhalten sein würden, wenn auch »Nicht-Gärtner« ihnen die nötige Wertschätzung entgegenbringen. Entlang der dialogischen Spaziergänge wurden mehrere ausgewählte Gärten besucht. In den Gärten entwickelte sich ein Gespräch mit dem betreffenden Gartenfreund oder bei brach liegenden Parzellen mit dem Vorsitzenden des Gartenvereins.

Die vielfältigen Problemlagen der Gartenvereine wurden ebenso deutlich wie die unterschiedlichen Motivationen, einen Kleingarten zu gestalten und dauerhaft zu pflegen. Das direkte Aufsuchen der Gärten ermöglichte einen unmittelbaren, auch sinnlichen Eindruck. Wie sonst könnte man den Zauber einer besonders prachtvoll gewachsenen Rose vermitteln? Wie sonst könnte man begreifen, welche Bedeutung ein Garten für eine über achtzigjährige Gärtnerin oder für eine junge Familie hat?

Das Hinschauen, das Zuhören und Verstehen-Wollen stand bei diesen Gartenspaziergängen im Vordergrund. »Die Talk Walks habe ich als angenehm niedrigschwellige Form der Bürgerbeteiligung erlebt«, so die Beobachtung einer Mitarbeiterin des Stadtplanungamtes.

Tatsächlich kamen die Menschen entlang des Weges untereinander ins Gespräch – so auch der Stadtbaurat mit den Aktiven der Bürgerinitiative. Dass sie dabei nicht beobachtet wurden oder gezwungen waren, ihre jeweiligen Standpunkte zu verteidigen, eröffnete die Chance für einen offenen Dialog.

Am Ende des Spaziergangs wurde ein Gesprächstermin vereinbart. Die Bürgerinitiative beschloss außerdem, eigenständig weitere Talk Walks durch den Kieler Grün- und Kulturgürtel durchzuführen.

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